Journalismus als Substantiv


Aufgrund einer etwas peniblen Facebook-Diskussion habe ich mir ein paar Gedanken zum Begriff „Journalismus“ gemacht. Den Ausdruck „Journalismus“ verwende ich in einem umfassenden und in einem spezifischen Sinn.

Im umfassenden Sinn verwende ich den Ausdruck „Journalismus“ für „Journal“-Herstellung, wobei Journal für periodisches (jour-nal, täg-liches) Erscheinen von zunächst Flugblätter, Avisis und Zeitungen stand und dann im Massenmedium aufgehoben wurde, um schliesslich im Internet verloren zu gehen. Die evolutionäre Differenzierung der Journal-Herstellung lässt die primitiven Formen nicht aussterben. Es gibt immer noch Flugblätter und Zeitungen.

Als Journale bezeichne ich Artefakte (Herstellungen), die als Träger von Nachrichten und sogesehen durch Aktualität, Faktizität und allgemeine Relevanz einen Teil der öffentliche Kommunikation monopolisieren. Journale unterscheide ich von verwandten Produkten mit fehlender Periodizität (Bücher), fehlendem Faktizitätsanspruch (Romane) und fehlendem Relevanzanspruch (Werbebroschüren). Journale enthalten oft die hier abgegrenzten Produkte (re-entry).

Durch „Journal“-„Herstellung“ bezeichne ich zwei Entwicklungen. Die eine betrifft die materielle Grundlage der Journale und die andere die Arbeitsteilung in der Herstellung, die im Ausdruck „Journalismus“ verdrängt mitschwingt.

– Die materielle Grundlage der Journale ist zunächst der Text auf Papier, wofür sich die Technik vom Bleistift bis zur Druckerpresse entwickelte. Bald kommen Bilder und Töne hinzu, wofür wir Fensehen und Radio kennen. Schliesslich haben wir vernetzte Computer (Internet), wo Texte auf den Bildschirmen erscheinen, auf welchen auch Bilder und Filme zu sehen sind.

Die Entwicklung der materiellen Grundlagen verändert das Format des Journals nicht wesentlich. Es geht um Nachrichten, also um Texte, die allenfalls mit Bilder angereichert sind, im TV oft so, dass der gelesene Text als anreicherung des Bildes erscheint, was die Sache auch nicht ändert,obwohl sich die Arbeit des Journalisten verändert.

– Die Arbeitsteilung in der Herstellung differnziert sich zum Verlagswesen, in welchem an der Journalherstellung hundert verschiedene Berufe beteiligt werden. In der entwickelten Journalherstellung gibt es Leute, die nur Texte schreiben, sich also um das Journal in keinster Weise mehr kümmern, sondern das Journal nur noch als Medium sehen.   Als Journalhersteller fungiert sehr oft ein Lohngeber, der mit der Herstellung des Journals gar nichtz zu tun hat, aber natürlich entscheidet, welche Nachrichten im Journal zu finden sind.

In einem spezifischen Sinn verwende ich den Ausdruck „Journalismus“ als Selbstbeschreibung der durch die Arbeitsteilung hervorgebrachten „Journalisten“, also von Leuten, die „nur“ schreiben, was im Journal steht, während andere das Journal herstellen. Die Organisation dieses spezifischen Journalismus bezeichne ich – über verschiedene Massenmedien hinweg – als Redaktion, die eingebettet ist in einen Verlag.

Und ein paar kritische Anmerkungen:

Die meisten Verlagshäuser arbeiten gewinnorientiert. Zeitungen verlieren zunehmend Inserateeinnahmen an das Internet. Im Internet ist das Inseratewesen aber nicht an journalistische Inhalte gebunden. Die inserateplattformen im Internet brauchen deshalb keine „schreibenden“ Journalisten und arbeiten mithin günstiger als Zeitungen, was vor allem die Journalisten merken. Es gibt unter den Journalisten Phantasien, wie etwa dass sie eine öffentliche Aufgabe erfüllen, die honoriert werden müsste. Diese Journalisten staunen nicht darüber, dass sie bisher von Verlagen finanziert wurden, die in vielen Fällen privaten, anonymen Aktiengesellschaften, also von einer Art Gegenteil von Öffentlichkeit finanziert worden waren. Journalisten erfüllten bis anhin eine Aufgabe, die so öffentlich ist, wie jene eines Schusters oder eines Tomatenhändlers. Sie produzierten eine Ware, die davon abhängig ist, dass sie Gebrauchswert hat und verkauft werden kann. Die Journalisten – im hier spezifischen Sinn – verkauften aber sehr selten Waren, die meisten verkauften Arbeitskraft, die jetzt nicht mehr so gefragt ist. Die Journalisten im umfassenderen Sinn, also die Aktionäre der Massenmedien, die beispielsweise Zeitungen verkaufen, haben auch Phantasien. Sie glauben, dass sie eine 4. Macht im Staat bilden, weil sie den Lohn-Journalisten sagen können, was diese schreiben müssen. Für sie ist die Lage verzwickter als für die Lohnjournalisten. Sie haben natürlich ihre Dividenen im Kopf, aber einen Teil dieser Dividenen realisierten sie – im Selbstverständnis wenigstens – als 4. Macht. Nun ist schwer vorstellbar, dass die anderen 3 Mächte eine 4. Macht finanzieren sollen. Allerdings profitieren die Verlage jetzt unverhoft von der Tatsache, dass ihnen das Nachrichten-Fernsehen vorenthalten wurde. Wo das Fernsehen dem Staat gehört, fliessen alle Arten von Subventionen, woraus die Verlage, die auch sogenannte Massenmedien unterhalten, Rechte ableiten (wollen), was ihnen durch das Lobbying als 4. Macht bislang ein bisschen gelingt.

