Handelsbilanz, Staatsanleihen und Defizitkreislauf


Als Defizitkreislauf bezeichne ich das – von Ökonomen beobachtet – Phänomen, das darin besteht, dass eine Nation einer anderen Nation Waren liefert, die durch staatliche Wertpapiere finanziert werden, wodurch
dem finanzierenden Staat ein Defizit erwächst. Mit zum Phästaatsverschuldungnomen gehört, dass das Defizit – von ein paar begründbaren Ausnahmen abgesehen – umso grösser wird, je reicher, resp.
wirtschaftsmächtiger die jeweilige Nation erscheint.

In der gängigen Oekonomie wird das Phänomen so beschrieben:
Eine Liefer-Nation liefert eine Menge Waren in eine Nehmer-Nation, die viel weniger Waren zurück-liefert, wodurch ein Handelsbilanzdefizit entsteht.

Beispiel : Japan liefert Maschinen und Autos in die USA. Die USA liefert viel weniger Güter nach Japan.

Als Waren gelten in dieser Perspektive nur Güter, nicht aber das Geld, das den Saldo ausgleicht. Der Witz der Handelsbilanz besteht darin, dass der Saldo in der Währung des Warennehmers ausgeglichen wird, also mit Geld, das der Saldonehmer nicht unmittelbar brauchen kann.

Im Beispiel: „Die Japaner“ können die Dollars, die so nach Japan fliessen, nicht brauchen, weil sie keine amerikanischen Waren kaufen. „Die Japaner“ können die Dollars aber beispielsweise – gegen Zinsen – in amerikanischen Wertpapieren (US-Staatsanleihen, normalerweise durch Hedgfonds vermittelt) anlegen. Auf diese Weise bekommen „die Amerikaner“ ihre Dollars zurück und kaufen damit wieder japanische Waren – weshalb jenseits von Defizit von einem Kreislauf die Rede ist, in welchem die Dollars immer wieder in den amerikanischen Himmel zurückkehren und dann wieder auf Japan runter regnen.

Nach einer gewissen Zeit haben „die Japaner“ ein grosses Vermögen, das aus Schulden kriegsmächtigen „der Amerikanern“ besteht, weshalb sie es nicht ohne weiteres eintreiben können, es sei denn sie würden „Pearl Harbor“ nochmals ver(be)suchen.

Ich unterbreche hier diese ökonomische Argumentation, um den Zusammenhang noch etwas weniger politisch – also jenseits von Nationen – darzustellen, weil sonst einiges unklar bleibt, insbesondere, was mit „die Amerikaner“ und „die Japaner“ oder mit USA und Japan gemeint ist. Der japanische Staat verkauft ja so wenig Autos wie das japanische Volk. Ich beobachte deshalb jetzt Akteure, die wirklich kaufen und verkaufen:

Ein in Amerika lebender Mensch, er mag gemäss seinem Pass Amerikaner oder sonst was sein, kauft ein japanisches Auto bei einem Autohändler, der dieses Auto vom Importeuer kauft, welcher das Auto beim Produzenten in Japan kauft.
Der „Amerikaner“ bezahlt bargeldlos, das heisst, es gibt eine Verschiebung von seinem Konto auf das Konto des Händlers, von dort eine Verschiebung auf das Konto des Importeurs und von dort eine Verschiebung auf das Konto des Produzenten. Der Produzent hat ein Auslandkonto bei der Bank des amerikanischen Kunden und verschiebt den Betrag auf dieses Konto. Nach allen Verschiebungen ist kein Geld geflossen. Die Bank hat gleichviel Geld und gleichviel Ansprüche wie zu vor, nur zwei Kontostände innerhalb der Bank haben sich verändert.

Der amerikanische Käufer ist Schuldner, der japanische Autoproduzent ist Gläubiger der derselben Bank in Amerika. Beide interessieren sich so wenig wie die Bank selbst für Handelsbilanzen oder für Staatsverschuldungen. Für die amerikanische Bank spielt keine Rolle, ob sie das umgebuchte Geld einem Amerikaner oder einem Japaner schuldet.

Jeder Gläubiger – Japaner hin oder her – will aber sicher sein, dass die Bank das Geld hat und im Prinzip bezahlen könnte. Er bracht Vertrauen. Wer aber würde einer Bank vertrauen, wenn es um viel Geld geht oder eine Alternative besteht? Deshalb kauft die Bank mit dem Geld des allenfalls japanischen Kunden amerikanische Staatsanleihen. Dann hat der Kunde „Wertpapiere“ und der amerikanische Staat hat Geld, das er für die staatliche Infrastruktur ausgibt, wodurch es schliesslich durch viele Hände in die Hände von amerikanischen Privatpersonen kommt, die damit ein allenfalls japanisches Auto kaufen – und eben so einen Kreis schliessen.

