Technikgeschichte (zu diasynchron, Teil 2)


In meiner Technikgeschichte unterscheide ich verschiedene Aspekte, die ich im Sinne einer Robinsonade als Tätigkeiten zur Erhaltung meines Lebens unterscheide:
– Anbau (und Abbau: Feuer)
– Bau
– Geräte
– Werkzeuge
– Widerspiegelung

In dieser Geschichte erscheinen die Tätigkeitsbereiche zunächst nacheinander und zwar in einer Reihenfolge, in welcher ich zunehmend mehr „Technik“ erkenne. In jedem Bereich erkenne ich Entwicklungen, die gegenseitig von einander abhängig sind, aber die Bereiche nicht aufheben.

Ich beginne deshalb mit dem Anbau. Indem ich Pflanzen anbaue statt wilde Früchte zu sammeln, erhöhe ich die Effizienz beim Erarbeiten meiner Nahrung. Am Anfang gibt es noch keinen Acker, geschweige denn Spaten oder Pflug. Ich erkenne auch noch keine Zucht, obwohl ich gewählte Samen sähe, geschweige denn Kunstdünger oder Genmanipulation. Das Verfahren lässt sich nur ganz marginal technisieren. Ich verwende etwa einen Grabstock, den ich schon davor beim Sammeln von wilden Früchten verwendet habe.

Die nächste Stufe bezeichne ich als Bauen. Ich denke dabei zuerst an ein Dach, das zur Hütte wird und an den Ackerbau, womit ich nicht das Anbauen bezeichne, sondern das Herstellen des Ackers, wozu beispielsweise das Eingrenzen durch Steine gehört, aber auch das Entsteinen und das Kanalisieren von Wasserläufen. Auf dieser Stufe stelle ich die einfachsten Artefakte her. Das Ur-Haus, etwa die Jurte oder das Tippi aus Stöcken und Fellen stelle ich mir immobil vor für die Zeit, in der ich es jeweils benutze. Ich kann nicht den Bau, sondern nur dessen Teile zügeln.

Dann stelle ich Geräte her. Natürlich ist der Grabstock, den ich beim Anbauen verwende, und der Stock, der mein Dach trägt, wie ein Faustkeil auch eine Art Gerät, aber darin erkenne ich noch praktisch keine Herstellung. Ein sehr einfaches Gerät erkenne ich in einem Gefäss, in welchem ich beispielsweise Wasser vom Bach in mein Haus oder in meinen Garten transportieren kann. Dazu fällt mir die Geschichte vom Einsiedler ein, der das Wasser mit blossen Händen in sein Haus trägt, weil er weiss, dass jedes noch so einfache Gerät nach weiteren Geräten ruft. Geräte unterscheide ich von Bauten durch ihre intendierte Mobilität. Tisch und Stuhl behalte ich zwar in meinem Haus, aber ich könnte sie hin oder hertragen, weshalb sie nicht zum Haus gehören.

Schliesslich stelle ich Werkzeug her, womit ich zum toolmaking animal werde, worin sich mein Menschsein entfaltet zeigt. Das Werkzeug verwende ich beim Herstellen von Bauten und Geräten. Ich kann Werkzeuge wie Geräte auch beim Anbauen verwenden, aber ihren Sinn haben sie in einer Mittelverschiebung. Werkzeuge stelle ich her, um damit etwas herzustellen. Ich kann mit Werkzeugen als Mittel einen Stuhl herstellen und der Stuhl befriedigt als Gerät das Bedürfnis bequem zu sitzen.

Als Widerspiegelung bezeichne ich die symbolische Reproduktion der Artefakte in Zeichnungen und Beschreibungen, die ihrerseits Artefakte sind, mit Werkzeugen hergestellt werden und einer technischen Entwicklung unterliegen. Die Widerspiegelung ist eine Verdoppelung der zuvor genannten Bereiche.

Material und Form

Die technische Entwicklung passiert im Wesentlichen bei den Werkzeugen (deshalb spreche ich von toolmaking), aber alle anderen von mir unterschiedenen Bereiche sind davon sehr stark betroffen. Alles, was ich als Artefakt bezeichne ist geformtes Material, wobei ich mit Material genau das bezeichne, was ich in der Herstellung forme, und mit Form, das was ich in der Widerspiegelung zeichne, wenn ich ein Artefakt zeichne. (Genau diese Vorstellung bezeichne ich als Materialismus).

In jedem der Bereiche ist das Material tautologischerweise wichtig und unterliegt einer technischen Entwicklung, die in der Materialkunde reflektiert wird, die in der Naturwissenschaft als chemische  Physik und bei den Ingenieuren unter anderem etwa als Metallurgie erscheint. Nicht ganz zufällig ist eine etymologische Deutung des Wortes Chemie durch das griechische chemeia das Metallgiessen und das Umwandeln von Materialien.

