Hyper-Buch


Als Hyperbuch bezeichne ich – in einer bewusst gewählten Metapher – einen Hypertext, wenn ich einen begrenzten Text zu einem begrenzten Thema hyperbuchschreiben will. Ich bezeichne ihnden Text auch als – noch nicht entwickeltes – Hyperbuch, weil ich ihn auf einem Computer schreibe und Links in den Text einfüge. Das eigentliche Hyperbuch entwickelt sich – im Rahmen einer Hyperbibliothek – durch verlinkte Textauslagerungen, wodurch es prägnant wird, also wenig Redundanz enthält, weil die Vereinbarungen, etwa in Form von Definitionen im Hyperlexikon ausgelagert sind.

Als Hyperleser kann ich abschätzen, welche Auslagerungen ich verfolgen muss und welche nicht, zumal wenn ich den Charakter der Auslagerungen auch kenne. Begriffsdefinitionen lese ich genau und nur dann, wenn ich merke, dass meine Begriffe nicht passen oder der Text damit keinen Sinn ergibt.

Als Hyperbuch bezeichne ich eine – beispielsweise durch einen “vorwärts”-Link markierte Reihe von Hypertextteilen, die ich wie Buch lesen kann, weil sie in der vorgeschlagenen Reihenfolge eine buchartige Argumentation ergeben. Die primitivste Form des Hyperbuches erstelle ich, indem ich einen vorhandenen Buchtext zerschneide und die Teile in ihrer ursprünglichen Reihenfolge verlinke. Nach diesem Muster werden sehr viele Hypermedia-Werke gestaltet, die einfach hyper-modern sein wollen.

Hyper-Bücher sind also keine Bücher; sie sind nicht aus gebundenem oder broschierten Papier, sondern Hypertext(-teil)e, die wie Bücher gelesen werden können, weil sie Argumentationen enthalten. Hyper-Bücher bestehen aus anderen Hyper-Bücher oder sie sind elementar, also eigenständige Argumente in der Hyper-Bibliothek. Jede Argumentation kann in verschiedenen Hyper-Büchern verwendet werden, einige Hyper-Bücher sind Teilmengen von andern.

Ich unterscheide verschiedene Hyperbuchformen. Hier will ich aber das Wesen des Hyperbuches, das dem spezifischen Textträger entspringt, hervorheben. Der Computer hat als Textträger das Buch in einem evolutionstheoretischen Sinn abgelöst. Das heisst, es gibt neben dem Computer weiterhin Bücher, wie es neben den Menschen auch weiterhin Affen gibt. In plausiblen biologischen Evolutionsgeschichten – wie sie etwa K. Holzkamp erzählt – waren die ersten Menschen unter den Primaten eine Randerscheinung, die wie etwa die Neandertaler auch dann und wann wieder ganz verschwunden sind. Evolutionär erfolgreiche Entwicklung erkläre ich mir damit, dass ihre Vorteile ihre Nachteile im je gegebenen Kontext überwiegen.

Ich vergleiche dabei nicht verschiedene noch existierende Arten, sondern spezifische Aspekte, die bei der entwickelteren Art hinzugekommen sind. Menschen gestalten ihre Umwelt, wozu sie Werkzeuge herstellen. Affen können auch ohne Werkzeuge gut leben.

Menschen stellen Text und damit verbunden Textträger her. Sie verwenden dabei Werkzeuge, die sie in einem evolutionären Sinn entwickeln. Als entwickelste Form des Textträgers setz(t)en sich Computer gegenüber bedruckten Textträgern im evolutionären Prozess allmählich durch, was ich mir dadurch erkläre, dass sie die spezifische Begrenzung von Büchern nicht haben. Die Bücher sind aber bislang nicht ausgestorben. Vielmehr gab es zunächst auch auf den Computern vor allem hergebrachte Texte und mithin im hergebrachten Empfinden auch “Bücher”, wobei die eigentliche Buchproduktion noch lange Zeit so dominant war, so dass das “Buch” – als Textmengenart -weiterhin bestehen blieb. Ich lese auf meinem Computer deshalb auch sogenannte e-books.

Computer sprengen Text, sie machen Hypertext möglich. Durch das WWW wurde – wenn dort auch nicht in einem dominanten Sinn – Hypertext massenhaft. Hypertext sehe ich als Grundlage für ein neues Verständnis von Textmengen und Textgrenzen. Während die sagenhaften Bibliothekare von Alexandria noch von allen Büchern, die es in der damaligen Welt gab, eine Kopie haben wollten, haben die meisten wirklich existierenden Bibliotheken den Anspruch von möglichst vielen relevanten Büchern ein Exemplar im Gestell zu haben.

Durch die Kategorien, die ich anhand von Hypertext auf dem Computer generiere, sehe ich das Buch und die Bibliothek als technisch primitivere Formen einer Evolution, so wie ich im Affen in gewisser Hinsicht eine Vorstufe des Menschen sehe, was ich nur kann, weil ich ihn mit dem Menschen vergleichen kann.

Das Buch und noch viel mehr das Massenbuch, das Gutenberg zugedichtet wird, verbreitet Text, wie die Kinotechnik Bilder und das Radio Lautfolgen verbreitet. Das einzelne Buch hat eine massive Begrenzung, es kann nur begrenzte Textmengen enthalten. Damit verbunden hat das Buch ein massenhaftes Normalempfinden dafür begründet, dass und wie Text begrenzt sein sollte.

Wenn ich Hypertext schreibe, produziere ich Textbausteine, also eine Art Hyper-Vokabular, mittels dessen ich als Hyperleser meine Texte quasi lesend schreibe, indem ich sie zusammenstelle, wie ich beim konventionellen Schreiben Wörter zusammenstelle. Ich schreibe aber auch mit dem Computer und auf dem Computer zur allmählichen Verfertigung meiner Gedanken, die ich innerhalb eines gemeinten Themas ordne. So passen meine Texte zu meiner Vorstellung von mehr oder weniger langen Büchern, gerade weil ich in eigentlichen Büchern diesen spezifischen Sinn erkenne.

PS: Ich schreibe zur Zeit an einem Hyperbuch (in welchem dieser Text auch enthalten ist):  Schrift-Sprache – das wird ein Buch

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