Verantwortungsfrei


Differenztheoretisch bezeichne ich mit dem Ausdruck „Verantwortung“ die Unterscheidung zwischen einer Verantwortung, zu welcher jemand gezogen wird, und einer Verantwortung, die jemand zu übernehmen vorgibt, wenn er weiss, dass er nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.

Auf der wortgebende Seite der Unterscheidung heisst Verantwortung, dass ich Antwort geben muss. Im exemplarischen Fall bin ich der Angeklagte vor dem Richter und muss antworten, wo ich die Antwort nicht dem Gutdünken des Richters überlassen will, der seine Antwort so oder so bekommt. Zur Verantwortung gezogen werde ich, wo jemand die Macht hat, mir eine Schuld zuzuweisen und mich zu bestrafen. Dieses Verantworten beruht auf einer Inquisition, in welcher Fragen gestellt werden, damit der zur Verantwortung Gezogene seine relative Schuld explizit bekennt und damit vor allem auch die Machtverhältnisse anerkennt. Die peinlich erzwungene Antworten ist eine Strafe vor der Strafe, die dann folgt, auch wenn die Antwort verweigert wird.

Auf der anderen Seite der Unterscheidung muss ich nie sagen, dass ich Verantwortung übernehme, wo ich ohnehin zur Verantwortung gezogen werden kann. Dagegen kann ich jederzeit sagen, dass Verantwortung übernehme, wo mich niemand zur Verantwortung ziehen kann. Wenn ich sage, dass ich Verantwortung übernehme, postuliere ich für mich eine Machtposition, ungeachtet davon, welche Macht ich wirklich habe. Wo ich tatsächlich Macht habe, muss ich keine Verantwortung übernehmen und nicht einmal davon sprechen.

Das Übernehmen von Verantwortung bezeichnet in diesem Sinne weniger eine Machtposition als vielmehr eine Ungewissheit bezüglich der Machtverhältnisse. Einen dafür exemplarischen Fall erkenne ich in einem politisch gewählten Repräsentant. Seine Wähler können ihm beliebige Fragen stellen, aber sie können ihn nicht zur Verantwortung ziehen. Sie können ihn mit mehr oder weniger Aufwand abwählen. Das betrifft aber den Rollenträger, nicht den Repräsentanten, der dann durch einen anderen Rollenträger ersetzt wird. Was der Repräsentant tut oder lässt, muss und kann er nicht verantworten, weil er es ja anstelle seiner Wähler tut.

Die Differenz zur Repräsentation wiederholt sich in der Unterscheidung zwischen Führer und Diener des Volkes. Politiker, die sich als Füverantwortunghrer sehen, übernehmen oft und gerne Verantwortung. Und Politiker, die sich als Diener des Volkes sehen, können keine Verantwortung übernehmen, weil sie – wie berechtigt auch immer – glauben, dass der Herr seinen Diener fragen könnte. Die Führer unter den Politikern bezeichnen sich selbst, nicht nur weil das Wort Führer politisch seltsam belastet ist, gerne als Manager. Sie invertieren dabei die Differance zum Machtverhältnis in der Manage.

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4 Antworten zu “Verantwortungsfrei

  1. Differenztheoretisch betrachtet, lehne ich die Gesamtheit dieser Darstellung schlicht ab, da sie in letzter Konsequenz sich ausschließlich an der Externität von Verantwortung vor dem Außenstehendem, einem „Richter“ sich orientiert und damit im sekundären Verantwortungverständnis hilflos herum fuchtelt.
    Verantwortung findet ausschließlich in der Person selber Raum und Wert und Intensität – oder es gibt sie nicht oder nicht ausreichend, was erst danach richterliche Sicht bedarf, eventuell gegebenenfalls damit nicht nur sekundär sondern sogar tertiär.
    Verantwortung ist eine Sicht vor mir selber und nicht vor dem Richter, daraus entsteht und speist sie sich, sie ist also nie fremdbestimmbar.

    Alle andersartigen Vorstellungen von Verantwortung „vor …“ (dem Wähler usw.) repräsentieren nicht eine solche sondern nur das Streben nach Anerkennung, was zzunächst nichts mit Verantwortungsentwicklung und -Wahrnehmung zu tun hat.
    Damit kann ich der zusammengestellten Gedankenkette nicht folgen, da sie zu viele zerstörte oder fehlende Glieder aufweist, was auf ausreichend differance aber zu geringe Verantwortung als Wert schließen lassen muß.

  2. danke für diese Differenzierung zwischen einer Verantwortung INNERHALB des Menschen versus einer nicht im Menschen, wo sie denn gar nicht exisieren kann.
    Mir ist diese Sichtweise – sozusagen als common sense – sehr bewusst. Es ist gewissermassen meine wahrgenommene Verantwortung, dagegen anzukämpfen, wenigstens dagegen zu schreiben.
    Die Verantwortung IM Menschen (wo auch immer die sein sollte) bräuchte keine Bezeichnung. Sie wäre unterschiedslos einfach da.
    Die Verantwortung, die ich meine, ist jene von welcher ich immer höre, weil sie laufend angerufen und ausgesprochen wird.

  3. Ja, genau so kam mir das vor, wie etwas, was man hört, weil man sie laufend anruft und ausspricht, wie gesagt: was man sagt und man hört.
    Wo Verantwortung IM Menschen sein sollte?
    Einfache Gegenfrage: WO sollte diese denn AUssERHALB von Mensch sein… (keine Frage, da Feststellung).

  4. hmmm … was sich zwischen Menschen abspielt, also die Verantwortungsverhältnisse, die ich meine (und exemplarisch durch den Richter repräsentiere), die sind eben nicht IM Menschen. Diese Verantwortung ist kein Selbstgespräch mit einem Gewissen, sondern ein Gespräch, zu dem ich gezwungen werde

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