Sinn als Deutungshorizont

Zweck und Funktion zwischen Ziel und Sinn

Einleitung
Ich realisiere hin und wieder, dass ich bezüglich der Begriffe Zweck, Sinn, Funktion, Ziel immer noch ziemlich viel Konfusion habe. Es gibt dazu einen wichtigen Aufsatz Behaviour, Purpose and Teleology von N. Wiener, der aber vor allem eine kybernetische Abgrenzung leistet. Ich versuche im Folgenden etwas Ordnung für mein Lexikon zu schaffen. Ich spiele die Begriffe innerhalb meines systemtheoretischen Frames anhand von Artefakten durch und werde dann andere Verwendungen der Wörter als Metaphern oder sprachliche Verkürzungen erläutern, was vielleicht Inversionen möglich macht, die den Ausgangspunkt bei Artefakten aufheben können.

Artefakt und Deutung
Wenn ich ein Artefakt, etwa ein paar zusammengenagelte Bretter als Sitzbank oder als Kunstwerk deute, beobachte ich das Artefakt in einem Deutungszusammenhang, in welchem ich mein eigenes Verhalten als Handeln deute. Ich kann beispielsweise ein paar zusammengenagelte Bretter als Sitzbank erkennen, so wie ich ein bestimmtes Verhalten in Bezug auf dieses Artefakt als mich auf die Bank setzten deuten kann.

Umgekehrt kann ich, wenn ich mich auf eine Bank setze, vom Sitzen und von der Bank abstrahieren und ein Verhalten und ein Artefakt erkennen, was ich auch jenseits von sich auf eine Bank setzen beschreiben kann. Die Bank wird dabei zu einem Gestell oder einem Konstrukt und mein Verhalten zu einer Reihe von Bewegungen oder Operationen eines Körpers oder eines Organismuses. Dabei mache ich auch Deutungen, die ich dann aber nicht als Deutungen bezeichne, weil ich die mir naheliegende Deutung “mich auf eine Sitzbank setzen” ja gerade weglasse (abstrahiere).

Meine möglichen Beobachtungen deute ich als verschiedene Deutungen. Ich kann in einer Beobachtung zweiter Ordnung, also in einer Beobachtung meiner Beobachtungen beispielsweise das Beobachten von Verhalten und Handlungen oder das Beobachten von Artefakten und gedeuteten Gegenständen unterscheiden. In der zweiten Ordnung erkenne ich wie die erste Ordnung zustande kommt.

Ziel
Wenn ich mich – in meinem Selbstverständnis deutend – auf eine Bank setze, verfolge ich in dem Sinne ein Ziel, als ich ein angestrebtes Ende meiner Handlung erkenne. Ich setze mich so lange bis ich sitze. Als Handlung bezeichne ich allgemein ein zielgerichtetes und mithih geplantes Verhalten. Handlungen folgen einem Plan und haben ein intendiertes Ziel, das ich in Bezug auf Verhalten in Form von Abschlussbedingungen beschreibe.

Zweck
Wenn ich die Sitzbank als Sitzbank wahrnehme, nehme ich damit wahr, dass dieses Artefakt zum Sitzen hergestellt wurde. Es gibt eine berühmte Episode, in welcher eine Badewanne als Badewanne wahrgenommen wurde, obwohl sie als Kunstwerk hergestellt wurde. Wahrnehmungen sind kontingent, aber wenn sie in Handlungen münden, sind sie oft entschieden. Wenn ich eine Sitzbank wahrnehme, schreibe ich ihr einen Zweck zu, weil ich sie als Mittel erkenne. Das, was in meiner Verwendung der Sitzbank als Ziel meiner Handlung erscheint, wird zum Zweck der Sitzbank. Quasietymologisch repräsentiert der Zweck das Ziel einer Handlung. Zweck hiess früher der Nagel, mit welchem die Schützenscheibe an den Baum geschlagen wurde, so das der Schütze, der in die Mitte der Scheibe zielte, den Zweck als Ziel seiner Handlung hatte.

Mit Ziel und Zweck unterscheide ich also Beobachtungsperspektiven. Das Mittel hat den Zweck, der als Handlungsziel bei der Verwendung des Mittels besteht. Der Zweck ist aber an das Mittel und nicht an die Handlung gebunden. Wenn ich handelnd das Ziel verfolge, mich zu setzen, kann ich eine Sitzbank als Mittel verwenden. Die Sitzbank hat deshalb den Zweck, sich setzen zu können, der in ihrer Gegenstandsbedeutung aufgehoben ist, wenn sie als Sitzbank und nicht als Kunstwerk hergestellt wurde. Ich kann den Zweck auch erkennen, wenn ich mich nicht auf eine Sitzbank setzen will. Aber ich kann den Zweck der Sitzbank nicht erkennen, wenn ich nicht weiss, dass man auf Bänke sitzen kann.

