Technikgeschichte (zu diasynchron, Teil 3)


Technikgeschichte ist in einer spezifischen Weise simpel, wenn ich sie als Geschichte in einer Zeittafel erzähle. Ich kann dann jedem Gegenstand, den ich als technisch erachte, eine Zeit zuordnen und schon steht die Geschichte. Wenn ich im Nachhinein weitere Gegenstände finde, kann ich sie problemlos einfügen. Die Zeitleiste bestimmt wo ich sie einordne.

Wenn ich den Gegenständen den Zeitpunkt ihres ersten Auftretens zuordne, schreibe ich – was sehr konventionell ist – eine Erfindungengeschichte. Das einzige Problem besteht zunächst in der Wahl der Gegenstände. Wenn ich die Geschichte überdies relativ endlich halten will, muss ich eine Auswahl treffen, weil ich dann nicht jeden Gegenstand aufzählen kann. Ich brauche dazu ein Kriterium, das muss mir aber nicht bewusst sein. Und ich kann auch in diesem Fall jederzeit weitere Items am genau richtigen Ort einfügen.

Der Witz solcher Geschichten oder Zeittafeln besteht darin, keine Entwicklungen zu beschreiben. Jeder Gegenstand steht für sich, es spielt für die Geschichte keine Rolle, welche Voraussetzungen seine Erfindung hatte und inwiefern er mit anderen Gegenständen verwandt ist. Einige Geschichtenerzähler tun sich schwer damit, dass bestimmte Gegenstände im Laufe der Zeit wieder verschwinden und später nochmals erfunden werden. In den konventionellen Technikgeschichten erscheint etwa die Erfindung der Dampfmaschine oder die des Schiesspulvers zuerst als prinzipiell und erst später als eigentlich. Wenn ich sage, dass Heron von Alexandria die Dampfmaschine im Prinzip erfunden hat, sage itempel_1ch eigentlich, dass ich seine Erfindung nicht oder eben nur im Prinzip in Betracht ziehe, weil sie – im Prinzip – keine relevanten Beitrag zur aktuellen Technik darstellt. Welche Beiträge ich für relevant halte, ist von einem Kriterium abhängig, das mir aber auch keineswegs bewusst sein muss. In vielen gängigen Geschichten wird J. Watt als Erfinder der Dampfmaschine genannt, weil seine Dampfmaschine als relevant beobachtet wird. In diesen Geschichten wird nicht nur Heron „vergessen“.

In Bezug auf die Zeittafel  muss ich mich natürlich entscheiden, welche Erfindung ich als „Dampfmaschine“ bezeichne und welche eben noch nicht, aber nachdem ich den Gegenstand bestimmt habe, steht fest, wo er in der Geschichte erscheint. Die Dampfmaschine von J. Watt erscheint 1769. Kritisch ist nur, was im erwähnten Fall als Dampfmaschine gelten soll. Das ist aber eine technische, nicht eine historische Frage. Interessanterweise wurde die erste eigentliche Technikgeschichte der Dampfmaschine gewidmet. Sie wurde vom Ingenieur C. Matschoss, also von einem Techniker, nicht von einem Historiker geschrieben.

Die „Geschichte“ wird etwas komplizierter, wenn ich die Zeitleiste weglasse. Einerseits mache ich mir damit einfach das Naturwüchsige der Zeittafel bewusst, habe dann andrerseits aber das Problem, wie ich die Ereignisse (anders) auswählen und sortieren soll. Indem ich die Zeitleiste weglasse, wird nicht nur das Sortieren der Ereignisse zu einer neuen Aufgabe, sondern vor allem auch, welche Ereignisse ich wie sortiere. Ich setze Ereignisse, die ich als technisch erachte, in eine Beziehung, was zuvor durch die naturwüchsige Zeitreihe
aufgehoben war.

