Risiko


Als Risiko bezeichne ich zunächst eine Gefahr, die ich – im Sinne einer Prävention – vermeiden könnte. Ich fange mit einem simplen Beispiel. Wenn ich ohne Schirm unterwegs bin, riskiere ich im Regen nass zu werden. Das Risiko ohne Schirm aus dem Haus zu gehen, kann ich nur eingehen, wenn ich einen Schirm habe. Wenn ich einen Schirm habe und das Risiko eingehe, den Schirm zu Hause zu lassen, kann ich mein Nasswerden im Regen nicht als Schicksal bezeichnen, weil ich etwas dagegen hätte tun können.

Von Risiko kann ich in diesem Sinne nur sprechen, wenn ich eine Gefahr und eine Möglichkeit, diese Gefahr abzuwenden mitbedenke. Dass es regenen könnte, ist in diesem Sinne weder ein Risiko noch eine Gefahr, weil ich Regen weder herbeiführen noch verhindern kann. Regen ist vielmehr eine Voraussetzung des (Regen)schirms, mit welchem ich ein Stück weit verhindern kann, im Regen nass zu werden. Das so aufgefasstes Risiko ist mithin an eine Technik gebunden, die gegen eine Gefahr gerichtet ist und die ich in diesem Beispiel mit Abschirmen bezeichne. Zum Abschirmen kann ich beispielsweise das Artefakt Schirm verwenden, aber es gibt auch andere Techniken, um im Regen nicht nass zu werden.

Als Technik bezeichne ich die Kunst (techne) effizient und effektiv zu sein. Durch die jeweilige Technik, die ich gegen eine Gefahr einsetze, definiere ich, wie ich was als Gefahr wahrnehme. Der Regenschirm verweist auf die Gefahr, nass zu werden und begründet ein Risiko, weil ich den Schirm benutzen kann, ihn aber nicht benutzen muss.

Zunächst habe ich der Technik die Gefahr vorausgesetzt. Regen, der nass macht, war schon da, bevor ich einen Schirm erfunden oder gekauft habe. Die Technik habe ich als Abwendung von Gefahr gedacht. Aber jede Technik kann ihrerseits in zwei Hinsichten als Gefahr wahrgenommen werden. Jede Technik hat nicht intendierte Wirkungen und kann in eine weitere Intention eingebunden werden. Mit dem Schirm begrenze ich mein Gesichtsfeld, ich kann also Schaden erleiden, den ich ohne Schirm hätte voraussehen und abwenden können. Ich kann den Schirm aber auch als Waffe verwenden. Wenn ich mich mit einem Schirm gegen einen Angriff verteidige, also eine Gefahr abwehre, gebe ich dem Schirm eine weitere Bedeutung. Mit einem Schirm bewaffnet bin ich sozusagen eine Gefahr für die Gefahr gegen die ich den Schirm verwende. Für einen Räuber, der mich überfallen will, ist es gefährlich, wenn ich mich mit einer Waffe verteidige.

Wenn die Technik ihrerseits ein Wirkgefüge – also etwas kopmplizierter als ein Hammer- ist, unterliegt sie Störungen, die über sie hinaus Schaden verursachen können. Wenn bei einem Flugzeug der Motor versagt, geht unter Umständen nicht nur der Motor kaputt. Solche Techniken kann ich unter dem Gesichtspunkt ihrer Wirkung als Gefahrpotenzial sehen. Ein AKW erscheint mir dann nicht als Artefakt, sondern wie Regen als Etwas, was eine Gefahr begründet. Im Regen kann ich nass werden, bei einem AKW-Unfall kann ich verstrahlt werden. Ich kann diese Gefahren mit Technik abwehren, gegen Regen hilft ein Schirm, gegen Verstrahlung helfen Jodtabletten. Ob ein AKW-Unfall eintritt oder nicht, ist auf dieser Ebene wie Regen ein Ereignis, das kommt oder nicht. Die Gefahr ist also nicht der Unfall, sondern dass ich oder die Umgebung verstrahlt werden. Gegen die Verstrahlung helfen nicht nur Jodtabletten, sondern auch eine gute Abschirmung des Reaktors, beispielsweise durch ein Betoncontainment. Die Abschirmung eines AKW mache ich nicht individuell sondern der durch Gesetze und Vorschriften ermunterte AKW-Hersteller. Das ändert aber an der Sache nichts. Die Abschirmung ist eine Technik und begründet ein Risiko, weil sie verwendet werden kann oder nicht.

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