Sinn
Die Sitzbank als Sitzbank zu erkennen, bezeichne ich als Sinn erkennen. Es geht dabei nicht um den Zweck der Sitzbank, sondern darum, dass ich über eine Deutung verfüge, in welcher das Ding eine Sitzbank ist. Es geht also auch nicht um den Sinn der Sitzbank, sondern um den Sinnzusammenhang, in welchem die Sitzbank eine Sitzbank ist. Das literaturklassische Beispiel besteht darin, dass ich in 6 + 2 den Sinn erkenne, 8 zu sein, was heisst, dass ich eine Syntax erkenne, von welcher durch die drei einzeln dastehenden Zeichen (6, +, 2) überhaupt nichts zu sehen ist. Ich erkenne den Sinn des Ausdruckes durch einen Deutungszusammenhang, in welchem ich die drei Zeichen zu einem Ausdruck zusammenfüge. Und umgekehrt bestimmen meine Deutungszusammenhänge, was ich als sinnvoll wahrnehmen kann. Wenn ich etwas als etwas wahrnehme, erkenne ich seinen Sinn als mein Deutungshorizont.

Funktion
Wenn ich nach der Funktion eines Artefaktes frage, stelle ich dieses Artefakt in einen Kontext, in welchem es eine Teilaufgabe erfüllt. Thema ist also ein übergeordnetes System, innerhalb dessen dem Artefakt eine bestimmte Funktion zukommt. Der Zweck des Gegenstandes wird zur Funktion, indem er eine Anforderung in einem übergeordneten Zusammenhang erfüllt. Typischerweise spreche ich von einem Subsystem in einem System. Wenn ich beispielsweise nach der Funktion einer Heizung frage, habe ich vorausgesetzt, dass die Heizung Bestandteil einer Funktionsweise ist. Damit mir ein Haus wohnlich erscheint, braucht es eine bestimmte Temperatur, die ich mit einer Heizung gewährleisten kann. Der Zweck der Heizung ist Heizen und Heizen ist ein Funktion im Haus.

Mit Funktion und Zweck unterscheide ich also Beobachtungsperspektiven. Als Funktion erscheint mir der Zweck eines Gegenstandes, wenn ich den Gegenstand als Teil eines Ganzen beobachte, während die Funktion des Gegenstandes zum Zweck wird, wenn ich den Gegenstand selbst als Ganzes sehe.

Sprachkritik
Als Sprachkritik bezeichne ich das Vergleichen von Wortverwendungen. Das will ich hier tun. Es geht nicht um richtige oder falsche Wortverwendungen, sondern um die jeweiligen Implikationen von Wortverwendungen. Die Begriffe, die ich hier eingeführt habe, sind kontingente Beispiele für Wortverwendungen. Ich glaube, fast niemand verwendet diese Wörter so wie ich, und selbst ich verwende diese Wörter in vielen Zusammenhängen – quasi bewusstseinlos – auch belieg anders.

Ich spreche von einem uneigentlichen Wortgebrauch, wenn ich ein Wort nicht so verwende, wie ich es eigentlich verwende. Metaphern sind typische Beispiele dafür. Wenn ich eine Metapher verwende, verwende ich quasi ein falsches Wort, das ich nicht wörtlich meine. Wenn ich einen Menschen einen Esel nenne, meine ich nicht das Tier, sondern eben das, was ich im Kontext mit dem Ausdruck “Esel” bezeichne. Ich könnte vielleicht anstelle von: Du bist ein Esel, vollständiger sagen: Du verhälst Dich dumm wie ein Esel, oder ich könnte den Esel ganz weglassen und sagen: Du verhälst Dich widerspenstig und störisch.

Wenn ich beispielsweise vom Sinn einer guten Isolierung eines Hauses spreche, könnte ich den Zweck oder die Funktion der Isolierung meinen und den Ausdruck “Sinn” in einem ungefähren Sinn einer alltäglichen Unachtsamkeit verwenden. Ich könnte aber auch .. verkürzt ..