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7 Antworten zu “Journalismus als Substantiv

  1. Diese Sichten ergreifen Bekanntes und darüber hinaus gehende Aspekte und führen diese auch zusammen, und das auf erfrischend logische Weise.
    Außer den zwei beschriebenen „Journalen“ dürfte es allerdings noch einige mehr geben, die in keine dieser Beschreibungen passen.
    Der Artikel ist interessant, lehrreich im Sinne von hilfreich und entsprechend ausbaufähig.
    Schwieriger wird es bei den „kritischen Anmerkungen“:
    Hier verwechselt und vermischt der Autor in unzulässiger Weise offenbar das Arbeiten in der Öffentlichkeit mit der Arbeit für die Öffentlichkeit – was Journalisten betrifft.
    Alle Journalisten werden öffentlich tätig, arbeiten also in öffentlicher Sphäre – für diesen oder jenen Auftraggeber (Bezahler).
    Nicht alle Journalisten arbeiten FÜR die Öffentlichkeit, resp. im AUFTRAG der (gesicherten) Öffentlichkeit. Das ist nur bei den von der Gesellschaft nach dem Vorbild des englischen Rundfunks installierten nichtkommerziellen öffentlich-rechtlichen journalistischen Einrichtungen der Fall, auf die auch zu RECHT / recht zutrifft, daß sie als 4.Macht in der Gesellschaft wirken sollen.
    Gern schmücken sich im Printbereich Journalisten auch mit dem Prädikat 4.Macht, was jedoch der vom Autor beschriebenen Auftragsbindung unterzuordnen ist, da es dort keine öffentlich-rechtlichen Blätter gibt – diese Journalisten stellen, ob ihnen das paßt oder nicht, im Gegensatz zu den im öffentlich-rechtlichen Auftrag tätigen Kollegen nur journalistische „Waren“ her, die es zu verkaufen gilt. Eine gewisse Annäherung schafft die gesetzlich festgelegte Pressefreiheit, die der Autor offenbar auch nicht kennt, in deren Wahrnehmung jedoch auch andere Journalisten aus der kommerziellen Welt wie die 4.Kraft in der Gesellschaft wirken sollen, wohlgemerkt: sollen, und nicht weil sie sich selbst „so bezeichnen“.
    Diese „feine“ Unterscheidung „entgeht“ dem Autor, was ihn zu unrealistischen kuriosen Schlußfolgerungen verführt.
    Offenbar lebt der Autor nicht in Deutschland oder ist mit den Medienverhältnissen und damit dem Journalismus in Deutschland nicht vertraut, wenn er sich so artikuliert.
    Es ist aber auch denkbar, daß statt mangelnder Vertrautheit diese gesamte Betrachtung, die sehr sorgfältig und zielstrebig auf das Phänomen „REDAKTION“ (die angeblich aus seiner Sicht wie auch Journalisten im Internet nicht benötigt werden) hinführt, lediglich die Eröffnung zu der Feststellung seiin soll, daß das Internet – weil „redaktionslos“ – kein Massenmedium sei bzw. im Internet kein Massenmedium statfände.
    Letzteres wäre schade für diese Abhandlung, da sie nur einer willkürlich konstruierten und nicht herleitbaren Verstümmelung der Realität des Internets als Ganzes und als Spezielles, als Technik wie als Bewegung, als Medium von Massen für Massen wie als Medium Einzelner für Massen usw. das Wort bereiten soll.
    Der Autor hat die Chance, sein Bild von „Redaktion“ gründlich zu prüfen.
    Bisher entstand der Eindruck, daß er gern Redaktion und Auftraggeber (wie im kommerziellen Bereich) durcheinanderschmeißt oder gleichsetzt, daß er „Redaktion“ und „Journalist“ nur als reine institutionelle Berufsbezeichnung und nicht als Aktivität, als redaktionelle journalistische Aktivität versteht – nur ohne dise Tätigkeiten gibt es kein Internet in der Erscheinung, wie wir es kennen: Es gibt kein von redaktioneller / journalistischer Tätigkeit „entleertes“ Internet!
    Somit ist seine wilkürliche Konstruktion „Internet ohne Redaktion, ohne Journalisten = kein Massenmedium“ eine gedankliche Totgeburt, ein Irrweg der Erklärungen, da er dies an seinen gewählten Kriterien leider nicht festmachen kann.
    Gegenwärtig befinden wir uns beide im Internet, ich journalistisch, er, der Autor, als blogger, als REDAKTION !
    Nun sage mal einer, das Internet kommt ohne Schreiber / Journalisten und administrativen bloggern / Redaktionen aus – müssen Sie da nun nicht selber schmunzeln, Herr Rolf Todesco?
    Neue Tätigkeitsbezeichnungen machen eben keine neuen Kleider …

  2. Nachtrag:
    Dem Autor wird empfohlen, die von ihm hier zitierten Links auch selber zu lesen und zu verarbeiten, z.B. diesen hier:

    mit diesem Text:
    „Klaus Meier: zur sinnvollen Differenzierung zwischen Journalismus und Medien: „Man muss unterscheiden, zwischen Journalismus, der eine öffentliche Aufgabe hat, und einem Zeitungsverlag, der damit Geld verdienen will.“
    Ohne daß ich allein dari und überhaupt eine „Differenzierung zwischen“ „Medien“ und „Journalismus“ erkennen kann, ist jedoch der prinzipielle Hinweis zum „journalistischen Auftrag“ dem Autor wohl von vornherein bekannt gewesen, hat er ihn nicht verstanden ?

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