Wozu Physik lernen?


Eine Erläuterung zu Mein Unbehagen in der Lehr-Kultur

Entgegen jeder Usanz habe ich die Beiträge zur Physik in diesem Blog nachträglich etwas verändert, weil sie mir zu einem längeren zusammenhängenden Text geworden sind, an dem ich künftig in weiteren Beiträgen noch etwas weiterarbeiten will.

 

Vorwort

Als „meine Physik“ bezeichne ich nicht irgendeine spezielle Physik, die sich von anderen Physiktheorien unterscheidet, sondern mein Wissen über das, was ich konventionell als Physik bezeichne. Dabei unterscheide ich, was ich als Physik begreife und was ich über den Gegenstand dieser Physik weiss. Ich weiss in diesem Sinn beispielsweise, dass Physik etwas mit Energie zu tun hat, und ich weiss auch etwas über Energie. Beides sind Bestandteile meines Wissens, weshalb ich von meiner Physik spreche.

Meine Physik habe ich mir angeeignet. In diesem Aneignungsprozess habe ich etwas über Energie gelernt und auch dass Teile dieses Wissen konventionell als Teile der Physik bezeichnet werden. Einen Teil dieses Wissen habe ich mir während meiner Schulzeit angeeignet. In der Schule habe ich auch bestimmte sprachliche Ausdrucksweisen kennengelernt. Insbesondere ging es dabei nie um mein Wissen, sondern immer darum, was jenseits von mir wirklich der Fall ist. Genau diese Differenz bezeichne ich mit „meine Physik“.

Ich habe zwei relativ zufällige Veranlassungen aktuell über meine Physik nachzudenken. Zum einen habe ich gerade das Buch „Lernen“ von K. Holzkamp gelesen, in welchem die Schule ziemlich schlecht abschneidet. Beim Lesen des Buches habe ich über meine eigenen Lernerfahrungen im Zusammenhang mit der Schule nachgedacht. Zum andern habe ich über einen didaktischen Streit gelesen, der zwischen Vertretern des Karlsruher Physikkurses (KPK) und Vertretern der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) ausgetragen wird, darüber, wie Physik in der Schule unterrichtet werden sollte. Das veranlasste mich, meine eigenen Lern- und Schulerfahrungen anhand der Schulphysik zu reflektieren und so über „meine Physik“ nachzudenken.

Ich erkannte schnell oder sogar augenblicklich, dass ich praktisch nichts mehr weiss, von dem, was ich während meiner gesamten Schulzeit im Fach Physik hätte lernen sollen. Und dass ich unabhängig davon auch sonst nicht viel über den Gegenstand der Physik weiss. Dabei realisierte ich vor allem, dass ich Physik jenseits aller Gegenstände als Schulfach wahrgenommen habe, weshalb sie mir als Lehre oder verschiedene Lehren erschienen ist. Der Ausdruck „Physik“ wäre deshalb insofern ein „falscher“ Name, als Lehren normalerweise durch die Endung „-logie“ bezeichnet werden, während die Endung „-ik“ für eine Art Praxis steht, in welcher die Lehre aufgehoben ist. Eine konventionelle Form mit dieser Differenz umzugehen, erkenne ich darin, die Physik nicht nur als wissenschaftliche Grundlage, sondern auch als höchste Form der Technik zu sehen, wobei dann sinnigerweise oft doch von Technologie die Rede ist. Allerdings wird die Physik konventionellerweise als Naturwissenschaft bezeichnet, weil es in Schule um Bildung, nicht um Ausbildung geht.

Der Physikunterricht in der Schule ermöglichte mir das Bestehen von Physikprüfungen, die mir den Zugang zu höheren Schulen und damit schliesslich zu einem potentiell grösseren Einkommen verholfen haben. Dieser Nutzen der Physik ist praktisch und wichtig, was aber mit dem Gegenstand der Physik nicht viel zu tun hat, sondern mehr über die Schule als solche sagt. Die Schule braucht Fächer, auch wenn die Inhalte dieser Fächer nach den jeweiligen Prüfungen vergessen werden können. Ich vermute, dass der volksschul-didaktische Kleinkrieg der Gesellschaft für Physik in diesem Sinne ein Standeskrieg ist, in welchem es ausschliesslich darum geht, das Schulfach „Physik“ zu erhalten, weil darin die beste Propaganda für die Gesellschaft der Physik gesehen wird. Es gibt ganz viele „Gesellschaften“, die sich um die Schulfächerverteilungen streiten.

Unter lerntheoretischen sinnvolleren Gesichtspunkten müsste ich eigentlich dann lernen, wenn ich mit meinem je aktuellen Wissen oder Können in für mich wichtigen Lebenssituationen jenseits von Schulprüfungen nicht weiterkomme oder Dissonanz erlebe. Wenn ich meine Schulzeit als Lebenssituation auffasse, also nicht meine, dass ich in der Schule für das Leben jenseits der Schule lerne, dann zeigt sich natürlich mein Bedarf an Physik gerade in den als Lebensbewältigung zu bestehenden Prüfungen. Das Wenige, was ich in der Schule von Physik mitbekommen habe, hat bei mir aber jenseits der Schule viel mehr Dissonanz geschaffen als aufgehoben, weil die Schulphysik viele Wörter relativ zu meinem naturwüchsigen Sprachgefühl ganz sinnwidrig verwendet. Ein typisches Beispiel dafür ist etwa der Ausdruck „Arbeit“, mit welchem in der Physik etwas ganz anderes bezeichnet wird als in meiner Sprache. In der Physik „versteht man“ unter Arbeit die mechanisch ausgetauschte Energie, während ich den Ausdruck für eine bezahlte Tätigkeit verwende, bei welcher der Energieaustausch keinerlei relevante Rolle spielt. Ich hätte im Physikunterricht sozusagen meine Sprache verlernen müssen, um die Sprache der Physik zu lernen.