Risiko

Als Risiko bezeichne ich zunächst eine Gefahr, die ich – im Sinne einer Prävention – vermeiden könnte. Ich fange mit einem simplen Beispiel. Wenn ich ohne Schirm unterwegs bin, riskiere ich im Regen nass zu werden. Das Risiko ohne Schirm aus dem Haus zu gehen, kann ich nur eingehen, wenn ich einen Schirm habe. Wenn ich einen Schirm habe und das Risiko eingehe, den Schirm zu Hause zu lassen, kann ich mein Nasswerden im Regen nicht als Schicksal bezeichnen, weil ich etwas dagegen hätte tun können.

Von Risiko kann ich in diesem Sinne nur sprechen, wenn ich eine Gefahr und eine Möglichkeit, diese Gefahr abzuwenden mitbedenke. Dass es regenen könnte, ist in diesem Sinne weder ein Risiko noch eine Gefahr, weil ich Regen weder herbeiführen noch verhindern kann. Regen ist vielmehr eine Voraussetzung des (Regen)schirms, mit welchem ich ein Stück weit verhindern kann, im Regen nass zu werden. Das so aufgefasstes Risiko ist mithin an eine Technik gebunden, die gegen eine Gefahr gerichtet ist und die ich in diesem Beispiel mit Abschirmen bezeichne. Zum Abschirmen kann ich beispielsweise das Artefakt Schirm verwenden, aber es gibt auch andere Techniken, um im Regen nicht nass zu werden.

Als Technik bezeichne ich die Kunst (techne) effizient und effektiv zu sein. Durch die jeweilige Technik, die ich gegen eine Gefahr einsetze, definiere ich, wie ich was als Gefahr wahrnehme. Der Regenschirm verweist auf die Gefahr, nass zu werden und begründet ein Risiko, weil ich den Schirm benutzen kann, ihn aber nicht benutzen muss.

Zunächst habe ich der Technik die Gefahr vorausgesetzt. Regen, der nass macht, war schon da, bevor ich einen Schirm erfunden oder gekauft habe. Die Technik habe ich als Abwendung von Gefahr gedacht. Aber jede Technik kann ihrerseits in zwei Hinsichten als Gefahr wahrgenommen werden. Jede Technik hat nicht intendierte Wirkungen und kann in eine weitere Intention eingebunden werden. Mit dem Schirm begrenze ich mein Gesichtsfeld, ich kann also Schaden erleiden, den ich ohne Schirm hätte voraussehen und abwenden können. Ich kann den Schirm aber auch als Waffe verwenden. Wenn ich mich mit einem Schirm gegen einen Angriff verteidige, also eine Gefahr abwehre, gebe ich dem Schirm eine weitere Bedeutung. Mit einem Schirm bewaffnet bin ich sozusagen eine Gefahr für die Gefahr gegen die ich den Schirm verwende. Für einen Räuber, der mich überfallen will, ist es gefährlich, wenn ich mich mit einer Waffe verteidige.

Wenn die Technik ihrerseits ein Wirkgefüge – also etwas kopmplizierter als ein Hammer- ist, unterliegt sie Störungen, die über sie hinaus Schaden verursachen können. Wenn bei einem Flugzeug der Motor versagt, geht unter Umständen nicht nur der Motor kaputt. Solche Techniken kann ich unter dem Gesichtspunkt ihrer Wirkung als Gefahrpotenzial sehen. Ein AKW erscheint mir dann nicht als Artefakt, sondern wie Regen als Etwas, was eine Gefahr begründet. Im Regen kann ich nass werden, bei einem AKW-Unfall kann ich verstrahlt werden. Ich kann diese Gefahren mit Technik abwehren, gegen Regen hilft ein Schirm, gegen Verstrahlung helfen Jodtabletten. Ob ein AKW-Unfall eintritt oder nicht, ist auf dieser Ebene wie Regen ein Ereignis, das kommt oder nicht. Die Gefahr ist also nicht der Unfall, sondern dass ich oder die Umgebung verstrahlt werden. Gegen die Verstrahlung helfen nicht nur Jodtabletten, sondern auch eine gute Abschirmung des Reaktors, beispielsweise durch ein Betoncontainment. Die Abschirmung eines AKW mache ich nicht individuell sondern der durch Gesetze und Vorschriften ermunterte AKW-Hersteller. Das ändert aber an der Sache nichts. Die Abschirmung ist eine Technik und begründet ein Risiko, weil sie verwendet werden kann oder nicht.

