die ultimative Krankheit


S. Freud diagnostizierte drei psychische Krankheiten, die ich der gemeinen Konvention folgend als moderne Wissenschaft bezeichne. Wer von dieser Krankheit befallen ist, leidet erstens darunter, dass die Erde und mithin er selbst nicht im Zentrum der Welt ist. Er leidet zweitens darunter, das die Menschen und mithin er selbst eigentlich Tiere im Evolutionsprozess sind. Er leidet drittens darunter, dass die Menschen und mithin er selbst nicht bewusst leben, sondern unbewussten Trieben ausgeliefert sind.

S. Freud nannte diese Krankheit, von welcher wohl G. Galilei als erster betroffen war, Kränkungen. Der erste Gekränkte war Kardinal Bellarmino, der G. Galilei und mithin der Menscheit helfen wollte, indem er G. Galilei geraten hat, seine Vorstellungen als Hypothesen, also als gedankliche Konstrukte, zu bezeichnen. Als die Kirche schliesslich eine Zwangsbehandlung anordnete, simulierte G. Galilei vorübergehend von seiner Krankheit befreit zu sein, um dann später doch wieder zu behaupten, dass es doch wahr sei, dass sie sich drehe.

Die Krankheit, von welcher die Rede ist, besteht darin, die Welt im Es-Modus in Form von Objekten zu rationalisieren – ohne es zu merken. M. Buber analysierte die Krankheit, die ihn auch kränkte, als Differenz zwischen einem Ich-Du und einem Ich-Es. Die so analysierte Krankheit zerstört bisher vor allem die Umwelt, die als Objekt behandelt wird. Seit einiger Zeit aber vermehren sich die Prognosen, dass uns die eigentliche Kränkung noch bevorstehe. Zunächst schien es sich in den Prognosen zur Künstlichen Intelliegenz einfach um ein viertes Leiden zu handeln, in welchem die Menschen, die an der Krankheit leiden, in ihrer Intelligenz von Robotern überflügelt werden. Jetzt, wo Computer besser als alle Menschen Schach und sogar Jeopardy spielen und Rasenmäher selbst zur Stromversorgung fahren, wenn deren Batterien leer sind, lautet die Prognose aber, dass die leidenen Menschen ihre Maschinen mit Du ansprechen werden.

Es gibt in der fiktiven Wissenschaft dazu Vorahnungen, etwa im S. Kubriks Film 2001: A Space Odyssey, wo der Computer HAL – fast – das Komando übernimmt, oder beispielsweise die Vermutung von  A. Turing, dass sich Menschen bald nicht mehr von Computern unterscheiden können. Wenn diese Stufe der Krankheit tatsächlich auftreten wird, wird sie ultimativ, weil sie sich nicht mehr gegen die Umwelt richtet, sondern gegen die an der Krankheit leidenden selbst. Mit dem Du geht auch das Ich verloren.

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Eine Antwort zu “die ultimative Krankheit

  1. Und leider ist hier Schluß, dabei hätte ich zu gern erfahren, an welcher der 3 Krankheiten der Autor kränk(el)t, oder etwa an allen dreien? Das wäre dann allerdings die vierte.
    Die besteht wohl darin, daß Mensch meint, sich bereits als solcher aufgeben zu müssen, nur weil es IHM (selbst!) gelungen ist, einem Computer das Schachspielen und einem Rasenmäher das selbständige Stromtanken beizubringen.
    Offenbar eine Aufgabe 2. Ordnung und eine echte Kränkung, wenn man allein nur die Überlegung erwägt, sich aufgrund der eigenen menschlichen Fähigkeiten nicht mehr vom selbst geschaffenen Computer unterscheiden zu dürfen oder zu können.
    Rosamunde Pilcher wäre echt neiderfüllt ob solcher zünftigen Romanideen.
    Übrigens lieber Rolf Todesco, was meinst du wirklich: Krankheiten oder Kränkungen, oder ist das für dich identisch, weil beides etwas „kränk(el)t“?
    Bedenke:
    Krankheit gibt es nur in der Realität – wenn es die gibt, und wenn jeder seine (Realität, Wirklichkeit) hat, hat auch jeder SEINE (andere weil eigene) Kränkung, Folge: Die Überlegungen deines Artikels hätte sich damit voll erledigt, da eine Behandlung in der Verallgemeinerung a la Freud nur möglich ist, wenn alle die GLEICHE REALITÄT, sprich Kränkung erfahren könnten …
    Möchtest du diesen verzwicktelten Gedanken nicht lieber wieder streichen?
    Denn:
    Wenn diese Stufe der Krankheit tatsächlich auftreten wird, wird sie ultimativ, weil sie sich nicht mehr gegen die Umwelt richtet, sondern gegen die an der Krankheit leidenden selbst.
    Somit gehst mit dem Ich ja auch du verloren …

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