Systeme sind Theorie(n)


D. Baecker schreibt in seinem Blog The Catjects Project über „Complex Systems in Social Theory„, dass Systeme Theorie seien, nachdem er im Beitrag zuvor geschrieben hat, dass es keine Systeme gebe. Er schreibt, Systeme werden von Beobachtern intellektuell erzeugt und mit anderen Beobachtern beredet, also zur Sprache gebracht. Diese Redeweise könnte suggerieren, dass Systeme in dem Sinne „Theorie“ seien, dass sie jenseits des Intellekts keine Existenz haben. Vordergründig scheint damit die Luhmannsche Theorie umgekrempelt zu werden. Aber natürlich kann man die Luhmannsche Theorie auch so interpretieren: Alles existiert nur im Geschwätz.

Ich beobachte hier nicht die Existenz von Systemen, sondern die Sprache, die D. Baecker verwendet. Ich erkenne ein Grundmuster der Luhmannschen Darstellungsweise, die darin besteht, durch sprachliche Ambivalenz begrifflich in einer spezifischen – artifiziellen – Weise unverbindlich zu bleiben: Bezeichne, aber sag nie, was Du bezeichnest. Ein Schema der Kunstkritik, das sich in der politischen Oekonomie bewährt.

Umgangssprachlich sage ich von einer Aussage, dass sie „Theorie“ sei, wenn ich sie abwerten will, indem ich sie einer Wirklichkeit gegenüberstelle. Als Theorie bezeichne ich in diesem Sinne intellektuell-ausgedachte Konstruktionen, welchen der Bezug zur Wirklichkeit fehlt. „Theorie“ ist dann ein Synonym zu Geschwätz. D. Baecker aber sagt, dass Systeme Theorie seien. Er sagt also Systeme, wo ich in Bezug auf Theorie von Aussagen spreche. Und vielleicht meint er, dass Systeme intellektuell-ausgedachte Konstruktionen seien?

Die Aussage, dass Systeme Theorien sind, kann ich als verkürzte Redeweise begreifen. Als Theorie bezeichne ich die gegenständliche Reflexion einer Anschauung in Form eines Textes, den ich als spezifische Erläuterung interpretieren kann. Als System bezeichne ich das Referenzobjekt einer entsprechenden Theorie. Die Theorie ist in diesem Sinne kein System, sondern beispielsweise eine Aussage darüber, wie ich etwas als System wahrnehme. Die in der von mir unterstellten sprachlichen Verkürzung erzeugte Ambivalenz beruht auf der Aufhebungen eines Referenzobjektes. Das System wird zur Leerstelle der Theorie.

Die Aussage, wonach es keine Systeme gibt, bedeutet dann, dass der Ausdruck System nichts, also kein Referenzobjekt bezeichnet. In der Kybernetik sind Systeme Mechanismen, also spezifische Aspekte von herstellbaren Maschinen. Das Standardbeispiel ist der Mechanismus einer thermostatengeregelten Heizung. Eine solche Heizung steht in meinem Keller, die kybernetische Beschreibung betrifft die Funktionsweise der Regelung, die in der Heizung verkörpert ist. Die Heizung ist kein System sondern eine Heizung. Die Heizung existiert in einem ganz schlichten materialistischen Sinn – ich kann sie sehen und anfassen, also unter physikalischen Gesichtspunkten vermessen. Das System hat diese Existenzweise nicht. Daraus folgt nicht, dass Systeme nicht existieren, sondern dass die Frage, ob es Systeme gibt, sinnlos ist – und natürlich sind es auch die beiden möglichen Antworten.

Die „sozialen Systeme“ – also das, wofür sich D. Baecker vor allem interessiert – sind in seiner jetzt vorgelegten Notation Hypostasierungen von Theorien, die soziale Verhältnisse beschreiben. Ich habe vor jeder Theorie Wörter wie Gesellschaft oder Familie für Verhältnisse, die ich sinnlich nicht wahrnehmen kann. Im Geschwätz kommen also soziale Systeme ganz unabhängig davon, wie es sie gibt, vor. Und die Verhältnisse, die ich im Geschwätz als Gesellschaft bezeichne, sind auch nicht durch Theorien begründet.