Dreifaltigkeit in Japan: Erdbeben, Tsunami, AKW-GaU

Die Massenmedien melden im März 2011, dass Japan von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Die Katastrophe, die zunächst als Erdbeben von Tohoku bezeichnet wird, wird dann in drei gravierende Ereignisse aufgetrennt, die aber als eine Art Dreifaltigkeit dargestellt werden: ein Erdbeben, ein Tsunami und ein AKW-GaU. Das Erdbeben wird als ausserordentlich stark bezeichnet, obwohl es als Erdbeben vergleichsweise geringe Schäden verursacht. Das Erdbeben wird aber in der Dreifaltigkeit als Ursache eines Tsunamis gesehen, welcher vergleichsweise sehr grosse Schäden verursacht. Schliesslich wird der Tsunami als Ursache eines AKW-GaUs gesehen, dessen Schadensbilanz lange Zeit gar nicht abschätzbar scheint, obwohl sich abzeichnet, dass der Schadens jenen des Tsunamis in bestimmten Hinsichten übertreffen wird. Erdbeben und Tsunami sind wie Vater und der geschickte Sohn, der AKW-GaU hat dagegen wie der Heilige Geist, eine etwas andere Qualität. Der Heilige Geist wird – auch in der Bibel – allegorisch als Symbol für etwas anderes verwendet.

Die Dreiteilung der Katastrophe in den deutschsprachigen Massenmedien dürfte weniger mit der christlichen Kultur im deutschen Sprachraum zusammenhängen als damit, dass der AKW-GaU einen Risikodiskurs ermöglicht, der die Massen der Medien selbstbezüglich betroffen macht. Das Erdbeben und der Tsunami im fernen Japan erzeugen eine Art Mitleid, die sich über Spenden (jeder Rappen zählt) bilanzieren lässt. Der AKW-GaU dagegen wird als Risiko behandelt, dem nicht nur die fernen Japaner unterliegen. Der GaU hat die beiden anderen Anteile der Katastrophe in den deutschsprachigen Massenmedien sehr rasch fast vollständig verdrängt, von den Folgen des Erdbebens wird praktisch nichts berichtet, von den Auswirkungen des Tsunamis sehr wenig. Der AKW-GaU erscheint in den deutschsprachigen Massenmedien als die eigentliche Katastrophe, die aber gerade nicht als mitleiderregende Katastrophe, sondern als Katastrophenrisiko diskutiert wird. Ich kann in den Medien selten etwas über die Japaner lesen, die durch die AKWs zu Schaden gekommen sind. Sie werden sozusagen zu den Opfern einer dreifaltigen Katastrophe gezählt – und ausgeblendet. In den Massenmedien wird in diesem Sinne nicht oder nur ganz am Rande über Japan und die Katastrophen dort geschrieben, geschrieben wird über Ängste und über Risiken, die im Empfangsgebiet der Medien vermutet werden.

Gegen die Erdbeben selbst kann man bislang nichts machen, aber die Berichte über die Katastrophe in Japan zeigen, dass man sich auch gegen sehr starke oder gar ausserordentlich starke Erdbeben wappnen kann. Gegen Tsunamis kann man auch nichts machen. Die Berichte zeigen, dass man sich bislang nicht hinreichend vor der Wirkung des Tsunamis geschützt hat. Die Unterscheidung zwischen Erdbeben und Tsunami macht im Hinblick auf die Katastrophe keinen Sinn, weil es dieselbe Katastrophe ist. Die Unterscheidung macht aber Sinn im Risikodiskurs. Die meisten Häuser am Strand waren so gebaut, dass sie dem Erdbeben standgehalten haben, aber nur wenige waren so gebaut, dass sie auch den Tsunami ausgehalten haben. An einigen Orten hat man die Häuser vor einem Tsunami durch Wälle geschützt. Das war teilweise fatal, weil der vermeintliche Schutz dazu führte, dass die Menschen vor dem Tsunami, der eben für viele Schutzmassnahmen zu gross war, nicht geflüchtet sind. Der vermeintliche Schutz ist – im Schadenfall – schlimmer als gar kein Schutz. Ein gewisses Risiko einzugehen, ist ein Risiko. Die Schutzwälle zu bauen, aber sie nicht hoch genug zu bauen, erzeugte ein eigenständiges Risiko, das nicht die Häuser betroffen hat.

