Mein Unbehagen in der Lehr-Kultur


lernen3Ich habe als Schüler, als Student, als Lehrer und als Dozent sehr lange verschiedene Schulen besucht. In all diesen Jahren plagte mich ein stehtes Unbehagen, das ich durch S. Freud auf Verdrängungen zurückzuführen lernte, ohne dabei zu begreifen, was ich verdrängte. Ich vermutete, dass es etwas mit der Lehre zu tun haben müsse, und die Schule erschien mir nur als Ort, wo die Lehre weitergegeben wird, nicht als der Ort, wo diese Lehre geschaffen wird. Ich habe sehr lange nicht verstanden, worin diese Lehre besteht. Ich glaubte naiverweise auch noch als Dozent an der Hochschule, dass irgendwelche Inhalte die Lehre seien und dass Lehrer als Pädagogen die Lehre nur zugänglich machten.

Als ich dann in einem Buch von H. Maturana gelesen habe, dass alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird, habe ich in einer Art Erleuchtung lernen21erkannt, was ich all die Jahre schon wusste, aber verdrängt habe. Es war bei weitem nicht, die von S. Freud beschworene Sexualität, die ich verdrängte, es war meine eigene Sprache, in welcher ich als ich vorkomme. Ich verdrängte meinen Wunsch über mich und über meine Erkenntnisse zu sprechen. Im Nachhinein kann ich mich an viele Situationen erinnern, wo ich das in der Schule ansatzweise versucht habe, aber die Institution Schule habe ich gerade darin erlebt, meine Erkenntnisse als nicht zur Lehre gehörend zurückzuweisen. Ich lernte früh, meine Sätze nie mit “ich” zu beginnen und das ich möglichst ganz zu vermeiden. Ich lernte , dass in wissenschaftlichen Dokumenten das ich gar nicht vorkommen kann. In der Wikipedia – die jenseits aller Wissenschaft als Konversation geschrieben wird – wird heute noch jede “ich-Formulierung”, die ich eintrage, augenblicklich gelöscht.

Durch das Buch von H. Maturana erkannte ich mich als Subjekt. Als Subjekt bestimme ich, was ich sage, aber meine je gewählte “Sprache” bestimmt, was ich sagen kann. Ich fing an, über meine Sprache nachzudenken und erkannte sofort das Tabu, das in der durchgesetzten Vorstellung besteht, dass ich keine eigene Sprache haben könne, dass die Sprache vor dem Menschen sei und dass jeder Mensch, also auch ich, die Sprache der Gesellschaft sprechen müsse.

Ich merkte, dass ich meine Muttersprache benutzte und keine Ahnung habe, wie ich dazu gekommen bin – ausser eben, dass meine Mutter mit mir gesprochen hat, schon bevor ich antworten konnte. Als ich zum ersten Mal in die Schule ging, konnte ich – so erinnere ich mich jedenfalls – ziemlich gut sprechen. Ich realisierte, dass ich in der Schule eine “Sprache” lernte, in welcher ich mein “ich” verdrängte. Die Schule ist der Ort, wo ich mein “ich” wegtrainiert bekommen habe. Als Schüler musste ich die ich-Losigkeit annehmen, die ich als Dozent weitergegeben habe.

In der Schule wurde ich nicht nur in der “Sprache” unterrichtet, die Lehrer beschrieben mir auch die Welt. Dazu sagten sie Sätze, die mit den Sätzen, die ich im Schreibunterricht schreiben musste, übereinstimmten. Ich schrieb also, obwohl es darum ging, schreiben zu lernen, Sätze darüber, wie die Welt ist und lernte wie sie sprachlich dargestellt wird. Diese Welt erschien mir als gegeben, und was darüber zu sagen ist, wurde mir vorgesagt. Schliesslich habe ich wieder beim libidofeindlichen S. Freud entdeckt, was ich in der Schule – wohl zum Wohle der Kultur – hätte lernen sollen. In einer perversen Inversion des Inhaltes meines Unbehagens hat S. Freud – auch – mein Unbehagen mit drei Kränkungen des gesunden Menschenverstandes erklärt. Als “gesunder Menschenverstand” bezeichnete er dabei, was durch die Lehre überwunden werden soll – was bei mir, wenn auch nicht so nachhaltig wie wohl gewünscht – erreicht wurde. Ich lernte – obwohl ich das heute nur bedingt als lernen bezeichnen würde – dass N. Kopernikus die Erde, auf der er lebte, aus planetdem Zentrum der Welt gezogen hat. Dass C. Darwin die Gestalt, in der er lebte, aus dem Zentrum der Schöpfung zog. Und dass S. Freud das Bewusstsein, in dem er lebte, aus dem Zentrum seines Handelns zog. Wirklich gelernt habe ich erst später, dass die drei Wissenschaftler über je sich selbst gesprochen haben. Der Mensch dieser Wissenschaften ist ein zufälliges Produkt einer zufälligen Evolution an einem zufälligen Ort auf einem Planeten der Sonne der Milchstrasse des Universums, wo er sich un- und unterbewusst, also ganz zufällig verhält. Als Nichts im Nirgendwo, das nur getrieben ist, hätte ich auch keinen Grund, ich zu sagen.

Mein Unbehagen hat damit eine neue Bezeichnung bekommen: Lehrer. Ich erkannte, dass meine Vorstellung, wonach Lehrer etwas für Schüler tun, nicht ohne weiteres dazu passt, dass sie den Schülern das ich abtrainieren. Als Schüler musste ich in die Schule, was schlimm genug war. Als Lehrer musste ich die Schüler nehmen, die mir zugewiesen wurden. Meister wählen ihre Lehrlinge aus und zwar unter solchen, die Lehrlinge werden wollen.

Als Lehrer wurde ich bezahlt und ich hatte einen – mir nicht bewussten – Auftrag, den ich nie von Schülern bekommen hatte. Ich habe aber von den Schülern natürlich auch Aufträge bekommen. Die Schüler verlangten von mir, dass ich sie gut durch ihre Prüfungen schleuse.

Wenn ich als Lehrer etwas für die Schüler mache, habe ich nicht verstanden, was was mein Auftrage ist. Lehrer arbeiten für die Gesellschaft, nicht für einzelne Mitglieder der Gesellschaft. Lehrer erziehen die Schüler, dass sie zu dieser Gesellschaft passen. Die unbehagliche Rationalisierung besteht darin, dass Schüler, denen die Anpassung gelingt, ein einfacheres Leben haben – was ich nicht bestreiten kann.

Advertisements

2 Antworten zu “Mein Unbehagen in der Lehr-Kultur

  1. Pingback: Hauswirtschaft als Schulfach | Dialog

  2. Pingback: Wozu Physik lernen? | Dialog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s