Die Polis


Im na(t)iven Fall referenziert der Ausdruck „politisch“ das Buch „Politik“ von Aristoteles, in welchem anhand von Verfassungen beschrieben wird, wie in der Polis die Oikos aufgehoben sind, so dass die Polis als verfasster Oikos erscheint.

In der Polis, die Aristoteles als politischen Haushalt beschrieben hat, sehe ich zunächst eine simple Projektion des Umstandes, dass private Haushalte – die die Metapher „Haushalt“ spenden – eine kritische Grösse haben, bei welcher sie unrentabel werden, respektive den privaten Pateriarchen überfordern. Solange der Haushalt – in dieser Projektion – ein „Haus“ betrifft, das nach innen als Familia einem Pateriarchen – im Sinne der Nemesis – zugerechnet wird, gilt sozusagen ein Naturrecht, nach welchem sich das Haus durch Bewirtschaftung der Natur gedeihend reproduziert. Das „Haus“ kann wachsen, indem es weitere Aneignungen macht.

Die Grenzen des autopoietischen Wachstum eines Hauses erscheinen als Ressourcenverknappung, also wo bewusst wird, dass jede Aneignung Enteignung ist. Der Pateriarch hat innen- und aussenpolitische Probleme, die er in einer Polis vergesellschaften kann, wenn die Aufhebung des dann als privat erscheinenden Haushaltes in einer Polis günstiger werden als Aneignungen in Form von Unterdrückung nach innen und Krieg nach aussen.

Dieses Abwegen wird gemeinhin als Oikonomie bezeichnet, was Lehre vom Haushalt heisst – der nach aussen natürlich wiederum Natur aneignet, bis er auf die nächste Polis trifft.

Die Polis ist so gesehen ein rechtlicher Verbund naturrechtlicher Eigentümer von Haushalten, in welchem sich die Eigentümer gegenseitig als solche akzeptieren, solange das die ökonomischste Verhaltensweise ist. Die Polis organisiert diese Akzeptanz, die einerseits durch Teilbündnisse (Parteien) und andrerseits durch ökonomisch beschriebene Übernahmen aufgehoben wird. Bei Aristoteles – der nichts anderes kennt – ist die Polis die notwendige Voraussetzung der Eudaimonia (eu zen, gelingende Lebensführung) und mithin der Sinnhorinzont des menschlichen Leben, das sich innerhalb eines Oikos nicht erfüllen kann. Der Pateriarch jedes Oikos ist notwendigerweise ein politische Individuum, wenn er nicht wie ein Tier oder ein Barbar ausserhalb der politischen Gesellschaft lebt. Die dramatische Version hat Homer entwickelt. Der Troja-Heimkehrer Odysseus tötet die Freier, welche sein Pateriachat „erben“ wollten, während er zusammen mit anderen Fürsten weitere Polis erobern wollte, was sich als logistisch aussichtsloses Unterfangen erwies. Die Troja-Geschichte reflektiert, dass die Polis nicht weiter integrierbare Einheiten bilden. O. Höffe beispielsweise wirft Aristoteles vor, dass er keine panhellenische Perspektive habe, was umso erstaunlicher sei, als sie für beide Ziele der Politik notwendig sei: sowohl für das Überleben (zen) der einzelnen Polis, als auch für ihr gelungenes Leben (eu zen). Ich finde diesen Vorwurf erstaunlich oder vielleicht „welt-utopisch“ im Sinne einer Supra-Polis, solange wir selbst im nationalistischen (Finanz)Weltkrieg stecken.

Die Vorstellung der Polis als Oikos ist in dem Sinne na(t)iv, als im Oikos nicht getauscht werden muss. Die Polis privater Hausvorstände ist eine Fiktion, in welcher gemeinsame kriegerische Aneignungen geteilt werden, deren Ganzes gösser ist als die Summe der Teile, die die Patrirchen alleine erobern könnten. In seiner reaktionären Vision hat Aristoteles die Polis als ursprünglicher geschildert als die freien Bürger, die sich darin verbinden, weil er erkannte, dass die Polis aufgrund von Vereinbarungen von ursprünglicheren Privaten nicht möglich ist. Die sich verbündenden Hausvorsteher bringen durch ihr Bündnis nicht die Polis hervor, sondern sich selbst als private Subjekte der Polis, die sie jederzeit unterwerfen, wenn sie es können.

Die „grossen“ Pateriarchen, wie etwa Alexander der Grosse, der eine Art ebenso fiktives Gegenmodell zur Polis geschaffen hat, halten sich eine gewisse Zeit, dies aber ist vor allem ein Resultat von Geschichtsschreibungen. Das Pateriarchat ist seiner Grösse nach an die Reichweite des Pateriarchen gebunden. Deshalb lösen sich die Patriachate in Form ihrer Pateriarchen auf. Alexanders Reich ist wie das alte Rom nie zerfallen, weil es gar nie hinreichend stabil war, dass es zu einem späteren Zeitpunkt hätte zerfallen können. Solche Reiche existierten in den Köpfen ihrer Pateriarchen und verschwanden zusammen mit ihnen, um in der Geschichte verewigt zu werden.

Die Projektion der Polis passt auch sehr gut zur imperialistischen Aussenpolitik der Nationalstaaten, die sich beispielsweise als Commonwealth (of Nations) oder als EU verstehen. Die Polis ist – ebenso wie Aristoteles, der in einer Polis gelebt hat – eine Konstruktion der Re-Naissance, in welcher Nationalstaaten erfunden wurden.

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