Dreifaltigkeit in Japan: Erdbeben, Tsunami, AKW-GaU


Die Massenmedien melden im März 2011, dass Japan von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Die Katastrophe, die zunächst als Erdbeben von Tohoku bezeichnet wird, wird dann in drei gravierende Ereignisse aufgetrennt, die aber als eine Art Dreifaltigkeit dargestellt werden: ein Erdbeben, ein Tsunami und ein AKW-GaU. Das Erdbeben wird als ausserordentlich stark bezeichnet, obwohl es als Erdbeben vergleichsweise geringe Schäden verursacht. Das Erdbeben wird aber in der Dreifaltigkeit als Ursache eines Tsunamis gesehen, welcher vergleichsweise sehr grosse Schäden verursacht. Schliesslich wird der Tsunami als Ursache eines AKW-GaUs gesehen, dessen Schadensbilanz lange Zeit gar nicht abschätzbar scheint, obwohl sich abzeichnet, dass der Schadens jenen des Tsunamis in bestimmten Hinsichten übertreffen wird. Erdbeben und Tsunami sind wie Vater und der geschickte Sohn, der AKW-GaU hat dagegen wie der Heilige Geist, eine etwas andere Qualität. Der Heilige Geist wird – auch in der Bibel – allegorisch als Symbol für etwas anderes verwendet.

Die Dreiteilung der Katastrophe in den deutschsprachigen Massenmedien dürfte weniger mit der christlichen Kultur im deutschen Sprachraum zusammenhängen als damit, dass der AKW-GaU einen Risikodiskurs ermöglicht, der die Massen der Medien selbstbezüglich betroffen macht. Das Erdbeben und der Tsunami im fernen Japan erzeugen eine Art Mitleid, die sich über Spenden (jeder Rappen zählt) bilanzieren lässt. Der AKW-GaU dagegen wird als Risiko behandelt, dem nicht nur die fernen Japaner unterliegen. Der GaU hat die beiden anderen Anteile der Katastrophe in den deutschsprachigen Massenmedien sehr rasch fast vollständig verdrängt, von den Folgen des Erdbebens wird praktisch nichts berichtet, von den Auswirkungen des Tsunamis sehr wenig. Der AKW-GaU erscheint in den deutschsprachigen Massenmedien als die eigentliche Katastrophe, die aber gerade nicht als mitleiderregende Katastrophe, sondern als Katastrophenrisiko diskutiert wird. Ich kann in den Medien selten etwas über die Japaner lesen, die durch die AKWs zu Schaden gekommen sind. Sie werden sozusagen zu den Opfern einer dreifaltigen Katastrophe gezählt – und ausgeblendet. In den Massenmedien wird in diesem Sinne nicht oder nur ganz am Rande über Japan und die Katastrophen dort geschrieben, geschrieben wird über Ängste und über Risiken, die im Empfangsgebiet der Medien vermutet werden.

Gegen die Erdbeben selbst kann man bislang nichts machen, aber die Berichte über die Katastrophe in Japan zeigen, dass man sich auch gegen sehr starke oder gar ausserordentlich starke Erdbeben wappnen kann. Gegen Tsunamis kann man auch nichts machen. Die Berichte zeigen, dass man sich bislang nicht hinreichend vor der Wirkung des Tsunamis geschützt hat. Die Unterscheidung zwischen Erdbeben und Tsunami macht im Hinblick auf die Katastrophe keinen Sinn, weil es dieselbe Katastrophe ist. Die Unterscheidung macht aber Sinn im Risikodiskurs. Die meisten Häuser am Strand waren so gebaut, dass sie dem Erdbeben standgehalten haben, aber nur wenige waren so gebaut, dass sie auch den Tsunami ausgehalten haben. An einigen Orten hat man die Häuser vor einem Tsunami durch Wälle geschützt. Das war teilweise fatal, weil der vermeintliche Schutz dazu führte, dass die Menschen vor dem Tsunami, der eben für viele Schutzmassnahmen zu gross war, nicht geflüchtet sind. Der vermeintliche Schutz ist – im Schadenfall – schlimmer als gar kein Schutz. Ein gewisses Risiko einzugehen, ist ein Risiko. Die Schutzwälle zu bauen, aber sie nicht hoch genug zu bauen, erzeugte ein eigenständiges Risiko, das nicht die Häuser betroffen hat.

