Kybernologie (überarbeite Version)


Das ist der erste Teil einer Überarbeitung meines vorangegangenen Beitrages, der durch ein paar sehr verkürzte Bemerkungen Kritik auslöste, die ich beachten will.

Als Kybernologie bezeichne ich – in Anlehnung an die Unterscheidung zwischen Technik und Technologie – eine Lehre zur Kybernetik, wobei ich die Kybernologie als Teil der Technologie begreife, weil ich die Kybernetik als Teil der Technik sehe, worin die Kybernetik auch die Informatik beinhaltet.

Kybernologien explizieren – als spezifische Technologien – Weltanschauungen, in welchen die Entwicklung der Kybernetik in einem übergeordneten Rahmen gestellt und funktional gedeutet wird. Ich spreche bewusst von Kybernologien und Technologien in der Mehrzahl, weil verschiedene Auffassungen existieren. Auch die Charakterisierung der Kybernetik durch Regelungsmechanismen ist in diesem Sinne bereits eine Festlegung, der man nicht folgen muss, die aber in dieser Allgemeinheit in allen mir bekannten Texten noch geteilt wird, zumal der Ausdruck „Kybernetik“ auch mit der Zustimmung von N. Wiener, von dem der Ausdruck eingeführt wurde, als Er-„Satz“ für die explizite Umschreibung „zirkulär-kausale und Rückkoppelungsmechanismen“ verwendet wird.

In diesem Sinne setze ich Kybernetik voraus und bezeichne sie. Als „Kybernetik“ bezeichne ich analog zum Ausdruck Technik, der auch auf ik endet, eine Differenz zwischen einer Theorie und einem darin reflektierten Sachverhalt. Der Sachverhalt der Technik besteht in Artefakten, die mich effizient machen, der Sachverhalt der Kybernetik besteht in der Teilmenge dieser Artefakte, die als Rückkoppelungsmechanismen Verfahren der Regelung repräsentieren, die technologisch die entwickelste Stufe der Effizienz darstellen. Die Kybernetik dient mir in bezug auf Mechanismen als Konstruktionsanweisung.

Wenn ich einen Mechanismus konstruiere, beschreibe ich desen Konstruktion in einer Abbildung, die ich als Plan bezeichne, der für die Herstellung des Mechanismus Anweisungscharakter hat. Der Maschinenzeichner zeichnet, was der Handwerker anschliessend produziert. Die kybernetische Abbildung beschreibt in Form von allenfalls schematischen Programmen insbesondere auch die Funktionsweise der Mechanismen, die in Konstruktionszeichnungen nicht explizit dargestellt wird. Die Beschreibungen der Funktionsweise können differentiell als Erklärungen gelesen werden. Wenn ich beispielsweise die Funktionsweise einer thermostatengeregelten Heizung beschreibe, erkläre ich einerseits wie die Heizung funktioniert, ich erkläre damit aber auch, wie das Phänomen einer konstanten Raumtemperatur zustande kommt. Ich erkläre so also nicht nur, wie die Maschine funktioniert, sondern auch, wie das „Produkt“ der Maschine zustande kommt.

Als Erklärungen bezeichne ich in diesem Sinn Beschreibungen von kybernetischen Verfahren, die ich zur Erzeugung derjenigen Phänomene verwenden kann, die ich erklären will. Wenn ich erklären will, warum es in meiner Wohnung immer etwa zwangig Grad warm ist, beschreibe ich die Wirkung einer thermostatengeregelten Heizung. Die Kybernologie beschreibt in diesem Sinne, inwiefern die Konstruktion eines Mechanismus als Erklärung fungiert.

Mit einer Erklärung kann ich meine Wohnung nicht heizen, ich muss das in der Erklärung beschriebene Verfahren anwenden, damit ich eine konstante Temperatur bekomme. Dazu muss ich die Heizung herstellen und in meinen Keller stellen. Das ist der Unterschied zwischen einer Erklärung und einer Maschine. Wenn ich aber die Erklärung kenne, kann ich die Maschine, deren Konstruktion mir als Erklärung dient, im Prinzip auch herstellen. Das beschreibt, was Ingenieure machen. Die Kybernologie beschreibt in diesem Sinne, inwiefern die Konstruktion eines Mechanismus eine Erklärung darstellt und inwiefern ich in Erklärungen Konstruktionen beschreibe. Deshalb verstehe ich die Kybernologie als eine Lehre des – konstruktiven – Erklärens, die nebenbei auch erklärt, wie man Maschinen konstruiert.

Die bekannte Macy-Formulierung, wonach die Kybernetik Rückkoppelungsmechanismen „in biologischen und sozialen Systemen“ behandelt, focusiert zu eng, weil natürlich auch technische „Systeme“ mitgemeint sind. Der Untertitel von N. Wieners Kybernetik-Buch lautet quasi vollständiger „Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine“ und H. Maturana schliesslich bezeichnet Lebewesen als autopoietische Maschinen.

Die Kybernologie als Lehre entwickelt mithin auch eine kategoriale Logik, durch welche zunächst die Entwicklung der Technik insgesamt rekonstruiert wird. Sie beobachtet die Entwicklung der Technik quasi zurückblickend durch die Kategorien der jüngsten Entwicklungsstufe. Evolutionstheoretisch ist der kybernetische Mechanismus als Automat der Schlüssel zum Verständnis aller Werkzeuge, so wie die Anatomie des Menschen ein Schlüssel zur Anatomie der evolutionär einfacheren Tiere ist. Automaten sind in dieser Perspektive nicht von Lebewesen geregelte Maschinen, und Maschinen sind Wekzeuge, die nicht von Lebewesen angetrieben werden. In dieser Logie stellt der Mensch zunächst Werkzeuge her, die er selbst antreiben und selbst steuern muss. Auf dieser Stufe hat der Mensch noch kein mechanisch-kybernetisches Verständnis von Antrieb und Regelung – sonst würde er ja Automaten herstellen. Entwicklungslogisch später verwendet der Mensch Kraftmaschinen, um die Werkzeuge anzutreiben und schliesslich konstruiert er Automaten, die durch Prozessoren gesteuert werden.

Der Entwicklungsstufe der Kraftmaschine entspricht ein Bewusstsein für Energie, den Automaten entspricht ein Bewusstsein für Regelung und „Information“. Auf dieser Stufe sehe ich „Welt“ als einen geregelten Energieprozess und beispielsweise den Menschen als intelligent sublimierendes, kognitives Triebwesen. Als Erklärung für Phänomene erscheint dann die Funktionsweise eines geregelten Mechanismus – was natürlich mitbestimmt, was als Phänomen überhaupt in Frage kommt.

* * *

Der Radikale Konstruktivismus stellt – wo er nicht epistemologisch gedeutet wird – eine Variante der Kybernologie dar. Die im Konstruktivismus gemeinten Konstruktionen produzieren nicht die Welt, sondern Erkärungen.

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Eine Antwort zu “Kybernologie (überarbeite Version)

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