Gibt es (soziale) Systeme?


escher_haendeD. Baecker schlägt in seinem Beitrag „Es gibt keine sozialen Systeme“ eine paradoxe Re-Inversion der Luhmannschen Systemtheorie vor. N. Luhmann sagte, dass seine Überlegungen davon ausgehen, dass es Systeme gibt. Ich unterstelle, dass N. Luhmann vor allem auch soziale Systeme meinte. D. Baecker sagt nun, dass es keine sozialen Systeme gibt. Ich unterstelle, dass er Systeme generell meinte, sich also im Prinzip auf die Kybernetik bezieht, die von N. Luhmann invertiert wurde.

Die Aussagen, wonach es Systeme gibt oder nicht gibt, sind sinnleer, wenn sie keine Deutung haben. In der Notation von N. Luhmann liegt die Deutung in den Anschlüssen, in der neu vorgeschlagenen, alten Notation von D. Baecker gibt es den Beobachter, der für die Aussage zuständig ist – wenn er sie denn macht. H. Maturana sagte, dass jede Aussage von einem Beobachter stamme.

Die Aussage, wonach es keine Systeme gibt, ist ambivalent wie die Aussage, wonach es keine Einhörner gibt. Ich weiss sehr genau, was ein Einhorn ist, ich kann ohne weiteres darüber sprechen, ohne zu sagen, was es gibt oder nicht gibt. Und genau so, kann ich sagen, was ich als System bezeichne. Als System bezeichne ich einen geregelten Mechanismus genau dann, wenn ich dessen Verhalten in der Erklärung eines Phänomens beschreibe. In diesem Kontext spielt es absolut keine Rolle, ob es Systeme gibt.

Die Aussage, dass es Systeme gibt, ist paradox. N. Luhmann hat die Paradoxie bewusst in Kauf genommen, um den Beobachter, mit welchem die Kybernetik die wissenschaftliche Objektivität verworfen hat, wieder los zu werden. Der Witz der Luhmannschen Theorie besteht darin, Aussagen zu entkoppeln. Die kritische Frage dabei wäre nicht, ob es Systeme, sondern ob es Aussagen über Systeme oder Beobachtungen gibt.

Die Wissenschaft, die N. Luhmann vorschwebt, macht Aussagen, die nicht von der spontanen Verfassung eines Beobachters abhängig sind. Das entspricht dem Wissenschaftsideal von K. Popper, der im Positivismusstreit, in welchem N. Luhmann auf seiner Seite kämpfte, die Beliebigkeit von Hypothesen postulierte. In so verstandener Wissenschaft geht es um den Gehalt der Hypothesen, nicht darum, weshalb es Hypothesen „gibt“, und schon gar nicht darum, wer die Beobachtungen gemacht hat. Bei N. Luhmann werden Hypothesen als Teile der Kommunikation überhaupt erst zu solchen, wenn sie – egal wie und von wem – aufgegriffen werden.

Aussage darüber, was es gibt oder nicht gibt, gehören in die Wissenschaft, die durch die kybernetische Systemtheorie in der Formulierung des radikalen Konstruktivismus aufgehoben wurde. Als radikalen Konstruktivismus bezeichne ich dabei eine Theorie, die die Frage danach, was es – wirklich – gibt, sinnlos macht. Aber die Theorie steht als Anschauung zur Disposition. Ich kann wählen, ob Anhänger einer Wissenschaft oder einer Religion sein will. Ich kann wählen, welche Fragen ich stelle. Die konstruktivistische Frage lautet nicht: Wie erkläre ich mir, dass es  mich gibt, sondern wie erkläre ich mir, was ich mir erkläre.

In einem groben Missverständnis darüber, was es gibt, sagte ein Freund von mir einmal zu seiner Frau, er wisse gar nicht, ob sie wirklich existere. Sie hat ihn darauf verlassen, was seine Frage nicht beantwortet hat.