Als Risiko bezeichne ich zunächst eine Gefahr, deren Wirkung ich (im Sinne einer Prävention) vermeiden könnte. Ich gebe ein Beispiel. Regen kann ich wie Erdbeben nicht abwenden. Wenn ich ohne Schirm unterwegs bin, riskiere ich nass zu werden. Das Risiko ohne Schirm aus dem Haus zu gehen, kann ich nur eingehen, wenn ich einen Schirm habe, während die Gefahr, dass es regnet, unabhängig davon existiert. Wenn ich keinen Schirm habe, bestimmt das Schicksal, ob ich nass werde. Wenn ich einen Schirm habe und das Risiko eingehe, den Schirm zu Hause zu lassen, kann ich das Nasswerden im Regen nicht als Schicksal bezeichnen, weil ich etwas dagegen hätte tun können.

AKW-GaUs sind im Unterschied zu Erdbeben und Tsunamis eine Gefahr, gegen die man etwas machen könnte, indem man auf AKW verzichtet. Genau in diesem Sinne ist die AKW-GaU-Katastrophe von anderer Qualität als die beiden anderen Teile der Dreifaltigkeit. Sie entstammt dem (heiligen) Geist, der die Menschen zu toolmaking animals macht. Als Risiko erscheint nun nicht mehr die vielleicht zu geringe Schutzmassnahme, sondern die Herstellung einer Gefahr, vor der man sich schützen muss. Dass AKW im Prinzip sehr gefährlich krepieren können, wird mir jenseits der dreifältigen Katastrophe in Japan – und auch unabhängig von Tschernobyl – klar, wenn ich sehe, mit wie viel Aufwand ich vor der Gefahr eines GaUs geschützt werde. Wenn von einem AKW keine Gefahr ausginge, würde es kaum unter so viele Auflagen gestellt und mit dicken Stahl- und Betonwänden umgeben, die zu seiner Funktionsweise nichts beitragen, sondern wie etwa ein Airbag im Auto nur möglichen Schaden abwenden sollen.

Die Hypostasen der Dreifaltigkeit sind sehr verschieden. Ein Erdbeben dient niemandem, also muss auch niemand darüber nachdenken, ob er ein Erdbeben haben will. Beim Erdbeben bezieht sich das Risiko darauf, wie viel Schutz wir uns leisten wollen. Als Gefahr ist ein AKW-GaU wie ein Erdbeben oder ein Tsunami. Deshalb stellt sich auch beim AKW, die Frage, wie viel Schutzmassnahmen wir uns leisten wollen. Aber beim AKW stellt sich eine zusätzliche Frage, weil die Herstellung eines AKW als Risiko wahrgenommen werden kann, was bei Erdbeben nicht möglich ist. Die Herstellung eines AKWs ist eine Handlung, über die wir gesellschaftlich verfügen und die ich reflektieren kann. Ich unterscheide deshalb zwei verschiedene Risiken, ein reaktives Risiko von Schutzmassnahmen und ein aktives Risiko, wo die Gefahr selbst hergestellt wird.

Dass die deutschsprachigen Massenmedien den AKW-GaU sehr viel ausführlicher thematisieren als die beiden andern Katastrophen sehe ich darin begründet, dass alle drei Katastrophen sehr weit weg stattfinden und die Massenmedien als Redaktionen eigentlich nicht betreffen, sondern nur
reisserische Schlagzeilen liefern, dass aber diese Redaktionen, wenn sie ihre eigenen Schlagzeilen lesen, auf eigene Ängste zurückverwiesen werden. Dann wird die AKW-Katastrophe im fernen Japan Auslöser einer ganz anderen Geschichte, die sich hier abspielt. In vielen Massenmedien wird die eigene Angst in die Masse projiziert, indem sie schreiben, dass sich die Leser viel mehr für AKW-Politik interessieren als für die Leiden der Japaner. In dieser Inversion könnte man sagen, dass die Massenmedien mit ihren Berichten auf die Tatsache reagieren, dass es bei uns eine Anti-AKW-Bewegung, aber keine Anti-Erdbeben- und keine Anti-Tsunami-Bewegung gibt. Und die Anti-AKW-Bewegungen reagieren auf die hier beobachtete Risikodifferenz in dem Sinne mit Indifferenz, als sie nicht über Schutzmassnahmen bezüglich eines AKW-GaUs verhandeln, sondern eben gar keine AKWs wollen.

Libyen oder die Wahl des Systems

In den Massenmedien wird berichtet, dass in Libyen militärisch auch mit Flugzeugen und Panzern gekämpft wird.
Es eine Art Krieg im Gange.

