Konversation als Utopie


Die Konversation als Kultur des Salons hat ein sittenstrenges Protokoll, das regelt, wie gesprochen wird. Eine grundlegende Differenz erkenne ich zwischen Re­geln als Gebot und Regeln als Vision. Die Regeln der Konversation sind keine Vorschriften, die jemand einhalten müsste. Das wür­de nicht nur der Konversation prinzipiell widersprechen, sondern auch einer Salonver­an­stal­tung, deren Sinn auch im Ausloten von Regeln liegt. Die Regeln müssen nur in einem bestimmten Sinn eingehalten werden, sie müssen als solche aufrechter­halten werden, gleichgültig wie oft sie auf welche Weise verletzt werden. Die Re­gelverletzungen müssen als Ausnahmen wahrgenommen werden können oder wo das nicht mehr gelingt, als Antrag, die Regeln zu ändern. Re­gel­ver­let­zungen werden in keiner Weise geahndet, sie werden als Anlass genommen, die Regel zu bedenken. Die Regeln beschreiben als Vision, wie ich sprechen möch­te, wie ich sprechen werde, wenn ich als Mensch entwickelt bin. Wenn ich die Einträge auf den Steintafeln von Moses als solch utopische Regeln lese, le­se ich nicht, Du sollst nicht lügen, rauben und töten, sondern die Verheissung, Du wirst nicht lügen, rauben und töten, wenn Du ein Mensch geworden bist. Die Re­geln des Protokolls beschreiben nur sozusagen die Zukunft, sie beschreiben als Utopie die Gegenwart der Gemeinschaft.

Ein paar einfache Regeln beschreiben etwa, dass ich Ich-Formulierungen verwende und in die Mitte spreche. Ich spreche nicht zu, sondern mit Menschen. Ich sage nichts, was andere wissen müssen, sondern ergründe, was wir gemeinsam er­ken­nen können. In der Konversation versuche ich nicht zu überzeugen, was von andern be­zeugt wird. Ich bezeuge, was ich für-wahr-neh­me. Die für mich grösste Heraus­­­forderung besteht gerade darin, etwas anderes als andere zu sa­gen, ohne dies als ihnen zu widersprechen zu begreifen. In der Konversation muss ich auf eine radikale Weise bei meinen Vorstellungen sein, weil ich nur so den Re­spekt gegenüber konversen Vorstellungen nicht verletze, also nicht in Kom­pro­missen auflöse.

Die Regeln lassen sich als eine Art Absicherung verstehen, als ein Be­hält­nis, innerhalb dessen ich ohne Vorsicht und ohne Rücksicht über meine Vor­stel­lungen sprechen kann. Was mir in einer Diskussion als Widerspruch er­scheint, verstehe ich in der Konversation als komplementäre Auffassung, die Reichtum er­schliesst, weil von allem, was von Herzen gesagt wird, nichts ausgeschlossen wird. Eine grundlegende Funktion der Regeln sehe ich darin, noch nicht entwickeltes oder gefährdetes Vertrauen zu überbrücken. Ich brauche bei­spiels­weise in der Konversation eine Art Ver­trauen, welches mir das Aushalten von Aus­sa­gen ermöglicht, die ich nicht sofort verstehen kann. Ich muss auch Aussagen aus­halten, die mir falsch, abwegig oder politisch nicht korrekt erscheinen. Wenn ich genügend Vertrauen entwickelt habe, kann ich Bewertungen zu­rück­stellen, so wie ich es unter meinen engsten Freunden kann. Ich kann erwar­ten, wohin die gemeinsame Reise gehen wird.

 

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