Das Konversationslexikon als Inversion der Konversation


In den Konversationssalons der Renaissance trafen sich Habitués, die es schafften, von der Salonière eingeladen zu werden. Sie mussten sich dabei den gebotenen Spielregeln unterstellen, die die jeweilige Konversation bestimmten. Antje Eske hat viele solche Spiele, die sie als Salonière pflegt, beschrieben. Sinn all dieser Spielregeln ist für mich, die Konversation von Argumentationen des Common Sense zu befreien, damit im Fluss des Sprachspieles Zusammenhänge sichtbar werden, die durch den Common Sense tabuisiert werden.

Ich will hier ein spezielles Spiel beobachten, dass ich als Konversation im engeren Sinne bezeichne. Es geht in diesem Spiel zunächst darum, konverse Worte zu finden. Konvers sind Worte in Relation zu anderen Worten, wenn man mit Hilfe der je beiden Wörtern zwei unterschiedliche Äußerungen mit gleicher Bedeutung bilden kann. Die Ausdrücke „Vorfahre“ und „Nachkomme“ haben in diesem Sinne konverse Bedeutungen, als jemand genau dann Vorfahre eines anderen, wenn der andere sein Nachkomme ist. In diesem Spiel geht es darum, die Sichtweisen zu erkennen, die mit gewählten Wörtern verbunden sind, also darum, dass die Sichtweise ihre Sprache hat, und dass die verwendete Sprache eben eine Perspektive – im Beispiel nur vorwärts oder rückwärts schauen –  impliziert.

Das Konversationsspiel, das ich anspreche, verlangt von mir, dass ich mir bewusst mache, in welcher Perspektive ich meine Worte verwende. Ich begreife dabei jedes Wort als Er-Satz für einen Satz, den ich anstelle des Wortes sagen könnte. Im Spielmodus schreibe ich beispielsweise ein Wort auf ein Blatt Papier, das ich weiterreiche. Der nächste Spieler klappt das Wort weg und schreibt stattdessen den Satz, durch den er das Wort ersetzt. Der wiederum nächste Spieler klappt diesen Satz weg und schreibt ein Wort, mit welchem er den Satz ersetzt, usw. Die Sätze entstammen einem individuellen Sprachgebrauch, da sie aber als geschrieben Sätze vom jeweiligen Schreibenden abgelöst sind, erscheinen sie als Definitionen, die in einem Wörterbuch stehen könnten. In der Konversation erscheinen sie als konverse Formulierungen, in welchen ich in einem Wort dasselbe sage, wie ich in einem Satz mit vielen Worten auch sagen kann. Als Vorfahre bezeichne ich beispielsweise jemanden, dessen Nachkomme ich bin.

Die Konversation dient dazu, eine Vielfalt der Sichtweisen zu erzeugen. M. Foucault hat in seiner Diskurstheorie über Sexualität und Wahrheit eine Inversion der Konversation dargestellt. Die viktorianische Prüderie, die das Sprechen über Sexualität verbietet, erscheint als autoritäre Konversationsregel, die praktisch erzwingt, neue Sichtweisen auf die Sexualität zu generieren, weil sie thematisiert werden muss, aber in der naheliegenden Weise nicht thematisiert werden darf. Die Konversation verwendet anstelle autoritärer Sitte Spiele, um zu anderen Sprech- und Sichtweisen für dieselbe Sache zu kommen.

Die Salonkonversation scheiterte zuerst daran, dass das Spiel als Ergebnisspiel statt als Prozessspiel gesehen wurde. Das Spiel hat Regeln, die man befolgen muss. Das heisst, man kann das Spiel richtig oder falsch spielen. Aber die Ergebnisse des Spieles werden in keiner Weise richtig, wenn das Spiel richtig gespielt wird. Die Renaissance hat zwei verschiedene Arten entwickelt, mit dem Problem der Richtigkeit umzugehen. Eine Form besteht darin, die Richtigkeit des Ergebnisses zu vermeiden, indem das Ergebnis als Kunst gesehen wird. Dazu hat der Salon die Kunst überhaupt erfunden. Viele Spiele sind so angelegt, dass die Ergebnisse gar keine Art von Richtigkeit enthalten können, während die Spielregeln beliebig anspruchs- und kunstvoll sind. Kunst besteht darin, das Spiel auf hohem Niveau zu spielen.

