1:12 – Was heisst Lohn?


1_12„Syt der öpper oder nämet der Lohn?“

In der Schweiz wird aufgrund einer anstehenden Abstimmung darüber diskutiert, ob der höchste von einem Unternehmen bezahlte Lohn nicht höher sein soll als das Zwölffache des tiefsten vom gleichen Unternehmen bezahlten Lohnes. Die Initiative definiert den Ausdruck „Lohn“ explizit: „Als Lohn gilt die Summe aller Zuwendungen (Geld und Wert der Sach- und Dienstleistungen), welche im Zusammenhang mit einer Erwerbstätigkeit entrichtet werden.“ Das ist eine etwas diffuse Formulierung, die für den Zweck der  Initiative vielleicht hinreichend ist, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse verklärt.

Lohn im engeren Sinne heisst das Geld, das im Tausch gegen Arbeitskraft bezahlt wird. Wer Lohn bezahlt, macht dies, um Mehrwert abzuschöpfen. Wenn ein Unternehmer mit einer sogenannten Einzelfirma Arbeitskräfte anstellt, bezahlt er diesen Lohn, er selbst bekommt aber keinen Lohn, obwohl er doch einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Ihm bleibt der allfällige Gewinn seiner Firma, die er als Privatbezug oder als Gewinnausschüttung bezeichnen mag. Wenn ein Einzelunternehmer viel und gut „arbeitet“, kann er ein Einkommen haben, das 100 Mal grösser ist als die Löhne, die er bezahlt – aber er bekommt keinen Lohn für seine Tätigkeit.

Wenn ein Einzelunternehmer – aus welchen Gründen auch immer – eine Aktiengesellschaft gründet und dabei das ganze Aktienkapital selbst behält, muss er sich entscheiden, ob er selbst in der AG arbeiten will oder nicht. Wenn er dort arbeitet, bekommt er Lohn, das heisst er ist wie alle andern, die dort arbeiten, ein Angestellter der juristischen Person Aktiengesellschaft. Er bekommt, ob er nun in seiner AG arbeitet oder nicht, den Gewinn der AG, den er als Dividenden bezeichnen mag. Der aber sicher kein Lohn ist. Natürlich hängt der Gewinn der Firma ganz direkt davon ab, wie hoch der Lohn des Alleinaktionärs ist, aber dessen Einkommen ist davon – von allerlei Steuerfragen abgesehen – in keiner Weise betroffen.

Die Aktiengesellschaft wurde als anonyme Vereinigung in einer Zeit „erfunden“, in welcher viele Leute, die nicht wollten, dass bekannt ist, wie viel Geld sie haben, dieses Geld nicht in Form von Darlehen, sondern in Form von Beteiligungen anlegen wollten, weil sie sich davon höhere Erträge versprachen. So entstanden eigentliche Aktionäre, die nicht in „ihren“ Firmen arbeiteten, sondern ihr Geld arbeiten liessen, was man ja auch als Erwerbstätigkeit, aber sicher nicht als Lohnarbeit sehen kann.

Die eigentliche Aktiengesellschaft entsteht in einer Inversion. Im Ursprung beteiligen sich die Aktionäre an einer bestehenden Firma, die einen Eigentümer hat. In dieser Phase ist es nach wie vor üblich, dass der Firmeninhaber in der Firma als Direktor – oder in einer weiteren Differenzierung als Verwaltungsratspräsident – arbeitet und dafür Lohn bezieht. Da er aber den Gewinn der Firma mit anderen teilen muss, wird relevant, wie hoch sein Lohn ist, weil das auch das Einkommen seiner Mitaktionäre direkt betrifft. Es liegt auf der Hand, dass die Aktionäre, die nicht in der Firma arbeiten, an einem kleinen Lohn des Direktors interessiert sind. Und es liegt vorerst ebenso auf der Hand, dass dieser Lohn unter den Aktionären ausgehandelt wird, wobei sie die Leitung des Direktors in Bezug auf die Rentabilität ihres Kapitals einschätzen. Solche Überlegungen haben mit den Löhnen der nicht beteiligten Angestellten nichts zu tun. Es sind Überlegungen der „Minder“en Sorte.

