Verallgemeinerung und Abstraktion


Verallgemeinerung und Abstraktion gehören umgangssprachlich diffus als Quasisysnonyme zueinander. Da es aber offensichtlich zwei verschiedene Wörter sind, liegt nahe, dass ich mir eine Differenz dialogisch bewusst mache und so erkenne, was im Alltag durch das Synomisieren unterschlagen wird. Vorweg muss ich sagen, was ich als „dialogisches Erkennen“ bezeichne, weil ich auch diese Wörter nicht im umgangssprachlichen Sinn verwende. Dialog verwende ich nicht für „irgendwie friedenstiftende Gespräche“, sondern im Sinne von „dia Logos“, womit ich literal meine, dass ich durch das Sprechen hindurch (dia) zu meinem je eigenen Bewusstsein (Logos) komme. Mit Erkennen bezeichne ich nicht ein naives Für-wahr-mehmen, sondern ein aktives Teilnehmen, wie es etwa in der biblischen Formulierung erscheint, wo Adam Eva erkannte, worauf sie einen Sohn gebar (Genesis,4).

Als Abstraktion bezeichne ich das Verhältnis zwischen zwei Beobachtungen, die ich auf dasselbe Referenzobjekt beziehe, wobei die abstraktere Beobachtung weniger Aspekte des Objektes bezeichnet. Wenn mir beispielsweishund1e jemand erzählt, dass er einen Hund gesehen hat, dann könnte er mir stattdessen auch erzählen, das er einen Pudel oder ein Tier gesehen hat. Diese Unterscheidung beziehe ich nicht darauf, was er gesehen hat, sondern auf die Beschreibung von dem, was er gesehen hat. Seine Wahrnehmung ist dafür unerheblich, ich höre ja nur, was gesagt, also beobachtet wird.

Ich unterscheide „Hund“ und „Tier“ als verschiedene Beobachtungen. Wenn ich selbst etwas wahrnehme, was ich als Hund oder als Tier bezeichnen kann, muss ich mich für eine der Beobachtungen entscheiden. Wann also sage ich – im gegebenen Fall – Hund und wann sage ich Tier? Das ist nicht vom Wahrnehmungsgegenstand abhängig, sondern davon, worüber ich sprechen will.

Von Tieren spreche ich etwa, wenn ich die Sonderstellung des Menschen hervorheben will, während ich von Hunden spreche, wenn ich bestimmte Verhältnisse zwischen Menschen und Tieren beobachte. Der Unterschied,
den ich zwischen Hund und Tier mache, zeigt sich begrifflich, also wenn ich diese Begriffe durch Definitions-Sätze ersetze. Über den Hund sage ich in der Definition alles, was ich über das Tier sage (Genus proximum) und zusätzlich, wie ich den Hund von aneren Tieren unterscheide (differentia specifica). Umgekehrt lasse ich das, was ich über den Hund zusätzlich sage, weg, wenn ich das Tier definiere. Dieses Weglassen bezeichne ich als Abstraktion, was pseudoetymologisch eine Art Kunstwort für dieses spezielle Weglassen ist.

Das, was ich sehe und beschreibe, wenn ich von einem Hund spreche, ist durch meine Abstraktion nicht betroffen. Ein Hund und meine sinnliche Wahrnehmung des Hundes verändert sich in keiner Weise, wenn ich ihn als Tier bezeichne. Die Abstraktion betrifft nur meine Beschreibung. Im jeweiligen Oberbegriff lasse ich Bedeutungs-Aspekte und Form-Bestimmungen weg, die ich auf der Ebene des Begriffes verwende.

Das, was ich als Verallgemeinerung bezeichne, betrifft dagegen das Referenzobjekt. Ich erkenne in jedem Hund den Hund – unabhängig davon, wie ich ihn bezeichne. Wenn ich eine Pudel sehe oder von einem Pudel spreche, meine ich eine besondere Erscheinung eines allgemeineren Falles. Das je konkrete Tier (hier der Hund) ist keine Abweichung von einem „Durchschnittstier“, sondern eine Erscheinungsform aufgrund welcher ich – unter Verwendung von beigebrachten Kategorien – mir das je spezifische und das Allgemeine (hier Tier) bewusst machen kann. Dabei werde ich nicht wie das sprichwörtliche Kleinkind, das ein Kuh als Wauwau bezeichnet, bei jedem konkreten Tier eine je beliebige Verallgemeinerung leisten.

Der Hund wehrt sich nicht gegen meine Verallgemeinerung und ich weiss nicht, ob und inwiefern er sich als Hund erkennt. Aber ich mag es nicht, wenn ich in vermeintlichen Verallgemeinerungen anderer Menschen erscheine. Ich mag nicht, wenn ich als Objekt einer Klasse zugeordnet werde. Und ich brauche nicht sehr viel Empathie um zu erkennen, dass andere Menschen das sehr oft auch nicht mögen. Dazu gibt es manifeste Kommunikationen, etwa der sogenannte Gender-Diskurs, in welchem ganz bestimmte Verallgemeinerungen problematisiert werden. Ich selbst sehe mich zwar als Mann, aber nicht als das, was gemeinhin als „Mann“ beobachtet wird. In extremeren Fällen wird sogar die Kommunikation abgewehrt. Das Wort „Neger“ beispielsweise steht für eine Zurechnung, die kein Mensch mehr auf sich bezogen mag. Diese spezielle Fälle verdeutlichen, dass dabei die Abstraktion keine wesentliche Rolle spielt.

Die subtilste Form der Verallgemeinerung erkenne ich in „Man“-
Formulierungen, die oft auch in einer „Wir“-Form erscheinen. Diese Verallgemeinerungen beruhen auf sozusagen totalen Abstraktionen, weil das gemeinte Allgemeine gar nicht mehr bezeichnet und mithin der Reflexion entzogen wird. Unter subjektwissenschaftlichen Gesichtspunkten schreibe ich, was ich beobachte. Ich schliesse damit weder ein noch aus, dass andere dasselbe beobachten. Meine Abstraktionen mache ich mir durch Explikationen meiner Definitionen bewusst, während Verallgemeinerungen nur in Form von gemeinsamen Interessen erscheinen, die ich nie alleine bezeichnen kann.

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