Die Aufklärung hat aber auch einen anderen Umgang mit Richtikeit erfunden: das Konversationslexikon, in welchem die „richtigen“ Ergebnisse des Konvers-Spieles für diletantische Habitués im höfischen Adel gesammelt wurden. Wer sich im Salon nicht blamieren wollte, studierte das Konversationslexikon, das als Enzyklopädie die richtige Sprechweise für jede gegebene Sache enthielt. Man kann annehmen – und das wird in der Literatur auch oft getan – dass das Konversationslexikon als Mittel der Konversation entwickelt wurde. Die Konversation verlangt in dieser Auffassung ein gewisses Wissen, das in Lexika zusammengetragen wurde. Die erfolgreichsten Enzyklopädisten, die sich mit zusammengestohlenen Inhalten ein grosses Einkommen schafften, waren Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d’Alembert. Sie bezeichneten ihr Konversationslexikon in der hier gemeinten Inversion als Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, womit sie sich – was eben als Renaissance erscheint – an griechische Vorbilder anlehnten, etwa an Speusippo, der als Leiter der platonschen Akademie ein Enzyklopädie des mittlerweile als vollständige Idiotie erkannten Common Sense als wirklichem Wissen geschrieben hat. Unklar ist mir, ob Diderot und d’Alembert die Kunst als Kunst meinten oder eher wie das Handwerk als noch nicht richtig richtig.

Das Konversationslexikon erscheint so als Sammlung von Definitionen, die ich kennen muss, wenn ich mich an dieser invertierten Konversation, die dann Wissenschaft genannt wird, beteiligen will.

Die Konversation lässt sich nach dieser Inversion natürlich erneut invertieren, sonst wäre sie ja ausgestorben. In der Konversation setze ich dann voraus, dass das Wissen in der Enzyklopädie – die heute ja als Wikipedia den Geist zu terorisieren versucht – als zu hinterfragender Common Sense erscheint, in welchem sprecherunabhängige Allgemeinplätze festgeschrieben sind. In der erneuten Inversion geht es darum, konverse Formen zu den Lexikoneinträgen zu finden. Es geht zunächst wieder darum, durch andere Formulierungen dasselbe zu sagen und dabei die Perspektiven des Sprechenden zu erkennen. Wenn ich erkenne, dass ich alternative Redeweisen finden kann, kann ich reflektieren, wie die vermeintliche Sache, über die ich spreche, konstituiert wird. Die neue Spielregel dieser Konversation heisst beispielsweise: finde Deine eigenen Formen konvers zum Lexikon. Schreib Dein eigenes Lexikon, erkenne Deine Sprache, damit Du dem Common Sense nicht ausgeliefert bist.

Die Konversation als Gespräch, das auf Richtigkeiten der Aussagen verzichtet, schafft Raum zum gemeinsamen Nachdenken darüber, wie wir es gerne haben würden. Im Salon vor der sogenannt französischen Revolution wurde oft darüber nachgedacht, wie Menschen sinnvoll zusammenleben könnten. Die Beachtung der Spielregeln, die heute oft als Höflichkeiten interpretiert werden, dienen meiner Erfahrung nach genau dazu, dass niemand, der sich einbildet, er wisse, dieses sagen kann. Konvers bedeutet: sag es doch einmal anders, damit wir es auch anders sehen können!

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Eine Antwort zu “Das Konversationslexikon als Inversion der Konversation

  1. Pingback: Konversation als Utopie | Dialog

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