Ich mache mir bewusst, dass jede Beobachtung perspektivisch ist – und das Dialoge dazu dienen, sich der Perspektiven bewusst zu werden. Ich stelle mir also die Fragen, wer kämpft wo und warum oder worum. Mit Libyen könnte ein Staat oder eine Nation gemeint sein, ich kann Libyen aber auch als geographische Angabe wie etwa Nordafrika lesen. Wenn ich an einen Staat denke, beeinflusst das meine Auffassung davon, wer wofür und gegen wen kämpft. Wenn ich Libyen nur als Ort verstehe, muss ich die Kampfhandlungen nicht auf staatliche Verhältnisse beziehen.

In den Massenmedien werden die Kampfparteien fast durchwegs als (diktatorische) Regierung und als (aufständische) Opposition bezeichnet (unabhängig davon, dass Gaddafi gemäss seiner Selbstbeschreibung kein Regieerungsamt ausübt). Unter diesem Gesichtspunkt scheint eine Art Revolution des Volkes gegen seine unterdrückende Regierung im Gange zu sein. Ich will aber auch in dieser Hinsicht etwas zurücktreten, weil ich nicht annehme, dass das aufständische Volk französische und us-englische Militärflugzeuge besitzt.

Ich beobachte, dass Flugzeuge und Panzer gegeneinander ins Feld ziehen. In dieser Feld-Perspektive, die ich analog etwa auf ein Fussballspiel anwende, erscheinen zwei “Mannschaften”, die mit allfälligen Zuschauern und Opfern des (Wett)Streites nichts zu tun haben. Die meisten Menschen, die im geographischen Bereich Libyen leben, beobachte ich als Zuschauer und Opfer, die für das von mir beobachtete Kriegssystem nur eine Umwelt darstellen und wegen der Geschlossenheit jedes Systems buchstäblich keinen Einfluss nehmen – so wie die brüllende Zuschauerschar nicht Fussball spielt. Ich bezeichne die im Kriegssystem operierenden Parteien willkürlich als Gaddafi-Klan und als dessen Gegner. Die Frage, worum gekämpft wird, beantworte ich zunächst ganz abstrakt mit Geld. Es könnte um Erdölerträge gehen, es geht sicher um die Verteilung von Vermögen. Das Vermögen kann ich aber auch als künftiges Produkt sehen, das den Gewinnern des Krieges zufallen wird, also beispielsweise die Steuergelder, die durch den Gewinn des Krieges angeeignet werden.

In den Massenmedien lese ich, dass Gaddafi aufgrund der Erdölvorkommen, die er ausbeute, über sehr viel Geld verfüge. Ich überlege mir also, wer zur Gaddafi-Partei gehört und mithin von diesem Vermögen profitiert und wer auf der anderen Seite um dieses Vermögen kämpft? Das ist einen ganz andere Fragestellung und eine ganz andere Perspektive, als wenn ich annehme, dass ein unterdrücktes Volk gegen eine Regierung um politische Rechte kämpft. Nochmals, es geht mir hier nicht darum, was wirklich der Fall ist, sondern darum, wie ich die Sache beobachte und was ich in Abhängigkeit meiner Perspektive wie für-wahr-nehme.

In der Schweiz gibt es eine Oel-Firma Tamoil, die bislang eindeutig zu Gaddafi gehört hat, und die die Ressourcen dieser Kriegspartei mitangehäuft hat. Diese Firma ist ein Gewebe von Aktien, die durch verschiedenste Verhältnisse verschiedensten Mensch gehören, die ich alle zusammen als ursprünglichen Gaddafi-Klan bezeichne. Nun könnte dieser Klan von aussen angegriffen werden. Das ist in der heutigen Zeit nicht so leicht vorstellbar, obwohl die jüngere Geschichte immer wieder eigentliche Eroberungskriege erzählt. Es ist noch nicht sehr lange her, dass der italienische Staat Libyen erobert und finanziell mehr oder weniger erfolglos ausgenommen hat. Dass ein Finanzimperium von einer Armee eines anderen Finanzimperiums oder gar eines Staates angegriffen wird, erscheint mir aber heute eher unwahrscheinlich. Eine andere Vorstellung besteht darin, dass der Gaddfi-Klan in sich zerfällt, weil er es nicht schafft, eine Geldverteilung zu finden, die den internen Kräfteverhältnissen entspricht.

