Textverarbeitung als (un)sinnig gewählter Ausdruck


textverarbeitung„Textverarbeitung“ würde in meinem Sprachgefühl – wenn auch recht eigenartig – bezeichnen, was Lesende tun, wenn sie versuchen, einen Text zu verstehen. Textverarbeitung wird aber in der Alltagsprache für etwas ganz anderes verwendet, was ich hier kritisch reflektieren will.

„Textverarbeitung“ ist ein gängiger Ausdruck für etwas, von dem Du schon weisst, was ich meine, auch wenn ich es nicht umschreiben könnte. Man sagt, ein deutscher IBM-Manager habe das Wort in die Sprache gebracht – wohl um etwas zu benennen, wofür er keinen Begriff hatte  (1).
„Denn eben, wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“.

Ich erachte Wörter als arbiträre Zeichen, ich kann keinen Grund dafür sehen, dass der Tisch Tisch genannt wird. Einige Wörter – speziell zusammengesetzte Wörter – suggerieren aber dem gesunden Menschenverstand, es gäbe einen erkennbaren oder sogar naturgegebenen Zusammenhang zwischen Ausdruck und dessen Referenzobjekt. „Textverarbeitung“ würde dann wohl „Verarbeitung von Text“ bedeuten, wobei die beiden Ausdrücke „Verarbeitung“ und „Text“ ihrerseits gedeutet werden müssten.

Sprachkritisch kann ich bei zusammengesetzten Wörtern – wobei natürlich auch das Zusammengesetztsein eine Unterstellung ist – beobachten, was in der Zusammensetzung ausgedrückt wird. Ich kann kritisch etwa beobachten, wie die Teilwörter konventionell verwendet werden und in welch anderen Zusammensetzungen sie vorkommen und was in diesen Fällen allenfalls suggeriert wird.

Im Falle des Ausdruckes „Textverarbeitung“ beobachte ich in diesem Sinne „Verarbeitung“ und „Text“. Verarbeitung wird konventionell auf Material bezogen, etwa im Ausdruck Metallverarbeitung. Ich kenne keine Ausdrücke, in welchen Verarbeitung auf Produkte bezogen wird. Es gibt die Holzverarbeitung, aber nicht die Tischverarbeitung. Es gibt aber – das ist hier wohl keine ganz zufällige Analogie – die sogenannte Datenverarbeitung.

Textverarbeitung könnte als „sekretärinnen“spezifische Datenverarbeitung gedeutet werden. In der IBM gab es damals eine richtige Datenverarbeitung und eben das, was Sekretärinnen mit dem Computer machten. Dabei stellt sich die Frage, was Daten sind und immer noch, aber jetzt zugespitzt die Frage, was mit Text gemeint ist. Als Text erscheint in diesem Kontext eine Menge von Daten, die in dem Sinne Text ist, als sie wie ein Brief, ein Buch oder Formularinhalte gelesen werden kann. Und als Daten gelten ebenso umgangssprachlich diffus umgekehrt Zeichen, die nicht in diesem umgangssprachlichen Sinn gelesen werden können.

Wenn ich Textverarbeitung via den Ausdruck Datenverarbeitung interpretiere, müsste ich mich fragen, inwiefern Daten Material und nicht etwa Produkte sind – und die Frage auch in Bezug auf Text stellen.

Eine andere Interpretation besteht darin „Verarbeitung“ in diesem Kontext als inhaltliche Verschiebung zu deuten, in welcher statt von der Maschine, mit welcher gearbeitet wird, von „Verarbeitung“ gesprochen wird. Diese Deutung wird durch Ausdrücke wie Textverarbeitungssoftware, -programme oder -systeme nahegelegt, die das Werkzeug sozusagen anhängen. Auch in diesem Fall würde ich sprachkritisch beobachten, wo in analoger Weise von einer Wortschöpfung mit „-ung“ verwendet wird.

