Sinn als Deutungshorizont


Zweck und Funktion zwischen Ziel und Sinn

Einleitung
Ich realisiere hin und wieder, dass ich bezüglich der Begriffe Zweck, Sinn, Funktion, Ziel immer noch ziemlich viel Konfusion habe. Es gibt dazu einen wichtigen Aufsatz Behaviour, Purpose and Teleology von N. Wiener, der aber vor allem eine kybernetische Abgrenzung leistet. Ich versuche im Folgenden etwas Ordnung für mein Lexikon zu schaffen. Ich spiele die Begriffe innerhalb meines systemtheoretischen Frames anhand von Artefakten durch und werde dann andere Verwendungen der Wörter als Metaphern oder sprachliche Verkürzungen erläutern, was vielleicht Inversionen möglich macht, die den Ausgangspunkt bei Artefakten aufheben können.

Artefakt und Deutung
Wenn ich ein Artefakt, etwa ein paar zusammengenagelte Bretter als Sitzbank oder als Kunstwerk deute, beobachte ich das Artefakt in einem Deutungszusammenhang, in welchem ich mein eigenes Verhalten als Handeln deute. Ich kann beispielsweise ein paar zusammengenagelte Bretter als Sitzbank erkennen, so wie ich ein bestimmtes Verhalten in Bezug auf dieses Artefakt als mich auf die Bank setzten deuten kann.

Umgekehrt kann ich, wenn ich mich auf eine Bank setze, vom Sitzen und von der Bank abstrahieren und ein Verhalten und ein Artefakt erkennen, was ich auch jenseits von sich auf eine Bank setzen beschreiben kann. Die Bank wird dabei zu einem Gestell oder einem Konstrukt und mein Verhalten zu einer Reihe von Bewegungen oder Operationen eines Körpers oder eines Organismuses. Dabei mache ich auch Deutungen, die ich dann aber nicht als Deutungen bezeichne, weil ich die mir naheliegende Deutung „mich auf eine Sitzbank setzen“ ja gerade weglasse (abstrahiere).

Meine möglichen Beobachtungen deute ich als verschiedene Deutungen. Ich kann in einer Beobachtung zweiter Ordnung, also in einer Beobachtung meiner Beobachtungen beispielsweise das Beobachten von Verhalten und Handlungen oder das Beobachten von Artefakten und gedeuteten Gegenständen unterscheiden. In der zweiten Ordnung erkenne ich wie die erste Ordnung zustande kommt.

Ziel
Wenn ich mich – in meinem Selbstverständnis deutend – auf eine Bank setze, verfolge ich in dem Sinne ein Ziel, als ich ein angestrebtes Ende meiner Handlung erkenne. Ich setze mich so lange bis ich sitze. Als Handlung bezeichne ich allgemein ein zielgerichtetes und mithih geplantes Verhalten. Handlungen folgen einem Plan und haben ein intendiertes Ziel, das ich in Bezug auf Verhalten in Form von Abschlussbedingungen beschreibe.

Zweck
Wenn ich die Sitzbank als Sitzbank wahrnehme, nehme ich damit wahr, dass dieses Artefakt zum Sitzen hergestellt wurde. Es gibt eine berühmte Episode, in welcher eine Badewanne als Badewanne wahrgenommen wurde, obwohl sie als Kunstwerk hergestellt wurde. Wahrnehmungen sind kontingent, aber wenn sie in Handlungen münden, sind sie oft entschieden. Wenn ich eine Sitzbank wahrnehme, schreibe ich ihr einen Zweck zu, weil ich sie als Mittel erkenne. Das, was in meiner Verwendung der Sitzbank als Ziel meiner Handlung erscheint, wird zum Zweck der Sitzbank. Quasietymologisch repräsentiert der Zweck das Ziel einer Handlung. Zweck hiess früher der Nagel, mit welchem die Schützenscheibe an den Baum geschlagen wurde, so das der Schütze, der in die Mitte der Scheibe zielte, den Zweck als Ziel seiner Handlung hatte.

Mit Ziel und Zweck unterscheide ich also Beobachtungsperspektiven. Das Mittel hat den Zweck, der als Handlungsziel bei der Verwendung des Mittels besteht. Der Zweck ist aber an das Mittel und nicht an die Handlung gebunden. Wenn ich handelnd das Ziel verfolge, mich zu setzen, kann ich eine Sitzbank als Mittel verwenden. Die Sitzbank hat deshalb den Zweck, sich setzen zu können, der in ihrer Gegenstandsbedeutung aufgehoben ist, wenn sie als Sitzbank und nicht als Kunstwerk hergestellt wurde. Ich kann den Zweck auch erkennen, wenn ich mich nicht auf eine Sitzbank setzen will. Aber ich kann den Zweck der Sitzbank nicht erkennen, wenn ich nicht weiss, dass man auf Bänke sitzen kann.