Ich beobachte die Technik als Resultat einer Entwicklung, in welcher sich mein Verhalten dadurch verändert, dass ich effizientere Verfahren entwickle und verwende. Die alten Griechen haben viele effiziente Verfahren entwickelt, sie aber nicht angewendet. Wenn ich sachliche Entwicklungen oder Differenzierungen von Verfahrensweisen darstelle, impliziere ich natürlich auch „Zeit“, weil Entwicklungen tautologischerweise in der Zeit stattfinden. Dabei handelt es sich aber um eine Systemzeit, nicht um historische Zeitpunkte. Damit J. Watt die Dampfmaschine verbessern konnte, musste die Dampfmaschine bereits existieren, aber es spielt für die Verbesserung keine Rolle, wie lange sie schon existierte und wann sie erfunden wurde. Ich beobachte die technische Entwicklung also in diesem historischen Sinn unabhängig von der Zeit.

Ich komme aber natürlich nicht umhin, effiziente Verfahren auszuwählen. Der Ansatz, den ich hier verfolge, besteht darin, meine subjektive Betroffenheit als Kriterium zu verwenden. Die Zeit ist darin als perspektivischer
Beobachtungszeitpunkt aufgehoben. Ich beobachte in einem deiktischen Sinn hier und jetzt. Ich unterscheide jenseits der Zeitgeschichte fünf – bereits erläuterte – Bereiche, die ich auch nicht technisch sondern subjektiv und produktiv begründe. Ich brauche Nahrung, Wohnung und allerlei Geräte, nur schon um die Nahrung kühl und die Wohnung warm zu halten. Es geht dabei nicht um irgendeine psychologistische Bedürfnispyramide im Sinne von Maslow, ich brauche zum Leben viel mehr als Nahrung und Wohnung. Ich beobachte hier aber nur, was ich als so „gemacht zu“ begreife, dass dafür Werkzeug gebraucht werden können. Die ganze Natur, mich selbst und all meine Beziehungen zu anderen Menschen erkenne ich nicht als so „gemacht“.

Evolutionstheoretische Technikgeschichten schreibe ich – tautologischerweise – rückwärts. In vielen vermeintlichen Technikgeschichten spielt beispielsweise die Dampfmaschine eine sehr wichtige Rolle, die normalerweise nicht reflektiert wird. Ihre Relevanz bezieht die Dampfmaschine in solchen Geschichten – wie bewusst auch immer – daraus, dass sie für die Epoche der Industrialisierung steht. Die Industrialisierung ist ein historischer Prozess, der wichtig sein mag, aber sie ist kein technisches Ereignis, auch wenn die Technik darin eine Rolle spielt. Die Dampfmaschine dient also der Charakterisierung einer Epoche in einer ganz anderen Geschichte. Für mich – hier und jetzt – spielt die Dampfmaschine, auch jene von J. Watt im Prinzip keine Rolle, weil sie in meinem Leben, vom Dampfkochtopf und Vergnügungsfahrten auf dem Dampfschiff abgesehen, praktisch keine Rolle spielt. In meinem Leben spielen aber andere Motoren eine grosse Rolle und wenn ich die Entwicklung dieser Motoren anschaue, spielen darin die Dampfmaschinen die Rolle von noch rezenten Vertretern einer Evolution. Ich verstehe die Dampfmaschine in einem spezifischen Sinn wie die Anatomie der Affen, weil ich – rückwärtsblickend – weiss, was daraus geworden ist. Die Relevanz der Dampfmaschine begreife ich dabei technisch, nicht irgendwie sozial. In dieser Differenz erkenne ich nebenbei bemerkt auch den Grund, warum auch Soziologen keine Technik (er)kennen, sondern nur gesellschaftliche Folgen von nicht-funktionierender Technik.

Technisch kann ich überdies die Dampfmaschine wie etwa das Rad oder Schrauben nur als Teil von verfahrenstragenden Erfindungen beobachten. Die Dampfmaschine allein hat keinen Sinn, weil sie weder als Gerät noch als Werkzeug eine Funktion erfüllt.

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