Theorie begründet lediglich eine je ganz spezifische Sicht auf ihr Referenzobjekt, respektive auf das durch sie geschaffene Referenzobjekt. In diesem Sinn teile ich die Aussage, dass es keine Systeme gibt, als Aussage, dass es nichts gibt, was mich zu einer bestimmten Sicht zwingt. Und ich teile die – die von mir unterstellte – Aussage, dass Systeme Objekte von Theorien sind. Dabei unterscheide ich allerdings, ob ich durch eine kybernetische Theorie Maschinen beschreibe, die es jenseits dieser Theorie gibt, oder ob ich soziale Verhältnisse beschreibe, die ich auch durch andere Theorien sehen kann.big_brother

Die sozialen Systeme, die es in den Augen von N. Luhmann gibt, zeigen vor allem, dass N. Luhmann eine reaktionäre Theorie pflegt, in welcher gerade die Systeme existieren, die unter den gegeben gesellschaftlichen Verhältnissen jenseits von Theorie durchgesetzt werden: Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion, Erziehung – die Ereignisse der Dystopie.

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11 Antworten zu “Systeme sind Theorie(n)

  1. Hat dies auf systemagazin rebloggt und kommentierte:
    Rolf Todesco: „ Theorie begründet lediglich eine je ganz spezifische Sicht auf ihr Referenzobjekt, respektive auf das durch sie geschaffene Referenzobjekt. In diesem Sinn teile ich die Aussage, dass es keine Systeme gibt, als Aussage, dass es nichts gibt, was mich zu einer bestimmten Sicht zwingt. Und ich teile die – die von mir unterstellte – Aussage, dass Systeme Objekte von Theorien sind. Dabei unterscheide ich allerdings, ob ich durch eine kybernetische Theorie Maschinen beschreibe, die es jenseits dieser Theorie gibt, oder ob ich soziale Verhältnisse beschreibe, die ich auch durch andere Theorien sehen kann.big_brother

    Die sozialen Systeme, die es in den Augen von N. Luhmann gibt, zeigen vor allem, dass N. Luhmann eine reaktionäre Theorie pflegt, in welcher gerade die Systeme existieren, die unter den gegeben gesellschaftlichen Verhältnissen jenseits von Theorie durchgesetzt werden: Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion, Erziehung – die Ereignisse der Dystopie.“

  2. Pingback: Systeme sind Theorie(n) | Dialog - systemagazin

  3. @Rolf Todesco
    Nach der eigenen Theorie von D. LuhBaeckermann ist seine Theorie vom „Jenseits des Intellectes“ selber nur eine seines Intellectes, und das auch nur, wenn ich mir erlaube, ihn dabei zu beobachten – anderenfalls nicht einmal das.
    Das System biologische und soziale System D. Baecker versucht immer wieder (gemäß eigener Behauptung), sich selbst nur theoretisch zu erzeugen , was ihm nie gelingen kann, solange er ZUVOR nicht schon als erzeugendes real existierendes System vorhanden war.
    Vergessen wir diese brotlose Kunst, an die D. Baecker sich nun mal als vorgeblicher LuhmannVersteher weil -Schüler zu sehr gebunden hat und nun dieses „schmückende Beiwerk“ schlecht los wird, ohne auf seine letzte Reputation zu verzichten.
    Ein System ist schlicht und einfach eine Ganzheit (das ist der deutsche Name für systema), etwa so, wie die Person D. Baecker ….
    Mag er sich selbst entscheiden, ob er existiert oder als System nur die Theorie eines nur virtuell existierenden Beobachters sein möchte, für uns ist das alles erst mal geklärt.
    Solange System nur mit der untergeordneten Deutung einer Ganzheit von Theorie (also Ideologie) verstanden wird, hat weder der Beobachter noch der Versteher verstanden, was eine GANZHEIT ist, und daß jede Ganzheit aus etwas (teilbarem) besteht, und dies das Prinzip des Universums ist, sowohl makro- wie mikrologisch, in jedem Falle: logisch.