Wenn der Kreis hinreichend oft durchlaufen wurde, hat der amerikanische Staat Schulden, die amerikanischen Bürger haben japanische Autos und der japanische Autoproduzent hat Guthaben bei seiner Bank, wobei keine Rolle spielt, welche Bank das ist, weil die Banken sich das Geld gegenseitig neutral verrechnen, was ihnen leicht fällt, weil der Staat ihr Schuldner ist.

Im Beispiel: Der japanische Produzent muss seine Arbeiter mit Yen bezahlen, Dollars helfen ihm also nicht, egal wie viele er davon hat. Wann immer er in Amerika ein Auto verkauft, kriegt er noch mehr Dollars. Er bezeichnet deshalb die Dollars als Devisen, was in etwa nicht brauchbares Geld bedeutet.
In den Nationen der Schuldner wird ökonomisch gemeinhin ein Handelsdefizit für Schulden verantwortlich gemacht. Das ist einerseits tautologisch wahr. Wenn ich mit jemandem etwas tausche, aber nichts zu geben habe, werde ich sein Schuldner. Aber dass der Staat deshalb Schuldner wird, hat damit nichts zu tun, den er tauscht ja nichts.

Ich beobachte jetzt wieder die ökonomische Handelsbilanz. Jeder Staat – der im Anleihenspiel mitspielt – wird Schuldner von Banken, die Schuldner von Bürgern und Warenproduzenten sind. In jenen Nationen, in welchen die Bürger Waren anderer Nationen kaufen, muss jemand mit den anfallenden Devisen umgehen. Die Lösung, die die Gläubiger gefunden haben, ist eine Inversion. Sie geben ihre Devisen ihrem Staat im Tausch gegen Staatsanleihen in der eigenen Währung.
Im Beispiel: Der japanische Produzent kauft mit den Dollars japanische Staatsanleihen in Yen. Dann hat er brauchbares Geld und der japanische Staat hat Ansprüche auf Dollars.

Die Nationen erfüllen so ihren eigentlichen merkantilistischen Zweck, der darin besteht Einkommen im Ausland zu generieren. Auf diese Weise werden Staaten zu Händlern und die Handelsbilanz wird eine Art Buchhaltung des Staates.
Wenn ein weiterer Staat ins Spiel kommt, dessen Bürger eine Ware wie beispielsweise Gold oder Erdöl besitzen, die den beiden anderen Nationen fehlt, werden diese Bürger in den anderen Nationen dasselbe Spiel spielen und die Devisen ebenfalls im eigenen Staat in Form von Anleihen umlegen.

Im Beispiel: Ein Bürger in Saudiarabien hat etwas Erdöl, das er nur in Japan verkauft. Er könnte sein Öl einem Autoproduzenten verkaufen, der viele Dollars hat und sich in Dollars bezahlen lassen. Der Autoproduzent ist seine Dollars aber schon losgeworden, weshalb der Ölverkäufer Yens bekommt, mit welchen er zu Hause Staatsanleihen in Riyal kauft. Dann hat der Saudi-Staat Anleihen in Yen, die er in Japan gegen Anleihen in Dollar tauschen könnte, wenn er Dollar brauchen könnte.

Dieses Spiel funktioniert natürlich auch ohne Staatsanleihen, wichtig ist nur die Vermittlung der Devisen. Die Staatsanleihen erfüllen diesen Zweck einfach besonders gut, weil sie sozusagen das Hyperbanking sind, bei welchem ganze Bevölkerungen zu Schuldner gemacht werden. Administrativ haben sich sogenannte Zentralbanken als Superbanken zwischen die Banken und die Hyperbanken geschoben, aber die Zentralbanken sind oft private Unternehmen, man könnte also auch Banken trauen, wenn man Zentralbanken trauen wollte.

Unter-Ordnung

Andere „Länder“ wollen auch reich werden.

Solche Redeweisen sind natürlich Darstellungen der politischen Oekonomie, weil „Länder“ jenseits solcher Lehren gar nichts wollen, und welches Land möchte schon Reichtum in Form von Wertpapieren, die nur durch den nächsten Weltkrieg realisierbar werden, aber gleichwohl:

Südkoreanische Bürger beispielsweise wollen so reich wie Japaner sein. Dazu müssen sie aber natürlich besser als die Japaner sein, das heisst, sie haben am amerikanischen Markt nur eine Chance, wenn sie effizienter als die Japaner sind. Das sind sie aber der technologischen Sache nach selten. Deshalb wählen sie statt offener Konkurrenz oft eine Art Subordination in Form von Zulieferungen. In dieser Form sind sie bei den japanischen Produzenten – wie Lohnarbeiter – begehrt. Die Japaner kaufen immer mehr Güterteile, die sie den Amerikanern verkaufen, bei den Südkoreanern.