Die Inversion besteht darin, dass Aktionäre, die nicht in der Firma arbeiten, durch Mehrheitsverhältnisse Firmeninhaber werden und der Direktionsposten nicht mehr von einem Inhaber wahrgenommen wird. Dadurch wird der Direktor zu einem gewöhnlichen Angestellten der Inhaber, die dann an einem kleinen Lohn des Direktors interessiert sind. Der Direktor hat mithin andere Interessen als die Aktionäre, nicht insgesamt, aber wenn es um seinen Lohn geht. Als Lohnnehmer ist jeder Angestellte frei über seien Lohn zu verhandeln – und wie man weiss, sind auch die Lohngeber frei. Ein Direktor bestimmt die Löhne der anderen Mitarbeiter, aber seinen eigenen Lohn muss er mit den Aktionären aushandeln. Er hat also grosses Interesse daran, dass die Aktionäre eine schwache Verhandlungsposition haben. Je mehr Aktionäre eine Firma aufteilen, umso weniger hat der einzelne Aktionär zu sagen. Wenn der Aktionär – wie der Wähler in der Demokratie – nur noch eine bedeutungslose Stimme hat, interessiert ihn die Firma nicht mehr, sondern nur noch die Rendite seine Papiers. Er hat keinen Einfluss darauf, wie diese Rendite seiner eigenen Firma zustande kommt, er kann nur noch wählen, wo er Kleinmengen von Aktien halten will.

In der Inversion der Aktiengesellschaft invertiert die Bedeutung der Direktion. Soweit wie die Aktionäre ihre Mitbestimmung aufgeteilterweise abgegeben haben, gewinnt die Direktion die Bestimmungsmacht. Die Direktoren werden Besitzer, während die Aktionäre die Eigentümer bleiben. Ich kenne dieses Verhältnis als Mieter, wo ich in meiner Wohnung mache, was ich will, obwohl ich nicht Eigentümer bin. Unter anderem müssen die Direktoren ihre Löhne bestimmen – und sie kennen darin naheliegenderweise keinerlei Grenzen, respektive ganz genau eine einzige Grenze, sie müssen die Dividenden der Firmenaktien hinreichend lang erfolgsversprechend aussehen lassen. Je grösser eine Firma ist, umso weniger fällt der Lohn des Direktors ins Gewicht.

Die Besitzer der Firmen – das sind bei entsprechenden Aktiengesellschaften die Direktoren – schöpfen den Gewinn der Firmen ab. In Aktiengesellschaften sind sie – der juristischen Form nach – Angestellte und beziehen – der juristischen Form nach – Lohn. Jenseits der juristischen Form teilen sie den Gewinn der Firma so einseitig wie möglich zu ihren eigenen Gunsten.

Die Initiative 1:12 thematisiert Lohn und blendet Eigentums- und vor allem Lohnverhältnisse aus. Sie macht anscheinend, dass es un- oder amoralische Manager gebe, die ungeheuerliche Löhne und Boni beziehen. Sie verortet gesellschaftliche Verhältnis populistisch in schwarzen Schafen mit grossen Boni.

Natürlich werde ich FÜR die Initiative stimmen, den ich kann nicht mitbestimmen, sondern – wie viele kleine Aktionäre – nur an der Abstimmung teilnehmen.

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5 Antworten zu “1:12 – Was heisst Lohn?

  1. Nun, Rolf Todesco, das habe ich gerne gelesen: Es LIEST SICH GUT.
    Präzise (wie von dir desöfteren gewohnt), knappest knappester geht nicht, folglich ohne Redundanz, schlüssig in kurzem aber vollstänndigem Bogen – was wohl meist und so auch hier als dein Bestreben erkennbar ist.
    Und nun – Kein „aber“.
    Punkt.

    Wenn du dann mal fertig bist damit, laß es uns nur sofort wissen, denn eines blieb offen, besser übrig zu tun:
    So schriebst du hier, mit der Erkenntnis,
    „Das ist eine etwas diffuse Formulierung, die für den Zweck der Initiative vielleicht hinreichend ist, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse verklärt.“
    Sicher wirst du doch nicht selber nun annehmen, daß allein durch deine präzisen Vorab-Richtigstellungen nun die „Verklärung gesellschaftlicher Verhältnisse“ verhindert oder sogar er- oder entklärt wird.
    Jedoch genau dies interessiert umso mehr, als aus deinen Ausführungen deutlich wird, in welcher ungeheuren Abhängigkeit die von dir beschriebenen Lohnverständnisse von deren Bett stattfinden, von deren Umfeld und Umwelt, der schaffenden Schaffenden, ohne die dein tolles geordnetes Bild nicht servierbar ist, nicht „Genossen“ werden kann.

    Lohn ist nicht nur AUCH sondern VOR ALLEM anderen nicht nur Entgeld, nicht nur Geld, sondern auch Wirkungsmaß, Daseinsbestätigung und Existenzsicherung all derer, die UNTERNEHMEN durch ihre tatkräftige „lohnende“ TeilHABE überhaupt erst ermöglichen.