Risiko und Gefahr

Auch in der aktuellen AKW-Diskussion erscheinen mir viele Aeusserungen sehr schwammig. Von schwammigen Begriffe spreche ich, wenn die jeweilige Verwendungsweise nicht durch die implizierten Differenzen reflektiert wird, also wenn Begriffe für sich selbst sprechen müssen. In der AKW Diskussion fallen die Ausdrücke Gefahr und Risiko sehr häufig, ohne dass mitgesagt wird, wie die Ausdrücke zu verstehen sind. Ich meine nicht, dass Begriffe generell definiert werden können, weil ich die Bedeutung der Worte vom Gebrauch abhängig mache. Ich meine aber, dass die jeweilige Verwendung der Worte reflektiert werden kann, etwa durch die Erläuterung von implizierten Differenzen.

Differenztheoretisch kann ein Risiko als eine Differenz zwischen Risiko und Gefahr gesehen werden. Als Risiko bezeichne ich eine Gefahr, die ich (im Sinne einer Prävention) vermeiden kann (aber nicht vermeiden muss). Wenn ich ohne Schirm unterwegs bin, riskiere ich nass zu werden. Dieses Risiko kann ich nur eingehen, wenn ich einen Schirm habe, während die Gefahr, dass es regnet, unabhängig davon existiert.

Als Gefahr bezeichne ich latent wahrgenommene Schadenereignisse wie etwa nass oder verstrahlt zu werden. AKW-Brennstäbe verbinde ich mit der Gefahr verstrahlt zu werden. Ich kann das Risiko eingehen, mich vor dieser Verstahlung nicht oder nicht hinreichend zu schützen. Dieses Risiko kann ich genau soweit eingehen, wie ich mich schützen könnte, ohne es zu tun.

Das Herstellen von AKW-Brennstäben produziert Gefahr, nicht Risiko. Ob ich mich dieser Gefahr aussetze oder nicht, ist eine Frage die ich jenseits von Risiken abschätzen und entscheiden kann. Ich kann aber auch ein Risiko ins Spiel bringen, indem ich das AKW so baue, dass die Gefahr im Sinne einer Prävention gebannt ist. Dann kann ich mich fragen, ob ich das Risiko eingehen will.

Nachdem ich das Risiko einmal ins Spiel gebracht habe, muss ich mich fragen, ob ich das Risiko eingehen will, das Risiko einzugehen. Das Containment des AKW bannt die Gefahr der Verstrahlung, aber natürlich nur solange das Containment – etwa angesichts Erdbeben usw – hält. Das Containment begründet – jenseits von nicht beabsichtigten Nebeneffekten – keine Gefahr. Das Containment begründet ein Risiko, weil ich es weglassen oder nicht hinreichend gut bauen kann.

Und wo ich schon dabei bin: Ein AKW kann nicht sicher oder unsicher sein. Das kann nur ich. Ich kann sicher oder unsicher sein, dass keine Gefahr vorliegt (ganz unabhäng davon, was in welcher Realität der Fall ist). Und ich kann sicher oder unsicher sein, dass kein Risiko vorliegt.

Text als Nicht-Ding

Ich erkenne Bestrebungen, die “was-ist-das”-Frage zu suspendieren, wo sie auf die Erläuterung von Gegenständen oder Dingen hinzielt. Damit verbunden ist ein Artikulierungsproblem, das ich anhand von Text erläutern will.