Ich breche hier diese sprachkritischen Erwägungen ab, indem ich eine weitere, mehr psychologistische Deutung vorlege: „Text“ wird im Kontext der Textverarbeitung nicht als Produkt einer Maschine gesehen. Ich verwende „in“ oder während der Textverarbeitung zwar eine Maschine, aber der Text als Text scheint davon in dieser Perspektive nicht betroffen. Als Text erscheint in der Perspektive des IBM-Managers das, was er schreibenderweise meint, sozusagen der Inhalt, den er mittels einer Maschinen-Sekretärin erstellen lässt. In dieser Vorstellung steht Text quasi für das geistige Material, welchem durch das Schreiben eine materielle Verkörperung gegeben wird, in dem zunächst der Körper der Sekretärin und später auch ein Computer verwendet wird.

Das Herstellen von Text wird als geistiger Verarbeitungsprozess gesehen, und das, was der Computer und die ihm tayloristisch allenfalls immer noch angehängte Sekretärin macht, ist die ideele Erscheinungsform. Diese Perspektive findet ihren Ausdruck in der sogenannten „Information“, die weder materiell noch energetisch ist, aber doch durch oder mittels Maschinen in Form von Daten behandelt wird.

„Textverarbeitung“ meint wohl auch in der Perspektive des IBM-Managers ganz jenseits von „Verarbeitung“, dass Text mittels eines Computers produziere wird. Es gibt ein paar halbherzige Korrekturvorschläge, die von der Umgangssprache kaum aufgegriffen werden – wohl, weil sie die Sache noch etwas komplizierter machen. Zum einen wird von Text-BE-arbeitung gesprochen und zum andern werden „Werkzeuge“ bezeichnet, die bei der Textverarbeitung verwendet werden: etwa Textverarbeitungs“programm“ oder Textverarbeitungs“system“. In der Wikipedia etwa werden solche Unterscheidungen durch Weiterleitungen aufgehoben.

Im Ausdruck Textbearbeitung wird – wie passend auch immer – die Differenz angesprochen, dass der gemeinte Text nicht im Kopf und nicht im Geist, sondern als Artefakt am Bildschirm oder auf Papier ist. Mit dem Ausdruck „Textverarbeitungssystem“ wird nicht Text, sondern ein Werkzeug, normalerweise ein entsprechend programmierter Computer bezeichnet, das bei der „Textverarbeitung“ benutzt wird. Das ist etwas ziemlich anderes als „Textverarbeitung“, was immer man auch mit diesem Ausdruck bezeichnen mag.

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3 Antworten zu “Textverarbeitung als (un)sinnig gewählter Ausdruck