Als Risiko bezeichne ich zunächst eine Gefahr, deren Wirkung ich (im Sinne einer Prävention) vermeiden könnte. Ich gebe ein Beispiel. Regen kann ich wie Erdbeben nicht abwenden. Wenn ich ohne Schirm unterwegs bin, riskiere ich nass zu werden. Das Risiko ohne Schirm aus dem Haus zu gehen, kann ich nur eingehen, wenn ich einen Schirm habe, während die Gefahr, dass es regnet, unabhängig davon existiert. Wenn ich keinen Schirm habe, bestimmt das Schicksal, ob ich nass werde. Wenn ich einen Schirm habe und das Risiko eingehe, den Schirm zu Hause zu lassen, kann ich das Nasswerden im Regen nicht als Schicksal bezeichnen, weil ich etwas dagegen hätte tun können.

AKW-GaUs sind im Unterschied zu Erdbeben und Tsunamis eine Gefahr, gegen die man etwas machen könnte, indem man auf AKW verzichtet. Genau in diesem Sinne ist die AKW-GaU-Katastrophe von anderer Qualität als die beiden anderen Teile der Dreifaltigkeit. Sie entstammt dem (heiligen) Geist, der die Menschen zu toolmaking animals macht. Als Risiko erscheint nun nicht mehr die vielleicht zu geringe Schutzmassnahme, sondern die Herstellung einer Gefahr, vor der man sich schützen muss. Dass AKW im Prinzip sehr gefährlich krepieren können, wird mir jenseits der dreifältigen Katastrophe in Japan – und auch unabhängig von Tschernobyl – klar, wenn ich sehe, mit wie viel Aufwand ich vor der Gefahr eines GaUs geschützt werde. Wenn von einem AKW keine Gefahr ausginge, würde es kaum unter so viele Auflagen gestellt und mit dicken Stahl- und Betonwänden umgeben, die zu seiner Funktionsweise nichts beitragen, sondern wie etwa ein Airbag im Auto nur möglichen Schaden abwenden sollen.

Die Hypostasen der Dreifaltigkeit sind sehr verschieden. Ein Erdbeben dient niemandem, also muss auch niemand darüber nachdenken, ob er ein Erdbeben haben will. Beim Erdbeben bezieht sich das Risiko darauf, wie viel Schutz wir uns leisten wollen. Als Gefahr ist ein AKW-GaU wie ein Erdbeben oder ein Tsunami. Deshalb stellt sich auch beim AKW, die Frage, wie viel Schutzmassnahmen wir uns leisten wollen. Aber beim AKW stellt sich eine zusätzliche Frage, weil die Herstellung eines AKW als Risiko wahrgenommen werden kann, was bei Erdbeben nicht möglich ist. Die Herstellung eines AKWs ist eine Handlung, über die wir gesellschaftlich verfügen und die ich reflektieren kann. Ich unterscheide deshalb zwei verschiedene Risiken, ein reaktives Risiko von Schutzmassnahmen und ein aktives Risiko, wo die Gefahr selbst hergestellt wird.

Dass die deutschsprachigen Massenmedien den AKW-GaU sehr viel ausführlicher thematisieren als die beiden andern Katastrophen sehe ich darin begründet, dass alle drei Katastrophen sehr weit weg stattfinden und die Massenmedien als Redaktionen eigentlich nicht betreffen, sondern nur
reisserische Schlagzeilen liefern, dass aber diese Redaktionen, wenn sie ihre eigenen Schlagzeilen lesen, auf eigene Ängste zurückverwiesen werden. Dann wird die AKW-Katastrophe im fernen Japan Auslöser einer ganz anderen Geschichte, die sich hier abspielt. In vielen Massenmedien wird die eigene Angst in die Masse projiziert, indem sie schreiben, dass sich die Leser viel mehr für AKW-Politik interessieren als für die Leiden der Japaner. In dieser Inversion könnte man sagen, dass die Massenmedien mit ihren Berichten auf die Tatsache reagieren, dass es bei uns eine Anti-AKW-Bewegung, aber keine Anti-Erdbeben- und keine Anti-Tsunami-Bewegung gibt. Und die Anti-AKW-Bewegungen reagieren auf die hier beobachtete Risikodifferenz in dem Sinne mit Indifferenz, als sie nicht über Schutzmassnahmen bezüglich eines AKW-GaUs verhandeln, sondern eben gar keine AKWs wollen.

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