Lebensführung, Kritische Psychologie, Marxismus …


holzkampund etwas Biographie, weil ich mich gerade mit der „Lebensführung“ von K. Holzkamp befasse.

In meinem ersten Semester an der Uni, als ich noch keine Ahnung hatte, was ich studieren soll, hatte (für mich ganz zufällig) Wolf Haug eine Vorlesung über seinen Marxismus gehalten, die mir sehr eingeleuchtet hat. In der Folge beteiligte ich mich an zwei Arbeitsgruppen, eine zur Kritischen Psychologie, die dann auch deren Begründer Klaus Holzkamp eingeladen hat, und eine zum Projekt Automation und Qualifikation, die unter anderem mit Christof Ohm eine weitere einschlägige Lehrveranstaltung am Institut für Soziologie organisierte.

W. Haug hat dann später einen Vortrag gehalten, in welchem er sinngemäss sagte, dass er dann und wann als Marxist diffamiert werde, dass er aber eigentlich sehr gerne ein Marxist wäre, also jemand, der das Werk von K. Marx so gut verinnerlicht habe, dass er zurecht Marxist genannt würde. Seiner eigenen Einschätzung nach war er damals noch nicht so weit und empfand die Ehre, die ihm zu teil wurde, wenn er als Marxist bezeichnet wurde, deshalb ein wenig als geschmeichelt.

Mir sagte W. Haug noch etwas später, dass ich eben kein Marxist sei, was mich aber nicht sehr berührte. Im Zusammenhang mit unserem eigenen „Projekt Automation“ sagte mir Frigga Haug, Wissenschaftler, die keinen marxistischen Anspruch hätten, würden sie gar nicht interessieren, auch wenn sich diese noch so sehr mit der Automatisierung befassen würden. Einer der antimarxistischsten Filosofen, den ich kannte, H. Lübbe, sagte mir zur gleichen Zeit, dass er bei seinen Gegnern immer am meisten gelernt habe. So oder so.

Ich habe ganz subjektiv durch „Das Kapital“ von K. Marx sehr viel gelernt. Und dieses Buch habe ich zunächst überhaupt nur durch die Vermittlung der beiden Haugs lesen können, auch wenn ich dabei wohl nicht das gelesen habe, was sie darin gelesen haben. Ich wurde kein Marxist und habe mich nie darum gekümmert, wer ein marxistischer Wissenschaftler war und wer nicht. -ismen bringen mir nichts.

An unserer Uni gab es (auch schon) damals verschiedene Wissenschaften, unter anderem getrennt Philosophie, Soziologie und Psychologie. W. Haug hat uns als Philosoph in der Soziologie eine Psychologie vermittelt. Einerseits war das alles Marxismus und andrerseits war es konkrete Psychologie, gemäss einer Floskel von F. Engels „eine Wissenschaft in ihrem eignen inneren Zusammenhang“.

Diesen „Zusammenhang“ beschrieb W. Haug später damit, dass K. Holzkamp am Anfang seiner „Psychologie“ in die Arbeiterviertel gegangen sei und dort die Schüler organisiert habe, während andere in die „Produktion“ gegangen seien, um das Proletatriat zu organisieren. Bei K. Holzkamp passierte das in die Praxis-Gehen als antiautoritäre Erziehung im „Roten Schülerladen“. Daraus rettete er – nach dem Scheitern dieser Praxis – nicht das Antiautoritäre, sondern den Focus auf „Schülerläden“, wozu ich auch die Universitäten zähle. Er befasste sich mit Lehre und Lernen, und setzte so in seiner gesellschaftlich gemeinten Psychologie die Schule anstelle der produktiven Arbeit. K. Holzkamps Partei, die DKP, hat auch die Arbeiter organisiert, aber nie die Arbeit.

In der Kritischen Psychologie war die Produktion anfänglich durch das „Projekt Automation und Qualifikation“ vertreten, wobei auch dort mit dem Ausdruck Qualifikation auf Ausbildung verwiesen wurde, die dan sehr rasch ins Zentrum rückte, während Automation und die subjektive Tätigkeit in der Produktion praktisch kein Thema war. Unsere gleichnamige Arbeitsgruppe hat sich dann diesbezüglich mehr bei H. Braverman orientiert, der den PAQ-Leuten nicht so recht passte, was sie mit einer umfassenden Kritik belegten.

Im Streit über den wirklichen Marxismus zwischen den Haugs und den Holzkamps ist das PAQ aus der Kritischen Psychologie ausgeschieden und dann verschwunden. Für uns war das auch eine Auflösung unserer Bezüge zur Kritischen Psychologie, die beim Lernen blieb und damit Psychologie im engeren Sinne wurde, während sie die Arbeit verdrängte oder eben den Soziologen überliess. Unsere Arbeitsgruppen lösten sich auch auf, weil viele Mitglieder die Uni verlassen hatten.

Bevor ich später wieder an die Uni zurückkam, passierte mir der Radikale Konstruktivismus, den ich als die subjektorientierte Aufhebung der Wissenschaft begreife. Ich habe mich dabei – nach dem Positivismusstreit – auch nochmals mit N. Luhmann, sozusagen mit einem fundamentalen Gegner marxistischer Anschauungen auseinandergesetzt und dabei für mich viel gelernt. Fast tautologischerweise ist Arbeit auch bei N. Luhmann kein Thema
und das Subjekt wird dort vollständig ignoriert, was meinen Blick auf das Subjekt der Arbeit jenseits dessen, was als Gesellschaft bezeichnet wird, sehr schärfte.