Die Entwicklung der Formen unterliegt zunächst einer unmittelbaren Funktionalität. Dach und Schale haben eine quasi natürliche Form. Hanmer und Sichel sind bereits in dem Sinne konstruiert, als sie so zusammengesetzt sind, dass auch ihre Teile eigenen Formentwicklungen unterliegen. Das Rad und die Schraube sind zwei wichtige Teile, die ihren Sinn nur als Teile von etwas zusammengesetztem haben.

Energie und Information

Werkzeuge muss ich bewegen und steuern. Für die Bewegung brauche ich einen Motor, der Energie umwandelt. Den einfachsten Motor erkenne ich im Wasserrad – welches das Rad enthält. Noch vor dem Motor dienen Mensch und Tier als expliziter Motorersatz, etwa Sklaven oder Tiere, die den Göpel oder den fliehkraftregler1Pflug ziehen. Ein energetisch entwickeltes Werkzeug bezeichne ich als Maschine.

Die sogenannte Dampfmaschine ist keine Maschine, sondern ein Motor. Motoren lassen sich nicht nur für Werkzeuge sondern auch für Geräte verwenden. Und Motoren revolutionieren auch den Anbau und den Bau.

Die Dampfmaschine von Watt gilt gemeinhin als Energieträger, ihr Erfolg beruht aber unter anderem auch darauf, dass sie eine Regelung hat. Geregelte Maschinen bezeichne ich als Automaten. Die Regelung, die Watt verwendet, ist technisch primitiv, weshalb ich von Halbautomaten spreche. Die entwickeltste Regelung erscheint in Prozessoren, die für Computer verwendet werden. Entwickelte Regelungen haben einen eigenen Energiekreis. Die Energie, die der Regelung dient, bezeichne ich als Information.

Auf der entwickelsten Stufe des Werkzeuges wird die Widerspiegelung zum Programm. Im Programm beschreibe ich, was die Maschine oder genauer, was die Steuerung „macht“, und die Steuerung macht dann, was sie macht, weil ich sie beschrieben habe.

Die Programmierung beobachte ich als die letzte Stufe der Technik. Beim Programmieren mache ich nur noch Beschreibungen, aber die bekommen ihren Sinn natürlich nur durch die Technik insgesamt. Vorläufig bauen Menschen Getreide an, damit andere Gebäude bauen, in welchen andere Geräte und Werkzeuge herstellen, die ich dann noch programmieren kann.

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3 Antworten zu “Technikgeschichte (zu diasynchron, Teil 2)

  1. mich irritiert immer noch dieses „Ich“, z.b. “ Indem ich Pflanzen anbaue statt wilde Früchte zu sammeln,…“ Ich stelle Sie mir dabei vor als einzelnes Individuum.
    Aber ist das nicht eine Robinsonade? Nie in der Geschichte der Menschheit haben einzelne Individuen etwas „angebaut“. Arbeit ist doch nur als Zusammen-Arbeit denkbar. Das unterscheidet doch den Menschen von anderen Wesen, oder?

    • Die Robinsonade ist für mich eine Erzählform, nicht eine Wirklichkeit. Als Robinson gehe ich – wie etwa Thoreau in Walden – auf eine Insel um mir bewusst zu machen, was ich brauche und wie ich dazu kommen kann.
      Das „ich“ oder die ich-Form pflege ich aus dialogischen Gründen. Ich halte mir so bewusst, dass ich spreche und dass ich nicht für andere sprechen kann. Ich versuche auf diese Weise (was mir oft nicht gelingt) Tatsachen zu zugunsten von Beobachtungen vermeiden.
      Mir ist dabei bewusst, dass jeder Leser ohnehin sehen kann/könnte, dass ich nur meine Ansichten vortrage, aber mir selbst hilft es, wenn ich meine Ansichten als solche und nicht als objektives Wissen erzähle.

      Nehmen wir beispielsweise Ihren Satz:
      „Nie in der Geschichte der Menschheit haben einzelne Individuen etwas ‚angebaut‘.”
      Thoreau berichtet sehr ausführlich darüber, wie er es getan hat. Und Defoe hat seinen Robinson eigens dazu auf eine unbewohnte Insel verbannt.
      Die konventionelle Sozialgeschichtsschreibung sagt mir mit keinem Wort, wo und wie je ein erstes Mal angebaut wurde. Ich habe auch keinerlei halbwegs konkrete Vorstellungen dazu.

      PS: Mich interessiert sehr, wie Sie sich jenseits dieses Problems mit der vorgelegten Einteilung zur Technik anfreunden können?

      PSPS: ich habe je Holzkamp bereits im Text erwähnt. Ich orientiere mich stark an seiner „Subjekttheorie“ und finde sehr erstaunlich, dass sogar er auf die ich-Form verzichtet.

  2. Pingback: Technikgeschichte (zu diasynchron, Teil 3) | Dialog

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