Das Wort „Bildschirm“


bildschirm„wortistik“  auf blogs.taz.de sucht dann und wann neue Wörter für Wörter, die es schon gibt, die aber nicht so glücklich gewählt scheinen. Während ich mich gerade mit dem Ausdruck Textverarbeitung befasse, geht es dort aktuell um den Bildschirm: „Bei der zunehmenden Wichtigkeit von Bildschirmen im Leben der, wage ich zu behaupten, Mehrheit der DeutschsprecherInnen, ist ein sich aus alten Röhrenfernsehern erklärendes Wort unschön. Der Stand der Massentechnik sind flache, digitale Abspielgeräte für Lichtbilder.” In einem Preisausschreiben werden für den besten Vorschlag 40 Euro geboten. Da spiele ich natürlich gerne mit, schon wegen des doppelten Preises: viel Geld UND ein neues Wort.

blackbox_innenMich interessiert abgesehen vom grossen matereillen Gewinn natürlich auch die Sprache als solche. Ich beobachte Perspektiven auf Artefakte. Im barrierfreien Commonsense werden Artefakte durch Verwendungsbeschreibungen tabuisiert. Anstelle davon, was es ist, wird gesagt, was ich damit mache. Im Beispiel: Der Schirm IST ein DING, ich spanne ihn auf, um bei Regen im Trocknen zu bleiben. Ich würde dann im Commonsense also anstelle von Schirm „mich-trocken-Halter“ sagen. Das Ding Schirm dagegen würde ich rekonstruktiv als aufgespanntes Tuch … usw beschreiben und eben arbiträr als Schirm bezeichnen. Der behandelte „Schirm“ wird als „Stand der Massentechnik sind flache, digitale Abspielgeräte“ beschrieben.

Gewonnen hat im Wettbewerb „Seh-und-Tastfläche“. Das ist ein verdienter Sieger, weil damit die allgemeine Perspektive barrierefrei bedient wird. Es geht dabei nicht darum, was das Ding macht, sondern – egozentrisch, anthropologistisch – was ich mache. Denn das Ding sieht und tastet natürlich nicht.

In der verwendeten Perspktive sehe ich eine eigenwillige Wendung der Kybernetik, in welcher gefordert wurde, die Frage, was ist es, durch die Frage, was macht es, zu ersetzen. Mich interessiert, warum die Kybernetik damit so erfolglos geblieben ist. Meine Arbeitshypothese: der Commonsense behandelt lieber das „ich“ als das „es“. Die Alltagssprache lädt mich ein, über mich zu sprechen und das „es“ aussen vor zu lassen. M. Buber hat dazu im Aufsatz „Ich und Du“ als zwei Ich-Formen unterschieden: Ich-Du versus Ich-Es

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Eine Antwort zu “Das Wort „Bildschirm“

  1. Pingback: Textverarbeitung als (un)sinnig gewählter Ausdruck | Dialog

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