    Die „sozialen Systeme des Luhmann“ bestehen nach seiner Sicht aus inhaltsbefreiten leeren „Kommunikationen“, da das, was den Namen „sozial“ einzig berechtigt prägt, die Gemeinschaft der MENSCHEN, in der Luhmann-Theorie nicht vorkommt, nicht existent ist. Seine Sozialität erschöpft sich im Konstrukt von Kommunikationen, die er dazu selber nicht mal verwendbar definieren kann, weder in Beschaffenheit noch in Funktion, auch nicht als Beobachter. Was nicht zuletzt darin sich erschöpft, daß er den Zusammenhang von Kommunikation und Information nicht begriffen und daher nicht beschrieben hat. Soziales System ist vor allem anderen SOZIALE INFORMATION, vermittelt über Kommunikation – oder es ist kein soziales System.
    Die „hyperwissenschaftliche“ Unsitte mancher Exaltiertheiten, Theorien bereits als Systeme zu beschimpfen, OrganisationsSCHEMEN und Verabredungen der Menschen untereinander als Systeme (sich selbst regulierende Ganzheiten) verstehen zu wollen (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion, Erziehung usw.) erklärt ein wenig die Irrwege, die in und aus der Weiterverwendung solcher Konstrukte gelegentlich den geneigten Beobachter aufs glatte Eis führen und ihm vorgaukeln, er sei zumindest virtuell in und nur aufgrund der eigenen Beobachtung virulent existent.
    Die menschliche Gesellschaft ist seit ihrer Entstehung und durch diese eine systemische (sich selbst regulierende) Ganzheit, ein dynamisches System sowohl im biologischen wie im zwischenmenschlichen (sozialen!) Sinne, und genau dies durch vorrangig zweierlei Merkmale:
    – Die Fähigkeit und Fertikkeit (=Technik), Unterschiede zu erkennen un als INFORMATION zur Regulierung verwenden zu können
    und
    – Die Fähigkeit und Fertigkeit, diese wahrgenommenen UNTERSCHIEDE als INFORMATION mittels geeigneter (!) Kommunikation (Sprache) an seine Artgenossen vermitteln, also AUSTAUSCHEN zu können samt Speicherung dieser Vorgänge als Technologie der Wiederholbarkeit dieser komplexen Prozesse.
    Wenn nach Luhmann nun D. Baecker, R. Todesco und ggfs. Weitere genau auf derartige Akte der Menschwerdung und -Entwicklung verzichten können, bitte schön, es sei gewährt, allerdings eben auch erkennbar …
    Reife erfordert gelegentlich neben anderem auch etwas Zeit, nicht nur Sprache.

  4. Und nie vergessen, wenn von Luhmann, Baecker und deren Systemverständnis die Rede ist:
    In diesem Verständnis gibt es keine systemischen Effekte , Emergenzen, da Theorien (hier mit System gleichgesetzt) diese nicht erzeugen können.
    Keine Emergenzen (Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile) – keine Systeme.
    Heißt: Da gibt es KEINE Systeme, die reden von Theorien, und da nur von eigenen und da auch nur als von irrationalen beobachter „gemachten“ ….
    Und sie wissen nicht, was System ist.

  5. Lieber Lusru, ich habe Deine Kommentare hier gelesen. Mir ist sehr bewusst, dass Du andere Begriffe verwendest als N. Luhmann oder D. Baecker. Ich fände interessant, wenn Du Deine und deren Begriffe kritisch vergleichen würdest. Ich finde aber nicht sehr interessant, wenn andere Begrifflichkeiten als unbrauchbar taxiert werden, ohne dass der Kontext der Brauchbarkeit bezeichnet wird.
    N. Luhmann und D. Baecker sind Blockbuster mit grossen Auflagen. Das lese ich vor allem als Zeichen für Brauchbarkeit. Ich habe diese Brauchbarkeit im letzten Abschnitt meines Beitrages angedeutet.
    Ohnehin geht es mir vor allem darum, welche Differenzen oder Muster ich selbst verwende. Dass andere die Begriffe System und Theorie ganz anders verwenden, setze ich differentiell voraus.
    Wir beide haben ja bislang in Bezug auf diese Begriffe auch noch nicht viel Übereinstimmung erreicht.

  6. Lieber Rolf, ich achte jede von der meinigen abweichende Ansicht, aus der gelegentlich sogar Meinung entsteht.
    Also auch deine.
    Was uns dabei (beim Achten) behindert, ist mit Verlaub und ohne dir dabei nahe treten zu wollen, dieses:
    Während manche (selber) denken (ich), läßt du (postum) von anderen denken bzw. greifst auf deren Heroen zurück, weil sie – wie du wohl meinst – angebliche blockbuster mit hohen Auflagen seien.
    Bei mir fliegen blockbuster aller Art sofort auf den Müll, da sie nur für den kommerziellen mainstream industriell technologisiert und ebenso verbreitet wurden und daher keine neue wesentlichen Sichten bringen, sondern nur vielfach Zerkautes (um nicht zu sagen „bereits Gegessenes“) heroisieren.