Sinn
Die Sitzbank als Sitzbank zu erkennen, bezeichne ich als Sinn erkennen. Es geht dabei nicht um den Zweck der Sitzbank, sondern darum, dass ich über eine Deutung verfüge, in welcher das Ding eine Sitzbank ist. Es geht also auch nicht um den Sinn der Sitzbank, sondern um den Sinnzusammenhang, in welchem die Sitzbank eine Sitzbank ist. Das literaturklassische Beispiel besteht darin, dass ich in 6 + 2 den Sinn erkenne, 8 zu sein, was heisst, dass ich eine Syntax erkenne, von welcher durch die drei einzeln dastehenden Zeichen (6, +, 2) überhaupt nichts zu sehen ist. Ich erkenne den Sinn des Ausdruckes durch einen Deutungszusammenhang, in welchem ich die drei Zeichen zu einem Ausdruck zusammenfüge. Und umgekehrt bestimmen meine Deutungszusammenhänge, was ich als sinnvoll wahrnehmen kann. Wenn ich etwas als etwas wahrnehme, erkenne ich seinen Sinn als mein Deutungshorizont.

Funktion
Wenn ich nach der Funktion eines Artefaktes frage, stelle ich dieses Artefakt in einen Kontext, in welchem es eine Teilaufgabe erfüllt. Thema ist also ein übergeordnetes System, innerhalb dessen dem Artefakt eine bestimmte Funktion zukommt. Der Zweck des Gegenstandes wird zur Funktion, indem er eine Anforderung in einem übergeordneten Zusammenhang erfüllt. Typischerweise spreche ich von einem Subsystem in einem System. Wenn ich beispielsweise nach der Funktion einer Heizung frage, habe ich vorausgesetzt, dass die Heizung Bestandteil einer Funktionsweise ist. Damit mir ein Haus wohnlich erscheint, braucht es eine bestimmte Temperatur, die ich mit einer Heizung gewährleisten kann. Der Zweck der Heizung ist Heizen und Heizen ist ein Funktion im Haus.

Mit Funktion und Zweck unterscheide ich also Beobachtungsperspektiven. Als Funktion erscheint mir der Zweck eines Gegenstandes, wenn ich den Gegenstand als Teil eines Ganzen beobachte, während die Funktion des Gegenstandes zum Zweck wird, wenn ich den Gegenstand selbst als Ganzes sehe.

Sprachkritik
Als Sprachkritik bezeichne ich das Vergleichen von Wortverwendungen. Das will ich hier tun. Es geht nicht um richtige oder falsche Wortverwendungen, sondern um die jeweiligen Implikationen von Wortverwendungen. Die Begriffe, die ich hier eingeführt habe, sind kontingente Beispiele für Wortverwendungen. Ich glaube, fast niemand verwendet diese Wörter so wie ich, und selbst ich verwende diese Wörter in vielen Zusammenhängen – quasi bewusstseinlos – auch belieg anders.

Ich spreche von einem uneigentlichen Wortgebrauch, wenn ich ein Wort nicht so verwende, wie ich es eigentlich verwende. Metaphern sind typische Beispiele dafür. Wenn ich eine Metapher verwende, verwende ich quasi ein falsches Wort, das ich nicht wörtlich meine. Wenn ich einen Menschen einen Esel nenne, meine ich nicht das Tier, sondern eben das, was ich im Kontext mit dem Ausdruck „Esel“ bezeichne. Ich könnte vielleicht anstelle von: Du bist ein Esel, vollständiger sagen: Du verhälst Dich dumm wie ein Esel, oder ich könnte den Esel ganz weglassen und sagen: Du verhälst Dich widerspenstig und störisch.

Wenn ich beispielsweise vom Sinn einer guten Isolierung eines Hauses spreche, könnte ich den Zweck oder die Funktion der Isolierung meinen und den Ausdruck „Sinn“ in einem ungefähren Sinn einer alltäglichen Unachtsamkeit verwenden. Ich könnte aber auch .. verkürzt ..

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Eine Antwort zu “Sinn als Deutungshorizont

  1. Dieser Part ist rund, stimmig und sauber, er macht mich an, leider (fast) nur er, jedenfalls in seiner gelungenen Vermittelbarkeit. Allerdings sollte es noch etwas kürzer möglich sein.

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