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5 Antworten zu “Gibt es (soziale) Systeme?

  1. „Sie hat ihn darauf verlassen, was seine Frage nicht beantwortet hat.“ –
    Das sehe ich aber völlig anders.
    Wohl auch dein Freund, frag ihn doch mal, wen ER DIR etwas erzählte und du es hörtest, könnte es gut sein, daß ihr beide zumindest in diesem kleinen Moment existiert habt, auch wenn sichj das bis heute nicht bis zu euch beiden herumgesprochen hat.
    Hast du gemerkt, welche Alberei der Luhmann da aus seinen Zettelkästen zaubert?
    Und dann der Baecker, der muß backen! Wenn der kein (Luhmann-)Brot baeckt, ist er sofort arbeitslos, der steckt in einer verflixten Zwickmühle, noch dazu, wo er sich nicht sicher ist, ob er sich sehen kann bzw. wer von ihm nun der Beobachter wohl ist, nach dem Motte des D. Precht: Wenn ja – Wieviele?

    Ansonsten deine Mühen und Angebote in Ehren, habe alles gelesen und werde zu fgegebener Zeit alles verschmatzen, als Lohn für deine Mühe.
    Bis dahin mußt du auch ohne meine Beobachtung einfach mal Luhmannfrei davon ausgehen, daß du als Ganzheit existierst, was einem komplexen Systrem entspräche, sowohl einem Biologischen wie einem sozialen.
    Nur dazu nicht bei Luhmann nachschauen, da wärest du nur Kommunikation, da der nicht weiß, was MENSCH ist und diesen auch nicht für möglich hält.
    Doch Vorsicht: Kommunikation ist zum größten Teil flüchtig und / oder nur temporär, da kann mann schnell mal verschwunden sein …
    (da hilft auch kein Baecker und kein Beobachter , da der weder mit sich noch mit etwas Anderem „kommuniziert“ sondern nur „erfaßt“, und das auch nur, wenn es ihn auch gibt und er dabei auch anwesend spielt…, was du nur bemerken kannst, wenn du der Beobachter bist …)

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  3. Und:
    „Die konstruktivistische Frage lautet nicht: Wie erkläre ich mir, dass es mich gibt, sondern wie erkläre ich mir, was ich mir erkläre.“
    Das geht leider nicht, du kannst nicht einmal diese Frage stellen, ob und wie du dir irgendetwas Erklärst, solange du nicht sicher bist, daß es dich und damit eine Fragestellenkönner sowie einen diesbezüglichen Beobachter gibt, den es allerdings auch erst mal (zuvor) geben müßte, wenn …. usw. usw.

  4. Lieber Lusru, ich habe Deine Einwände gelesen.
    Wenn jemand meint, dass es mich geben müsse, damit ich mir Fragen stellen könne, dann meint er das eben so. Für mich ist das nicht wichtig. Ich stelle mir Fragen, die für mich wichtig sind (ob das geht oder nicht, ist mir egal).

  5. Lieber Rolf, ich habe keine Einwände, ich habe nur Nachdenkliches.
    Dennoch danke ich dir (und du solltest dir auch danken) dafür, daß du prommt wie ein soziales System auf den Informationsaustausch mit einem anderen sozialen System (ich) reagiert hast, und zwar als ein wenig bedrohtes System, was heißt, du hast den Austausch zur Sicherstellung deiner Systemgrenzen / deines Systemcodes von dir gewiesen als nicht benötigt.
    So ist das mit den sozialen Systemen, die können sich, auch trotz gegenteiligem Selbstverständnis(versuches), nicht der systemischen Selbstregulierung entziehen und reagieren – wie ein System.
    Ich denke mal, gleich in welcher Sprache, dich gibt es sehr wohl, auch wenn mal keiner hinguckt und dich beobachtet.
    So geht eben System:
    „Ich stelle mir Fragen, die für mich wichtig sind (ob das geht oder nicht, ist mir egal).“

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