Kybernetik definieren – oder wer hat Angst vor Definitionen? (Teil2: (m)eine Definition)


Nachdem ich zuvor ein paar Anmerkungen zum Stellenwert (m)einer Definition zur Kybernetik gemacht habe, folgt hier nun die „Definition“ mit einer weiteren Vorbemerkung:

Mit der Wortendung „-ik“ verweise ich in diesem Fall wie etwa bei Technik auf eine relative Indifferenz zwischen Gegenstand und Widerspiegelung, die ich dann durch die Wortendungen „-logie“ in Kybernologie aufhebe, weil ich damit im Sinne eines re-enrtys eine Lehre zur Kybernetik bezeichne, die im Ausdruck Kybernetik mitgemeint ist.

Als Kybernetik bezeichne ich den spezifischen Teil der Technik, in welchem es um die artefaktischen Verfahren geht, die ich als Regelung von Mechanismen bezeichne. Kybernetik entwickelt Automaten und das dazu notwendige Knowhow, während Technik sich mit allen Artefakten befasst.

Als Definition führt diese Formulierung „Technik“ als Oberbegriff (Genus proximum) und die „Regelung“ als Kriterium (Differentia specifica) ein. Was für Technik gilt, gilt auch für Kybernetik.

Im Kontext der Theorie sehe ich den Sinn der Kybernetik in der Entwicklung der Kybernologie, also in der Entwicklung des praktischen und begrifflichen Wissens darüber, wie die Regelung überhaupt funktioniert. Die Entwicklung von immer komplizierteren Mechanismen erlaubt
• die praktische Lösung von technischen Problemen und
• die Erklärung von immer komplexeren Phänomenen.

Ein geflügeltes Wort sagt, dass Kybernetik nicht fragt, was dieses Ding ist, sondern wie es funktioniert (Ashby1974, S,15). Diese Differenz bezeichnet den Unterschied zwischen Zeichnung und Beschreibung und bezieht sich darauf, dass Maschinen – deren Funktionsweise sich in der Zeit konstruktiv nicht indentiert verändert – durch statische Abbildungen wie Zeichnungen hinreichend charakerisiert werden können, während die Regelung nur sprachlich dargestellt werden kann. Konstruktionspläne zeigen, was das „Ding“ ist. Automaten dagegen, deren Eigenzustände von deren Geschichte im Sinne vorangehender Eigenzustände abhängig sind, können durch Zeichnungen nicht hinreichend dargestellt werden. Sie müssen „sprachlich“, etwa durch Programmiersprachen beschrieben werden.

Kybernet-ik umfasst in diesem Sinn das Teilgebiet Informat-ik, das sich mit eigentlicher Programmierung befasst.

Beispiel

Das Steuern eines Schiffes kann als Regelungsproblem aufgefasst werden. Der Steuermann (der griechisch Kybernetes heisst) reagiert mit seinene Anweisungen auf die Angaben über die Zielabweichungen, die er vom Lotsen bekommt.

Ein anderes typisch kybernetisches System ist eine durch einen Thermostaten geregelte Heizung. Mit einem Thermostat vergleiche ich den Istwert eines Thermometers mit einem Sollwert, der als gewünschte Temperatur eingestellt wird. Eine Diskrepanz zwischen diesen beiden Werten veranlasst den Thermostaten dazu, die Heizung so zu regulieren, dass der Ist-Wert den Soll-Wert anstrebt.
Mit demselben Mechanismus erklärt die Kyberetik auch die Regelung der Körpertemperatur eines Tieres, weshalb N. Wiener von welchem der Ausdruck stammt, im Untertitel seines Buches von einer „Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine“ gesprochen hat (Cybernetics or control and communication in the animal and the machine).

Begriffsgeschichtlicher Hintergrund

An einer Macy-Konferenz einigete sich die damalige, von der us-amerikanischen Armee finanzierte Wissenschaftsgemeinschaft darauf, den wienerschen Ausdruck „Kybernetik“ als Er-Satz für die explizite Umschreibung „zirkulär-kausale und Rückkoppelungsmechanismen in biologischen und sozialen Systemen“ zu verwenden.
Ich kann nirgendwo Hinweise darauf finden, dass die Kybernetikgesellschaft den Übergang von Wissenschaft zu Engineering bewusst reflektierte.

N. Wiener wählte den Ausdruck „Kybernetik“ in wissenschaftshistorischer Anlehnung an das von C. Maxwell 1868 beschriebene Beispiel für Rückkoppelungsmechanismen, einen Fliehkraftregler, den C.Maxwell ”Governor” nannte, weil er im Prinzip einen Schiffssteuermann ersetzen konnte (Kybernetes ist das griechische Wort für Governor, Wiener,1963:39). ”Governor” seinerseits wurde bereits von A. Ampère im Sinne von Plato für die politische Steuerung verwendet. Bei Plato, der den Staat mit einem Schiff verglich, hiess der Steuermann Kybernetes (Ilgauds,1980,58f).
Reflexiv verlangt die Kybernetik dir Unterscheidung zwischen Funktion und Funktionsweise. Die Funktion hat N. Wiener Erkenntnisse zur Kommunikation und Kontrolle in Tier und Maschine bestimmt. Inhalt oder Gegenstand der Kybernetik ist die Konstruktion von Regelungskreisen und mithin Feedback in Systemen, die offen für Energie, aber geschlossen für Information, die also ‚informationsdicht‘ sind (W. Ashby). Die Kybernetik fragt nicht: wie können wir etwas steuern?, sondern: wie können Systeme sich selbst steuern?

Zum Aspekt der eigentlichen Theorie, die ich Kyberno-logie nenne, will ich später noch mehr sagen.

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7 Antworten zu “Kybernetik definieren – oder wer hat Angst vor Definitionen? (Teil2: (m)eine Definition)

  1. Pingback: Kybernetik definieren – oder wer hat Angst vor Definitionen? (Teil1: definieren) | Dialog

  2. Pingback: Das Ich – oder: die ich-Formulierungen | Dialog

  3. Pingback: Kybernologie | Dialog

  4. Ich würde gern die Kommentare lesen, komme da aber nicht ran. Habe ich etwas übersehen?

  5. nein, wordpress zählt auch Verlinkungen (als Pingback oben aufgeführt) als Kommentare. Ich weiss weder warum, noch wie ich das ändern könnte.

  6. Ah, ok, danke! Ich werd mal recherchieren, was ein Pingback ist.

    Viele Grüße, Jens

  7. Pingback: Kybernologie (überarbeite Version) | Dialog

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