Arbeit versus Tätigkeit


arbeitArbeit ist ein vielfältig verwendetes Wort, zunächst steht Arbeit als Strafe durch die Vertreibung aus dem Paradies, dass ich mir auch als Schlaraffenland vorstelle, ohne die Arbeit, die ich tun müsste, um hin zu kommen. Dann ist Arbeit eine Not-Wendigkeit, etwas, was getan werden muss und deshalb einer reformierten Ethik zufolge am besten mit Freude getan wird. Dann ist Arbeit eine Kategorie der politischen Ökonomie, wo gilt, dass Arbeit Wert produziert und deshalb doppelt gesehen werden muss: sie produziert Gebrauchswert und Tauschwert. In einem unsäglichen Euphemismus gibt es sogar ein Recht auf Arbeit, wohl für alle, denen das Paradies nicht gefällt.

Und schliesslich gibt es die Vorstellung, wonach auch Roboter und andere Maschinen arbeiten, obwohl sie nicht aus dem Paradies vertrieben wurden, in der Arbeit keine Notwendigkeit sehen und die Arbeit nicht mit Freude machen und schon gar keinen Tauschwert daraus ziehen können, geschweige denn ein Recht darauf zu fordern.

Worin die je konkrete Arbeit besteht, scheint unerheblich und uninteressant, oft scheint es ohnehin viel besser, wenn andere die Arbeit tun, egal ob Psychologen herausgefunden haben, dass sich DER Mensch bei seiner Arbeit entwickelt.

Ein beachtlicher Teil von dem, was ich unter ethischen und ökonomischen Perspektiven als Arbeit bezeichne(n würde), kann ich als Tätigkeit begreifen. Und durch einen wiederum beachtlichen Teil meiner Tätigkeiten verändere ich auch meine Umwelt, die mir dann als kultiviert begegnet. Als Tätigkeit begreife ich in diesem Sinne die Aneignung, in welcher ich meiner zunächst als Natur verstandenen Welt eine zu mir passende Form gebe.

Wenn ich beispielsweise als Lehrer arbeite, spreche ich metaphorisch davon, dass ich Menschen forme. Die Metapher beziehe ich darauf, dass ein Teil meiner Tätigkeit sich mir in Artefakten zeigt, die ich herstelle, indem ich Material forme. Das Formen sehe ich als Tätigkeit, das Material als nicht markierte Seite des Formens. Den Ausdruck Material verwende ich hier also im Sinne des historischen Materialismus, also nicht im Sinne von Materie.

Wenn ich ein Artefakt herstelle, stelle ich unter ökonomischer Perspektive einen Gebrauchswert und einen potentiellen Tauschwert her. Der Gebrauchswert zeigt sich als Funktion des Artefaktes in einer weiteren Tätigkeit, in welcher sich der Gegenstand funktional bewähren muss. Wenn ich beispielsweise einen Schreibwerkzeug herstelle, soll es beim Schreiben dienen und muss sich dabei bewähren. Wenn ich einen Text herstelle, muss er die grammatikalischen Konventionen erfüllen, damit er gelesen werden kann, also brauchbar ist oder eben einen Gebrauchswert hat. Artefakt haben aber nicht nur einen Gebrauchswert, sie sind als Gegenstände geformtes Material. Ich muss also auch wissen, wie ich welches Material so formen kann, des der Gegenstand seinen Gebrauchswert bekommt.

Wenn ich einen Hammer mit einem Stil aus Holz und einem Kopf aus Metall herstellen will, muss ich nicht nur wissen, wie ein solcher Hammer aussieht, ich muss auch Holz und Metall haben und es passend formen können. Wenn ich einen Text schreibe, muss ich – egal wozu der Text dienen soll – schreiben können. Dazu muss ich nicht nur die Grammatik kennen, die mir sagt, welche Schriftzeichen wie aussehen und wie angeordnet werden können, ich muss die Schriftzeichen auch herstellen können.

Die Tätigkeit besteht aber nicht im Können, nicht in Fähigkeiten und nicht darin Material und Musse zu haben, sondern darin, dass ich etwas tue – und vor allem darin, dass ich es bewusst reflektiere. Eine Biene mag mich durch den Bau ihrer Wachszellen als Baumeister beschämen. Was mich aber von vornherein vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass ich mein Herstellen reflektiere. Ich meine damit nicht nur wie etwa K. Marx, dass ich am Ende des Arbeitsprozesses ein Resultat habe, das ich beim Beginn desselben schon in der Vorstellung hatte. Ich weiss ja auch nicht, was eine Biene im Kopf hat. Ich meine damit, dass ich meine Tätigkeit vermittelnd aufhebe, indem ich beispielsweise – als toolmaking animal – fortlaufend Werkzeuge als Mittel zwischen mich und meinen Arbeitsgegenstand einführe.

Um beim Schreiben zu bleiben, anfänglich würde ich – wenn nicht jede Tätigkeit auch quasisozial vermittelt wäre – mit dem Finger in den Sand oder mit einem Meissel in den Stein schreiben. Dann würde ich merken, dass Bleistift und Papier dem Zweck besser dienen, und schliesslich würde ich einen Computer verwenden. Die Tätigkeit würde ich immer als Schreiben identisch behalten, während meine Handlungen sehr verschieden wären. Dasselbe, aber nicht das gleiche.

Das Problem jeder Arbeitsteilung besteht darin, ob Tätigkeiten geteilt oder zertrümmert werden. Als Kriterium würde ich nicht wie K. Marx nur “die Teilhabe an der Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen”, sondern vor allem die „Kontrolle“ über den Umfang der eigenen Tätigkeit sehen. Menschen eine sinnvolle Tätigkeit vorzuenthalten scheint mir gleichbedeutend damit, sie von der Verwirklichung ihres menschlichen Wesens auszuschliessen. Arbeit empfinde ich deshalb so negativ konnotiert, weil das Wort für mich sehr oft Tätigkeit negiert, oder auf eine zertrümmerte Teile von Tätigkeiten verweist.

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