  1. Zusammengesetzte Wörter sind automatisch immer polyvalent, weil die implizite Grammatik eben nicht explizit ausgeprochen wird. Implizite Grammatik heißt in diesem Fall zum Beispiel, dass ein Genitivus Objectivus gedacht werden muss, um den Begriff in seiner üblichen Bedeutung verwenden zu können: „die Verarbeitung von Text“. Man könnte auch andere Grammatiken aufrufen, z.B. den Genitivus Subjectivus, dann würde der Text etwas verarbeiten. Die deutsche Sprache ist reich an Kalauern dank ihrer zusammengesetzten Worte, bei denenn regelmäßig irgendwann jemand drauf kommt, dass dieses oder jenes Wort auch „andersherum“ gedeutet werden kann.
    Worauf die Schwierigkeiten hier beruhen, erkennt man ganz gut, wenn man Textil- und Textverarbeitung vergleicht. Zwei Gewebearten, allerdings hat die zweite eine Art Doppelcharakter wie das Licht, mal ist der Text materiell (wahrnehmbar), mal ist er inmateriell (nur „Gedanke“). Dementsprechend gibt es viele Möglichkeiten, den Begriff „Textverarbeitung“ zu deuten oder sich umzudefinieren – materiell oder geistig, da gibt es viele Spielmöglichkeiten. Beispielsweise könnte Textverarbeitung ein anderes Wort für „lesen“ sein. Oder ein Wort für das Abfotografieren von Text – es gibt eben viele materielle und neuerdings auch verschiedene geistige Möglichkeiten der „Textverarbeitung“ (z.B. kann ein Computer einen Buchstaben in eine Zahl „verarbeiten“, er kann Bücher Seite für Seite indizieren, Buchstaben zählen, das Erscheinungsbild von Schrift ändern (ich meine mich dunkel zu erinnern, dass die Stadtmagazine (alternative Zeitschriften) erst entstehen konnten, als es so etwas wie „Composer“ gab, das waren Textverarbeitungsmaschinen, mit denen erstmals eine Art elektronischer Satz hergestellt werden konnte, ohne dafür extra eine teure Setzerei benötigen zu müssen.)
    KInder brauchen unbedingt bis zum 10 bis 12 Lebensjahr, also je nach Begabung und Übungsintensität, 4 bis 6 Jahre, um die „Textverarbeitung“ (lesen) so weit automatisiert zu haben, dass es ihnen kaum noch auffällt, welche Anstrengungen mit dem Lesen verbunden sind. Vorher nehmen sie die Buchstaben noch einzeln auf, zumal bei neuen Worten, lesen stockend. Wenn ich heute (leise) lese, dann mit vergleichswesie normer Geschwindigkeit. Dabei wird die „materielle“ Seite hochgradig kybernetisch abgehandelt: Wenige Buchstaben reichen, um das ganze Worte „auszuprobieren“, wenn es passt, merke ich das gar nicht,erst wenn es nicht passt, wird zum Aufnahmeprozess der Buchstaben zurückgesprungen und das Wort noch einmal genauer angeschaut. Die inmaterielle Textverarbeitung, also die sinnentnehmende Interpretation des Gelesenen, funktioniert leider, leider bei den allermeisten Menschen nicht kybernetisch – sie können sogar offenbare Unlogischkeiten, Absurditäten „lesen“, ohne darüber zu stutzen, sondern machen sich stattdessen ihren eigenen Reim draus – der Text sagt zwar etwas anderes oder stimmt nicht, aber im KOpf des Lesers stimmt alles..
    Computer haben nach wie vor kaum eine Chance, sinnentnehmend zu lesen und können die geistige Ebene des Textes nur mit Hilfe von Ontologien, Metatags (Schema.org) oder evolutionären Algorithmen so in strukturierte Daten verwandeln, dass sie mit dem Text etwas tun („verarbeiten“) können, wie es Menschen auch tun würden bzw. erwarten.

  2. danke, das sind interessante Gedanken und viele. Eine Art Polyvalenz besteht darin, dass verschiedene Menschen sich verschiedene Gedanken machen, verschiedene Unterscheidungen verschieden anordnen und so auch verschieden gewichten und vor allem geht es auch um Einbettungen in verschiedene Voraussetzungen oder Weltanschauungen.
    Den einen Sinn eines Dialoges sehe ich darin, die impliziten Voraussetzungen sichtbar werden zu lassen. Man kann – und so wie ich es sehe, tun wir es beide – die Unterscheidung „materieller, sinnlich wahrnehmbarer Text“ versus „immaterieller, gedanklicher Text“ ins Spiel bringen. Man kann mit dieser Unterscheidung aber sehr verschieden umgehen, was ich eben als Einbettungen in dahinterliegende Weltanschauungen bezeichne.
    Wenn ich im Dialog erkenne, dass jemand eine Unterscheidung anders verwendet, komme ich den Differenzen in den Weltanschauungen auf die Spur und erkenne so, wo ich stehe und wo ich statt dessen allenfalls auch stehen könnte, weil ein anderer es ja tut.
    Deine Gedanken zur Textverarbeitung eröffnen ein riesiges Feld. Ich habe viel enger nur an die Computergeschichte gedacht, weil ich mich gerade auf die MMK-Tagung http://www.mmktagung.de/wiki/2014/AG3_MMK_2014 vorbereite. Dort will ich Deine Erwägungen dann auf jeden Fall mit ins dortige Spiel bringen, weil das Thema nicht unter meinen Begrenzungen leiden soll.
    Ich neige dazu, Polyvalenzen aufzuheben. In diesem Fall eben so, dass ich mir bewusst mache, ob ich von Text oder von Text spreche. In Bezug auf den Computer spielen Gedanken, Lesen und Verstehen für mich keinerlei Rolle. Und wenn dort das „Verarbeiten“ auf die Veränderung eines Schriftbildes oder eines Layouts bezogen wird, ergibt das für mich Differenzen, die ich bedenken kann und muss: etwa Schrift versus Text.
    In diesem Sinne nochmals besten Dank.

  3. Pingback: Ds Wort “Bildschirm” | Dialog

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