Hebdo-Karikatur im Tages Anzeiger


hebdo_tagi2Heute morgen um halb acht Uhr (14. Jan 2015, 7.30 Uhr) hat der Chefredaktor des Tages Anzeiger in einem eigenen Artikel begründet, warum der Tages Anzeiger die neusten Diffamierungen des Hebdo nicht veröffentlicht. Um neun Uhr waren die Zeichnungen – ohne Begründung – zu auf der Titelseite des online-Tages Anzeiger zu sehen. Man könnte über die Verhältnisse im sogenannten Qualitätsjournalismus nachdenken …

Ich denke nochmals über Karikaturen nach, indem ich die Re(D)aktion dieser Qualitätszeitung beobachte. Einerseits hat der Chefredakteur Gründe angeführt, die ich beobachten kann, und andrerseits weiss ich bereits, dass diese Gründe praktisch hinfällig sind. Der Chef – der sich zu seinem Irrtum schon vorweg bekannte, indem er vor seinen Kollegen bei der „Charlie Hebdo“ den Hut gezogen hat – irrte sich. Da wie dort, gibt es objektive Kommunikationsnotwendigkeiten, die ich unbedarft als Einschaltquoten bezeichnen würde.

Ich lese beim Chefredaktor des Tages Anzeigers „Die Redaktion [des Charlie Hebdo] hält am Recht fest, Mohammed zu karikieren“. Ich lese aber nicht, woher sie dieses Recht hat. Dann schreibt der Chef: „Tagesanzeiger.ch/ zeigt die Mohammed-Karikaturen im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Nicht aus Angst oder weil er sich als Medium an das Bildnisverbot dieser Religion gebunden fühlt, sondern aus Rücksicht auf diese breit geteilte Empfindlichkeit.“ Ich lese nicht, woher der Chef weiss, wie breit diese sogenannte „Empfindlichkeit“ bei wem vorhanden ist. Ich glaube, dass das  eine Stunde später, als die Bilder trotzem all publiziert wurden, als Gesäusel des Chefs gesehen wurde.

Ich beobachte aber vor allem die Selbstverständigung, die im Text erscheint. Der Chefredakteur unterscheidet Satire und Karikatur offenbar nicht oder allenfalls wie die Wikipedia, die meint, Karikatur sei gezeichnete statt geschriebene Satire. Das, was ich als Karikatur bezeichne, braucht kein Recht, sie braucht allenfalls Verstand. Der Witz der Karikatur liegt nicht  darin, dass sie gezeichnet wird, sondern darin, dass sie selbstbezüglich ist. Die Satire dagegen nimmt andere auf Korn, sie ist Spott oder Spucke, ob sie nun gezeichnet oder geschrieben ist. Satire ist in diesem Sinne eine Gratwanderung, die ein Recht braucht, weil sie immer das Recht eines anderen verletzt, das Recht, nicht verletzt und auch nicht angespuckt zu werden. In der Schweiz gibt es dazu sogar verfasstes Recht gegen sogenannten Rassismus, das insbesondere auch Angehörige von Religionsgemeinschaften schützen soll.

Jedes Recht reflekiert Machtverhältnisse, jedes Recht kennt Richter, die sagen, wie es anzuwenden ist und die Macht haben das so durchzusetzen. Wenn es ein Recht auf Satire gäbe, gäbe es kein Recht. Es gibt aber ein Recht gegen Satire, die in den Augen der Macht zu weit geht.

Und um einem blöden Missverständnis vorzubeugen, es geht hier nicht darum, wie die Begriffe definiert werden. Es geht nicht darum, was Karikatur wirklich oder gemäss Wikipedia bedeutet. Es geht um die entscheidende Differenz, ob ich mich in einer Karikatur erkennen kann oder ob ich angespucktes Opfer einer Satire bin. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Ausdruck Karikatur so oder so verwendet wird. Es spielt aber eine Rolle, ob der Tages Anzeiger und sein Chefredakteur wissen, was sie tun, auch eine Stunde später noch.

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