Noch später habe ich von den Bemühungen K. Holzkamps gelesen, die
„Lebensführung“ in seiner subjektorientierten Wissenschaft ins Zentrum zu stellen, in welcher das Subjekt auch in dem Sinne ernst genommen werden soll, das es nicht als Objekt der Wissenschaft erscheint. Das deutsche Wort
„führen“ finde ich extrem problematisch, nicht nur weil es den Führer gegeben hat. Führen negiert die Geführten, mich selbst zu führen, würde mich negieren. Bei K. Holzkamp hiess das, seit ich ihn kannte, Disziplin. E. Wulff hat einmal etwas gegen diesen Kampf gegen sich selbst angekämpft.

Jenseits des Begriffes „Führung“ hat K. Holzkamp seine Subjektwissenschaft auf ein Gattungskriterium des Menschen bezogen, das bei K. Marx als „Teilhabe an der Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen“ formuliert ist. Menschen (oder Subjekten) diese Teilhabe vorzuenthalten ist dann gleichbedeutend damit, sie von der Verwirklichung ihres menschlichen Wesens auszuschliessen. Der Ausdruck „Lebensbedingungen“ ist wohl der Grund dafür, dass K. Holzkamp von LEBBENSführung spricht.

Die Kritischen Psychologie hat keine brauchbaren Vorstellungen zur Arbeit der Subjekte, und keine Alternative zur Führung. In der Kritischen Psychologie zeigt sich das Subjekt nicht in der Arbeit, sondern beim Lernen. Die Vorstellung, dass es Kinder und Schüler gibt, finde ich nirgendwo problematisiert. Mit diesen Vorstellungen verbunden bleibt eine bestimmte Notwendigkeit zu führen, denn wer wollte Kinder antiautoritär sich selbst überlassen? In der Produktion ist das Führen durch die betriebliche Arbeitsteilung gegeben. Es geht dabei nicht um Vorgesetzte, die führen, sondern um das Auftrennen von Tätigkeiten in eine Planung, die als solche führt, und eine Ausführung, wobei im Wort ausführen das führen invertiert wird. Diese Aspekte des Führens hat H. Braverman bei K. Marx verortet und später nicht mehr angetroffen und ich habe nach H. Braverman auch nichts mehr dazu lesen können.

Bei K. Marx habe ich – durch A. Leontiew, bei uns durch K. Holzkamp publik gemacht – die Tätigkeit als Aneignung gefunden. Auch A. Leontjew argumentiert als Psychologe und begreift die Aneignung vor allem als Lernen. Die Handlungsfähigkeit wird als Resultat eines Lernprozesses begriffen. Dabei wird – von K. Holzkamp übernommen – die Fähigkeit thematisiert, nicht die Handlung oder die Tätigkeit, die abstrakt als Teilhabe an einer Kontrolle
gesellschaftlicher Verhältnisse bleibt.

Als gesellschaftliche Verhältnisse sehe ich nicht das Resultat von Fähigkeiten, sondern das Resultat von Tätigkeiten. Als Tätigigkeit bezeichne ich in Anlehnung an A. Leontjew das, was als Identität erhalten bleibt, wenn Handlungen ersetzt werden. Schreiben etwa bleibt Schreiben, auch wenn ich keinen Bleistift mehr verwende, also andere Handlungen ausführe. Als Gesellschaft begreife ich eine bestimmte Form die produktive Tätigkeit zu organisieren, worin eingeschlossen ist, dass Subjekte handlungsfähig werden, aber nicht einer Fähigkeit oder eines gattungsgemässen Wesens wegen, sondern dazu, dass sie arbeiten können. Die kapitalistische Gesellschaft – und andere Gesellschaften kenne ich nur als Projektionen – organisiert gemäss K. Marx relevante Teil der Tätigkeit als Lohnarbeit. Und Lohnarbeit ist der Inbegriff einer aufgehobenen Tätigkeit, in welcher die einen Menschen als Lohnnehmer Instrumente der andern sind. Kritisch ist in diesem Sinne die Lohnarbeit und mithin jede Gesellschaft überhaupt.

Unabhängig von ökonomischen Zusammenhängen und den durch sie begründeten Wissenschaften – was Ute Osterkamp bezüglich der Motivationspsychologie, die sie dann trotzdem machte, anschaulich herausgearbeitet hat – begreife ich mich als Subjekt einer Gemeinschaft, die auch darin ihren Ausdruck findet, dass sie sich sprachlich reflektiert. Darin, wie ich spreche, erscheint meine Subjektivität in einer Relation zum Du, mit dem ich mein Leben teile. Weil die Ausdrücke „Praxis“ und „Lebenspraxis“ kompliziert besetzt sind, spreche ich Practise, wenn ich das führerlose gemeinsame Praktizieren meine.

Im Dialog sage ich nicht, was der Fall ist, sondern spreche darüber, was ich wie wahrnehme. Und wenn ich andere nicht führe oder gar verführe, sagen sie, was sie beobachten. K. Marx hat die Lohnarbeit gesehen und für mich sichtbar gemacht. Die Haugs und die Holzkamps haben mir sehr geholfen, meinen Marx zu lesen, ohne dass ich dabei Marxist oder gar richtiger Marxist werden musste. Ich denke darüber nach, in welchem Practise ich gut – und besonders wie darin die gesellschaftliche Arbeit – aufgehoben wäre.

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