    Ob dies der eigentliche Hintergrund der „Initiative“ sein kann, die Systemsicherung rundum durch (sich) (be)lohnende TEILHABER, die das unternehmen mit dem unternehmenden Unternehmer im Unternehmen – AUCH(!) für die Besitzer?
    ROLLE (das war der Spitzname meines Freundes Rolf …) – der unternehmenden Gesamtheit stabilisieren statt objektiv Teilhabende daran systemstörend zu behindern?
    So meine ich zu dir:“Habe (das) fertig!“
    Und schreib auch dazu hier dein Denken.

    • Lieber Lusru, danke für das grosse Kompliment zur einen Seite, die präzis und knapp und fertig ist.
      Und die andere Seite, die noch offen geblieben ist … die muss aus meiner Sicht offen bleiben. Das Problem ist eben nicht, dass jemand Lohn NIMMT, sondern dass jemand Lohn GIBT.
      Vor einer Herr-Knecht-Dialektik und einem Opfer-Re-entry sehe ich bei jedem Verbrechen den Verbrecher nicht das Opfer. Einem Verbrecher ist mit Moral kaum beizukommen, das ist ja das, was verbrochen wird. Ich habe den LohnGEBERN also nichts zu sagen und den LohnNEHMERN keine Alternative innerhalb der Lahnarbeitsverhältnisse, die gemeinhin (oder seit Marx) als Kapitalismus bezeichnet werden (mal davon abgesehen, dass die meisten LohnNEHMER das Wort Kapitalismus ganz anders verwenden).

      Also, auf der einen Seite bin ich fertig, aber natürlich nur ganz lokal und auf der anderen Seite werde ich nicht anfangen. Ich bleib bei meinem Leisten.

  2. Gekleckert:
    Natürlich muß es am Beginn des letzten Absatzes heißen:
    „auch für die Besitzer und AUCH(!) für die nichtschaffenden nicht unternehmenden sondern nur nehmenden Eigner?

  3. Als gelernt atistisch lebendes Mensch sage ich dennoch:
    Was kann der GEBER dafür, daß ihn der liebe Gott zum GEBER MACHTE, nur DESHALB ist er noch lange kein – wie du vergleichend erwähnst – Verbr…
    So geht Welt nicht, sie ist zwar in GEBER und NEHMER eingeteilt, nur die Leute tauschen permanent die Plätze …
    So könnte man (Marx hört weg) den Lohnempfänger genauso als Lohngeber benennen, es bedarf nur einer anderen Verabredung dazu, dann gibt der Lohnempfänger zunächst dem GELDGEBER dessen LOHN: die Aebeitskraft …
    Und weil die lediglich nur einer anderen Verabredung bedarf, ist damit auch geklärt, was denn MARKT und WIRTSCHAFT seien: Verabredungen, ebensolche – die sich ändern lassen, allerdings nur einvernehmlich, da alle Teile stets als TeilHABER und -NEHMER und benötigt werden.
    „Ich habe den LohnGEBERN also nichts zu sagen und den LohnNEHMERN keine Alternative innerhalb der Lahnarbeitsverhältnisse …“, nun ja, du eventuell nicht, ich eventuell auch nicht, aber die, es es 2verabredet“ haben, die dürfen, besser sollten selbsverständlich – es ist also lediglich die Frage, ob wir (beide) dann und wo „dabei“ sind.
    Wie du weißt, hast du eine ganze Menge „zu sagen“, findest kaum ein Ende, warum also auch nicht dort, wo es interessant oder wichtig werden kann?
    Solche Selbsteinteilungen ändern sich gelegentlich in Sekunden, in denen man auch zulassen sollte, was sich da LOHNT, GIBT und NIMMT, es ist dennoch nur eine Verabredung zwischen Menschen, auch wenn da mal einer Kapitalismus zu sagte

    • in Sekunden .. oder noch schneller .. bin ich plötzlich tot und ohne jede Unterscheidung. Aber solange ich nicht tot bin, mache ich Unterscheidungen, die ich liebe und lebe, was ich als leben bezeichne.
      Freie Verabredungen halte ich für eine Mär, und Lohn wird gegen Arbeitskraft getauscht, kann also nicht Arbeitskraft sein (davon abgesehen, dass jedes Wort beliebig verwendet werden kann).
      Und meine Unterscheidung – um die ich nicht umhin will und die ich mit dem Ausdruck Kapitalismus bezeichne – ist Lohn für Arbeitskraft. Lohn geben ist wie Sklaven halten. Ob man das als Verbrechen bezeichnen will, ist eine separate Frage.
      Und die Initiative behandelt nur Leute, die Lohn NEHMEN – und ich würde lieber über Leute nachdenken, die Lohn GEBEN.

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