Die Japaner bezahlen in Yen, was so lange gut ist, wie die Südkoreaner damit japanische Produktionsanlagen kaufen. Nach einer gewissen Zeit aber können die Südkoreaner Yen nicht mehr brauchen. Deshalb spielt es ihnen auch keine Rolle, wenn die Japaner in Dollars bezahlen, die sie auch nicht brauchen können. Das hilft den Japanern Dollars loszuwerden. Die Südkoreaner kaufen so oder so: Staatsanleihen.

Nach einer gewissen Zeit kippt die Handelsbilanz. Die Südkoreaner – oder alle grosse und kleine Tigerstaaten – begründen bilaterale japanische Handelsdefizite und einen weiteren Defizitkreislauf, der im übergeordneten verrechnet wird.

Diese Art Defizitkreislauf beruht darauf, dass relativ mächtigere Nationen schwächere Nationen zu Gläubigern machen. Die mächtigeren Nationen -zuvorderst die USA – investieren trotz unglaublicher Verschuldung sinnigerweise vor allem ins Militär, das sich als eigener Wirtschaftszweig entwickelt, der über kurz oder lang auch dem Handelsdefizitmechanismus unterliegt.

Die EU als quasipolitische Inversion

Die militärische Macht der USA wird durch China und Russland problematisiert. Deutschland hat zusammen oder eher gleichzeitig mit Japan diesbezüglich eine Erfahrung schon gemacht, so dass Deutschland und Japan – die zu den grossen Gewinnern des letzten grossen Krieges gehören – nach anderen mehr ökonomischen als militärischen Mitteln suchten, wobei – bislang – vor allem Deutschland sehr erfolgreich war, während Japan nicht nur aufgrund der Fukushima-Katastrophe, die Ausdruck der technischen Intensivierung ist, sich zunehmend mehr verschuldet, ohne eine Macht wie die USA zu sein. Japans Strategie hat sich bis 2010 scheinbar bewährt, weil die Gläubigerleistungen gegenüber den USA durch Schulden bei den Tigerstaaten ausgeglichen wurden. Seit 2010 aber hat sich der nationale Exportüberschuss in ein rasch wachsendes Handelsdefizit verwandelt. Japan ist durch seine Verschuldung zum primären Herd des nächsten grossen Kriegs geworden. Militärisch gesehen ist Japan ein Grenzfort der USA zu China und zu Russland geworden.

„Die Deutschen“ oder „Deutschland“ hat die EU erfunden. Die EU ist vor allem – wenn nicht überhaupt – eine Lösung des Devisenproblems zwischen den beteiligten Nationen. Vor der Erfindung der EU hatte jede Nation eine eigene Währung. Der Zweck der Nation ist – oder vielmehr war – eigentlich die Durchsetzung und Erhaltung der Währung. Deutschland wäre innerhalb des europäischen Raumes was die USA global repräsentiert, nämlich die Wirtschaftsmacht, die gegenüber anderen Nationen ein Handelsdefizit entwickeln müsste.

„Deutschland“ macht aber innerhalb Europa kein Handelsdefizit, sondern exportiert mit sehr grossem Erfolg. Die anderen Nationen, die eben keine Nationen mehr sind, egal wie nationalistisch sie sich gebärden, importieren deutsche Waren, die sie in Euro bezahlen müssen. Der Defizitkreislauf dreht sich sozusagen in die umgekehrte Richtung. „Deutschland“ muss den anderen Nationen Kredite geben statt sich bei ihnen zu verschulden.

Im vordergründigsten Beispiel: Ein deutscher Produzent verkauft einem griechischen Bürger einen Volkswagen. Der Grieche bezahlt in Euros, also in der Währung, die der deutsche Produzent verwenden kann. Der deutsche Produzent bekommt aber so viele Euros, dass er nicht mehr weiss, wie er sie ausgeben soll. Er legt sie deshalb bei einer Bank an, wo der griechische Bürger seine Schulden macht, wenn er einen VW kauft. Auch hier gilt natürlich, dass nur Kontobestände umgeschrieben werden. Euros fliessen dazu in keinem Strom.

Die nicht deutschen Nationen der EU müssen keine Devisen verwalten, die sie durch Exporte erzeugen. Die Staatsanleihen haben deshalb einen invertierten Sinn. Und „Deutschland“ muss dem Staat durch Anleihen keine Schulden überbürden. Auch diese Anleihen haben einen invertierten Sinn.

Während die USA die Bevölkerung anderer Nationen zu Gläubigern macht, die sie nie bezahlen wird, macht Deutschland die Bevölkerungen anderer EU-Nationen zu Schuldnern, die ihre Schulden nie bezahlen werden. Die Salden des Warenhandels stehen in diesem Sinne einfach als Ausdruck verschiedener Strategien beim Ausbeuten von Bevölkerungen anderer Nationen. Es scheint aber, dass Handelsdefizite kapitalistisch gesehen die bessere Strategie darstellen. Deutschland wirkt zunehmend hilfloser gegenüber seinen Schuldner.

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