Buch, Text und Hypertext


M. McLuhan hat mit seinem 1962 erschienenen Buch The Gutenberg Galaxy auf einem eigenartigen Commonsense aufgebaut, in welchem das massenhafte Buch eine unerhörte, galaktische Rolle spielt, die M. McLuhan und sein Gefolge im Erscheinen des Computers aufgehoben sehen.

Als „Buch“ – wie massenhaft auch immer – bezeichne ich eine bestimmte historische Form eines Textträgers aus gebundenem Papier, die quasi das sogenannte Mittelalter begründet, das auf Bücher bezogen zunächst als
Reformation und später als Renaissance ideologisiert wurde. Im 18. Jahrhundert gab es noch sehr wenig Menschen, die Bücher lesen konnten, und im 19. Jahrhundert gab es immer noch keine Massen, die Bücher gelesen haben. Text
und Schrift dagegen gibt es tautologischerweise seit es Menschen gibt, und Bücher, die zunächst Pergamentrollen waren, gibt es, soweit die nicht ganz verklärte Menschengeschichte zurückreicht.

Das Massenbuch, das Gutenberg zugedichtet wird, verbreitet Text, wie die Kinotechnik Bilder und das Radio Lautfolgen verbreitet. Das einzelne Buch hat eine massive Begrenzung, es kann nur begrenzten Textmengen enthalten.
Damit verbunden hat das Buch ein massenhaftes Normalempfinden dafür begründet, dass und wie Text begrenzt sein sollte.

Der Computer hat als Textträger das Buch in einem evolutionstheoretischen Sinn abgelöst. Das heisst, es gibt neben dem Computer weiterhin Bücher, wie es neben den Menschen auch weiterhin Affen gibt. In plausiblen biologischen Evolutionsgeschichten – wie sie etwa K. Holzkamp erzählt – waren die ersten Menschen unter den Primaten eine Randerscheinung, die wie etwa die Neandertaler auch dann und wann wieder ganz verschwunden sind. Als dominante Form des Textträgers setz(t)en sich Computer gegenüber bedruckten Textträgern im evolutionären Prozess allmählich durch, auch weil sie die spezifische Begrenzung von Büchern nicht haben. Zunächst gab es auch auf den Computern vor allem hergebrachte Texte und mithin im hergebrachten Empfinden auch „Bücher“, wobei die eigentliche Buchproduktion noch lange Zeit dominant war, so dass das „Buch“ jetzt nurmehr als Textmengenart weiterhin bestehen blieb. Man spricht deshalb auch von e-books.

Computer sprengen Text, sie machen Hypertext möglich. Durch das WWW wurde – wenn dort auch nicht in einem dominanten Sinn – Hypertext massenhaft. Hypertext erzeugt ein neues Verständnis von Textmengen und Textgrenzen, das WWW erscheint unendlich. Hypertext invertiert aber auch die Textproduktion. Wenn ich im Hypertext lese, stelle ich den Text, den ich – übrigens entgegen einer oft gehörten Meinung linear – lese, selbst her. Wenn ich Hypertext schreibe, produziere ich Textbausteine, also eine Art Hyper-Vokabular, mittels dessen ich als Hyperleser meine Texte quasi schreibe, indem ich sie zusammenstelle, wie ich beim konventionellen Schreiben Wörter zusammenstelle.

Ich schreibe auch mit dem Computer und auf dem Computer zur allmählichen Verfertigung meiner Gedanken, die ich innerhalb eines gemeinten Themas ordne. So passen meine Texte zu meiner Vorstellung von mehr oder weniger
langen Büchern, gerade weil ich in eigentlichen Büchern diesen spezifischen Sinn erkenne. Der im WWW eingebundene Computer erlaubt mir, mein Schreiben anderen zugänglich zu machen, bevor meine Gedanken verfestigt sind. So kann ich während des Schreibensuniversitas1 auf Einwände oder Anregungen reagieren.

Der Computer macht es mir möglich aus meinen Texten nachträglich Hypertext-Bausteine zu machen. Im WWW wird eine Kollaboration möglich, bei welcher andere meine Texte nicht nur kommentieren, sondern sie um Hypertextteile erweitern oder sie sogar überschreiben. Ich bezeichne das als Renaissance der ursprünglichen Bibliothek, die so wenig ein Büchergestell war, wie die Disothek ein Schallplattenständer ist. Die Bibliothek, von der ich spreche, ist der Ort, wo Texte und deren Organisation diskursiv und kollaborativ entwickelt werden. Diese Bibliothek ist der Ort des schriftlichen Dialoges.

PS: alles etwas ausführlicher in Schrift-Sprache – das wird ein Buch

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4 Antworten zu “Buch, Text und Hypertext

  1. „Der Computer hat als Textträger das Buch in einem evolutionstheoretischen Sinn abgelöst.“ –
    Nur wie kommt das Neue (hier Computer, Text, Hypertext) in die Welt?
    oder:
    Systemisch das Ganze denken, zwischen den Disziplinen – da war doch mal eine Frage nach Bateson?
    Kybernetische Systembetrachtungen
    oder
    Komplementäre Elemente: Alt und Neu – das eine bringt das andere hervor ohne SICH zu verdrängen?

    Schau mal hier und viel Spaß:

    Teil 1
    http://www.deutschlandfunk.de/wie-kommt-das-neue-in-die-welt-1-2-gewoehnung-und.1184.de.html?dram:article_id=317148

    Teil 2
    http://www.deutschlandfunk.de/wie-kommt-das-neue-in-die-welt-2-2-zufaelle-und-katastrophen.1184.de.html?dram:article_id=317218

  2. danke für Links, die auch Neues in die Welt bringen, während ich mich mit schon Vorhandenem befasse. Mich interessiert zur Zeit gerade die Differenz, nicht das Neue. Die Differenz ist Text auf Papier oder im Computer, beides ist alt, das eine gewinnt und das andere verliert an Bedeutung.

  3. Leider falsch und nicht belegbar, weder logisch noch praktisch:
    „das eine gewinnt und das andere verliert an Bedeutung“
    In einer Differenz, einem Unterschied, einer Andersartigkeit, verändert sich mit der Verminderung des einen auch dessen vorherfige Referenz, oder:
    Es können nur beide an Bedeutung verlieren oder gewinnen, da sie Bedeutung nur sich selbst gegenseitig bezeugen können, ohne ind die Pseudodeutung der Selbstreferenz zu zerfallen.

    • ok. Ich verwende wohl den Ausdruck „Bedeutung“ etwas anders. Ich meine die gegenständliche Bedeutung der Artefakte, und konstatiere, dass ich immer weniger auf Papier schreibe und dafür immer mehr mit dem Computer. In diesem Sinne verliert Papier als Textträger – FÜR MICH – an Bedeutung.

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