    Wer deinen Weg geht, wäre auf der sicheren Seite, wenn er elegant die sogenannten blockbuster in der Ecke stehen lassen könnte und selber sucht und kreirt.
    Da ich noch immer genau dies bei dir potenziell vermute, unterstelle ich mich ebenfalls noch immer deiner Beobachtung, um dadurch gegebenenfalls dafür existent sein zu können.
    Höflichst
    System Lusru

  7. Nun, da fällt mir noch dieses auf:
    Einerseits stellts du klar, daß du keine Systeme beobachtest, sondern Sprache.
    Andererseits gibst du als ausschließliches Ergebnis deiner persönlichen „Beobachtung“ das hier preis:
    „Die Heizung existiert in einem ganz schlichten materialistischen Sinn – ich kann sie sehen und anfassen, also unter physikalischen Gesichtspunkten vermessen. Das System hat diese Existenzweise nicht.“
    Woher hast du die Erkenntnis, daß das Sytem diese Existenzweise nicht habe?
    Ist es nicht vielmehr so, daß nur ein Phänomen, das in der Lage ist, selbstregulierend mittels seiner (bestand)Teile einen (Mehr)Wert über den der Summe der Teile (selbst) zu erzeugen durch eigene Interaktion dadurch erst zum System wird?
    Wie soll das gehen, wenn du meinst „Das System hat diese (physikalische) Existenzweise nicht.“??
    Sicher kannst du das erklären, eventuell ringst du dich auch zu der Ansicht durch, daß deine Heizung sehr wohl die gesamte breite Funktionalität eines Systems erfüllt – im Gegensatz zu den Theorien, die das nicht zustande bringen?

    • Lieber Lusru, auch hier fühle ich mich nicht verstanden. Natürlich habe ich von meinem System(begriff) gesprochen. Dass andere Verwendungen des Wortes zu ganz anderen Aussagen führen, teile ich sehr. Meine Heizung ist – in meiner Sprache – eine Heizung. Und als System bezeichne ich etwas ganz anderes, was ich nicht anfassen kann.
      Es ist aber nicht nötig (falls das wie im Wikipediawahn möglich wäre), dass wir irgendein Wort gemeinsam vereinbaren. Ich bin sehr froh, wenn jeder erzählt, wie er die Worte verwendet.

      • Lieber Rolf Todesco,
        du wiederholst nun das, was ich zuvor als Mangel im Dialog beschrieb, genau wie du es sagst, empfinde ich es.
        Bleibt die Frage, ob es zu etwas gut sein könnte, und wenn ja, wozu …

        Und Wikipedia ist leider kein Wahn, vergleiche mal bestimmte Begriffsdefinitionen allein nur in den ca. 24 Ausgaben des Meyers Lexikon aus dem letzten Jahrhundert, und du wirst erstaunt sein:
        Während sich bestimmte Definitionen ständig ändern (bis zu gegenteilig möglichen Denkarten), obwohl sich an der Sache nichts änderte, und andere bis zur letzten Ausgabe den wörtlichen Schmarrn wiedergeben, der schon 1886 dort stand, obwohl sich dazu aber auch alles an Erkenntnissen geändert hat (Beispiel: Rasse), und bekannt war, daß zu jedem Begriff nur einige wenige Deutungspäbste daran „arbeiteten“, erlebe ich bei Wikipedia eine weitaus größere Beteiligung an den Inhalten als bei irgendeinem Meyer, damit eine größere Offenheit und höher zu vermutende Deutungsgenauigkeit, bzw. Allgemeingültigkeit.

        Das ist auch der Grund, warum nun Meyer ausgemeyert hat, und andere ebenfalls, jedoch keine Begründung dafür, daß Wikipedia nun unverrückbar und unkorrigierbar vollständig den Variantenreichtum jeweils bereits fertig erfaßt oder dargestellt hat.
        Das Gute dabei:
        Wikipedia kann ich heute besser und schneller hinterfragen, als Meyer, den ich in 13 diversen zeitlich gestaffelten Ausgaben seit 1886 bei mir stehen habe.
        Also wenig mit Wikipedia“wahn“.
        Auch ich „bin sehr froh, wenn jeder erzählt, wie er die Worte verwendet.“, nur fertig werden sollte man dann schon mal, wenigstens zwischenzeitlich, um den Nutzen und damit die Früchte seines „Erzählens“ auch mal ernten zu können, es sei denn, das Erzählen selbst soll bereits die Frucht sein …

      • Nun, sihe da, es geht doch !
        Nur lustiger und ergiebiger ist es, wenn man’s auch weiß …
        wie eben erst nach der
        „Formulierung“
        So haben wir doch damit gewinnende Klarheit erhalten.

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