Kultur


Den Ausdruck „Kultur“ verwende ich für die Kultur (ohne Plural) oder für eine Kultur (unter Kulturen, Plural). Hier geht es um die Kultur (ohne Plural)

Differenztheoretisch beobachte ich Kultur als – überlagerte – Differenz zwischen Kultur und Natur, worin sich Kultur in Form von Handlungszusammenhängen zeigt, in welchen ich die Artefakte (be)deute, die als Kultur hervorgebracht werden. Als Kultur beobachte ich mithin eine Differenz zwischen Kultur und Zivilisation, in welcher Kultur das ist, was ohnehin entsteht, wenn Menschen tätig sind, während die Art, wie ich das beobachte, den Gegenstand der Zivilisation ausmacht.

parthenon

Bildquelle: Wikipedia

Beispiel:
Umgangssprachlich – in Anlehnung an die Filosofie von I. Kant – gelten Artefakte wie etwa der „antike Tempel des Parthenon“ als Symbole einer jeweiligen Kultur. Als Kultur erscheint mithin die Bedeutung der Artefakte, die dem Artefakt durch die Bezeichnung als Artefakt zunächst abgesprochen und dann zugedichtet wird:

Ein bestimmtes – offensichtliches – Artefakt in Athen wird als Parthenon („Jungfrauengemach“) bezeichnet. Es wird erzählt, dass die alten Griechen das Artefakt als Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena als Dank für deren Unterstützung im Perserkrieg gebaut wurde. Diese ziemlich einfältige Geschichte ist Teil der Zivilisation, was sich darin zeigt, das sie in der hier herrschenden Zivilisation ernst genommen werden muss. Und falls diese Steinkonstruktion je als Tempel gebaut wurde, war sie Teil einer Zivilisation, in welcher „Göttinnen“ betempelt wurden, was durch kulturell entwickelte Tätigkeiten passierte.

Das Artefakt selbst und dessen Gegenstandsbedeutung erkenne ich als Kultur. Der vermeintliche Tempel ist als Steinruine ein Faktum, dessen Form ich ohne zu zögern als nicht natürlich, also als artifiziell erkenne. (Mit dieser „Erkennbarkeit“ hat G. Bateson seine Natur-Geist-Kultur begründet).

Kultur als Hypostasierung

Kultur ist das Resultat der Kultivierung. Im Sinne des historischen Materialismus stelle ich Artefakte her, indem ich forme, was mir differentiell als Natur gegeben ist, womit ich die Natur in dem Sinne in eine kulturelle Form bringe, als ich sie kategorial durch meine Handlungsintentionen erkenne. Als Kultur erscheint mir die durch Tätigkeit realisierte Intention, im einfachsten Fall als Bedeutung (Sinn und Zweck) von hergestellten Mitteln, die einer Zweck-Mittel-Verschiebung unterliegen.

Die Gegenstandsbedeutung ist das, was in der Herstellung des Gegenstandes erzeugt wird. Sie wohnt dem Gegenstand inne. Aber natürlich muss ich sie erkennen. Wenn ich den Gegenstand selbst herstelle, kenne ich dessen Bedeutung, wenn ich einen Gegenstand vorfinde, erkenne ich, wozu ich ihn herstellen würde. Dieses Erkennen ist Teil der Kultur. Es gibt Artefakte, deren Sinn ich nicht erkennen kann, weil ich nicht Teil der entsprechenden Kultur bin. Sie haben dann für mich keinen Sinn. Das ist beispielsweise der Fall bei „griechischen Steinruinen“ oder „ägyptischen Piramiden“. Ich selbst kann deren Sinn nur durch entsprechende Erziehung benennen, also weil ich in der hier herrschenden Zivilisation unterworfen bin.

Als Kultur erkenne ich Gegenstandsbedeutungen und damit verbunden Handlungszusammenhänge, als Zivilisation bezeichne ich, wenn Gegenstandsbedeutungen und Handlungszusammenhänge in irgendeiner Art „intersubjektiv“ festgelegt sind. In dieser Differenz unterscheide ich Sozialisation und Erziehung. Dabei spielt in dieser Differenz keine Rolle, dass meine Sozialisation von gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt ist, sondern nur, ob ich sie in den gegebenen Verhältnissen als Erziehung erkenne. Es mag sein, dass ich als Mensch zwangsläufig in eine bereits vorhandene Kultur hineingeboren werde und dass diese mich weitgehend assimiliert, gleichwohl erkenne ich, wo ich von Menschen erzogen werde, die meinem Kulturellsein nicht hinreichend vertrauen.

Wenn Sprache als gegebene Kultur gesehen wird, welcher ich mich fügen müsste, dann bräuchte ich keine Spracherziehung, dann würde ich die Sprachen lernen, ohne belehrt zu werden. Allerdings – erlebe ich in einer gewissen Widerständigkeit zu Belehrungen – dass ich eine sehr eigene Sprache gelernt habe.

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