Klaus Kusanowsky etwa unterscheidet in der Tradition Luhmanns Lesen und Hören und postuliert, dass Hören die Wahrnehmung von flüchtigen Signalen sei, während das Lesen mit permanenten Objekten stattfinde. Typischerweise lässt K. Kusanowsky aussen vor, was permante Objekte sind, weil er keine “was ist das-Fragen” stellt. Damit verbunden ist auch sein unausgesprochenes Menschenbild in Form von Lesern und Hörern. In meiner Wahrnehmung kommen beim Hören wie beim Lesen Wellen in die Wahrnehmungsorgane, also flüchtige Signale.
In der objekt-orientierten Darstellung spreche ich beim Text von Zeichenkörpern, die das Licht strukturieren. Text erscheint dan als objektives Artefakt in meiner Um-Welt, das einer Objektpermanez (J. Piaget) unterliegt. Ich “sehe” den Text dort draussen, aber ich kann mir bewusst machen, dass ich das strukturierte Licht, das in meine Augen fällt, wahrnehme. Der Text springt nicht in meine Augen, sondern bleibt, wo er ist.
In einem konstruktiven Sinn habe ich meine Wahrnehmung, durch welche ich den Text im Sinne einer mechanistisch gedachten Verursachung als Objekte vor meinen Augen erschliesse. Indem ich meine Wahrnehmung in einem bestimmten Sinn permanent halte, halte ich das Objekt für permanent. Wenn ich objektiv denke, lasse ich meine Wahrnehmung ausser Betracht und sehe dann Objekte in der Welt.
Wenn ich meine Objekterfahrung reflektiere, verschwinden die Objekte dahingehend, dass ich mich selbst zu einem Objekt mache, das Wahrnehmungen hat, die “es” als Signale aus der Umwelt rationalisiert. Dieses wahrnehmende Objekt bezeichne ich als Mensch und selbstbezüglich durch “ich”. Es ist ein Objekt in meiner Welt, das in derselben Art fiktiv ist, wie alle anderen Objekte auch.
Die objektive Sicht kann ich zeichnend und sprechend darstellen, während ich für meine Wahrnehmung keinen Ausdruck finde. Wenn ich also von Text spreche, spreche ich von einem Objekt, das ein materielles Ding ist, das ich konstruieren kann.
Wenn ich Text herstelle, also schreibe, koordiniere ich mein Verhalten so, dass ich den Text wahrnehmen kann, den ich herstelle. Ich forme dazu Material, ich stelle Zeichenkörper her.

Mein Text-Begriff führt dazu, dass ich auch Texte im Computer oder im Internet keineswegs als flüchtig bezeichnen würde, während K. Kusanowsky – und mit ihm die ganze Luhmann-Schule) in wilde Spekulationen über “digitale” Texte verfällt. Texte werden zu freischwebenden Medien, die sich beliebig verändern, und so jede Dokumentation unmöglich machen. Bei herkömmlichen Dokumenten, meint K. Kusanowsky würde sich im Diskurs belegen lassen, was im Original wirklich geschrieben steht, während bei digitalen Texten nicht nur die Leserinterpretationen, sondern eben auch die Texte selbst beliebig würden.

In meiner Interpretation versucht K. Kusanowsky die Luhmanntheorie der Medien (als buch-orientierte Gutenberg-Theorie) aufzuheben und zu zeigen, dass damit eauch eine bestimmte Art der Wissenschaft obsolet wird, während die Luhmannschule diese “Nicht-Ding”-Auffassung konservativ verwendet, indem sie verhindert, über Text als Ding nachzudenken.

Text

Als Text bezeichne ich jede durch eine Grammatik (Chomskygenerator) generierte Menge von Zeichenketten, unabhängig davon, wozu ich sie verwende. Abstrakt, als Texte, sind sich ein Computerprogramm und ein Liebesbrief gleich.

Wenn Text nicht mentalistisch abgehoben, eine “(schriftlich fixierte) im Wortlaut festgelegte Folge von Aussagen” (LexiRom 1995), sondern ein von Menschen intentional hergestelltes Produkt (Artefakt) ist, kann man nicht nur nach seiner Wirkung, sondern auch nach seiner Gegenstandsbedeutung Holzkamp 1976:25ff) fragen.

Erläuterungen
- ‘Text’ ist eine abstrakt gesehene Beschreibung, wie der Zeichenkörper
  ein abstraktes Symbol ist.
- Das Alphabet ist kein Text, es dazu dient, die Zeichenkörper einzuführen.
- Ein Programm (Zeichenkörpermenge) ist ein Text ohne symbolische Bedeutung .
- Die Produktion von Text heisst Schreiben (siehe auch Schrift)
- selbstbezügliches Beispiel: was hier steht
- siehe auch: elektronisch gespeicherter Text

Die Gegenstandsbedeutung von Text liegt nicht in der Verwendung von Text und ist nicht eine irgendwie geartete inhaltliche Bedeutung, die mittels Text übermittelt werden soll, sondern die Bedeutung des gegenständlichen Textes selbst, also seine gegenständliche Funktion im übergeordneten Prozess.



Wer Text produziert, mag zwar einen von Menschen interpretierbaren Verweis intendieren, aber er konstruiert einen materiellen Gegenstand, also etwa eine pixelmässig geordnete Graphitkonstruktion (Zeichenkörper) die häufig auf einem Textträger, zb auf einer Karteikarte aufgetragen ist, die ich als Artefakt auffassen kann, ohne mich dafür zu interessieren, was der Text für wen bedeuten soll.

 

Ausführlicher im Aufsatz Hypertext oder Was heisst Konstruktion im konstruktivistischen Diskurs?