Zurückblickend vermute ich, dass die Sprache der Schulphysik ein wesentlicher Grund dafür war, dass ich mir diese Physik nicht aneignen konnte. Eine bleibende Dissonanz zu meiner eigenen Sprache konnte ich verhindern, indem ich die Schulphysik nach den Prüfungen rasch wieder vergessen habe. Aber viele Vorstellungen, die ich dieser Physik zurechne, begegnen mir auch jenseits der Schule, beispielsweise in Gesprächen zur sogenannten „Energie“politik. Dabei geht es bei weitem nicht nur darum, dass die Physik die Bedeutung von Wörtern wie „Arbeit“ oder „Energie“ verdoppelt, sondern noch viel mehr darum, wie die physikalisch gemeinten Ausdrücke konzeptionell besetzt werden. Ich habe auch jenseits meiner Sprache ein Wissen – man mag es tacit nennen – das durch die Physik, wie sie in der Schule gelehrt wird, eigentümlich verdreht wird. Ich weiss, dass Lernen immer auch eine Art von Verlernen beinhaltet. Beim eigentlichen Lernen müsste ich aber mein jeweils hergebrachtes Wissen aufheben können, also nicht einfach nur durch ein anderes Dogma ersetzen. Ich muss aufgrund des je neuen Wissens neu und adäquater verstehen können, was ich vorher gewusst habe.

Ich gebe zwei Beispiele für problematische Vorstellungen zu Wörtern, die in der Physik – unglücklicherweise unglücklich – verwendet werden: Atom und Energie. Das Atom scheint mir quasi aus der Physik zu kommen und im Alltag keine andere Konnotation zu haben als die physikalische, während Energie vermutlich wie Arbeit im Alltag bereits Deutungen hatte, bevor Physiker das Wort verwendet haben.

In meinem nicht weiter reflektierten Wissen gibt es Atome. Ich weiss nicht, wie ich je zu dieser eigentlich seltsamen Vorstellung gekommen bin. Offenbar haben sich bereits die alten Griechen über kleinste Teilchen Gedanken gemacht, und sie als unteilbare Atome bezeichnet. Was Atome sind ist zunächst nicht so wichtig, viel wichtiger für die national-gesellschaftliche Reproduktion sind Atombomben und Atomkraftwerke. In der Schule lernte ich dann, dass Atome eben doch teilbar sind, und dass gerade deren Teilbarkeit deren Bedeutung für Bomben und Kraftwerke ausmacht. Ich kann gut damit leben, dass die alten Griechen sich geirrt haben. Viel schwieriger ist für mich, mir ein Teilchen vorzustellen, dass ich nicht zweiteilen kann. Dem entspricht die Schulphysik, indem sie gar nicht von der Teilbarkeit der Teilchen, sondern von deren Aufbau spricht. Atome haben gemäss dieser für Schüler grob vereinfachten Lehre einen Kern und eine Hülle, was ich mir irgendwie analog zu unserem Sonnensystem vorstellen soll. Der Sonne entspricht der Kern, atomwährend die Hülle durch Planeten, die als Elektronen bezeichnet werden, bestehen soll. Dieses Bild hat für mich nicht die geringste Plausibilität. Ich kann in unserem Sonnenplanetensystem schlicht
kein Teilchen mit einer Hülle erkennen. Und wenn ich mir eine Hülle ausdenken würde, wozu ich durch die Schulphysik angehalten werde, sähe ich eine elliptisch gequetschte Kugel von der Grösse der Umlaufbahn von Pluto, die in einem fast absoluten Sinn leer ist. Wenn Atome ebenso leer wären, wie sollte ein handfestes Material wie beispielsweise ein Stück Eisen aus solch leeren Gebilden bestehen können? Anschaulich geht das nicht. Die Physik negiert dann mein Anschaulichkeitsbedürfnis total in Form von Energie, die ihrerseits Materie sei, die ich aber eben nicht wie Eisen anfassen könne. Diese Energie hält die praktisch nicht vorhandenen Atomkörper so stark zusammen, dass sie bei aller Luftigkeit eben doch zu einem Stück Eisen werden können. Immerhin haben die Physiker hier mit Materie ein Wort gefunden, das ich jenseits der Physik nicht verwende.

Atome spielen in meinem praktischen Leben keine Rolle, Atomkraftwerke – auch als latente Atombomben – dagegen atombombe
schon. Ich muss „Energie“ bezahlen, die als Ware mittels Atomkraftwerken für mich „produziert“ wird und die ich offenbar (ver)brauche. In meiner Schulphysik musste ich zur Kenntnis nehmen, dass Energie weder hergestellt noch verbraucht werden kann. Physikalisch gesehen verbrauche ich also keine Energie, sondern allenfalls etwas, was einem Strom, der beispielsweise aus einem AKW kommt, innewohnt. Aber die Schulphysik kümmert sich auch bei der Energie nicht um meine bildlichen oder begrifflichen Vorstellungen, sondern sagt mir abstrakt, wann ich was gemäss welchen Formeln rechnen muss. Was Energie bedeutet, bleibt auf der Ebene der Schulphysik unaussprechbar. Der erwähnte Karlsruherphysikkurs verspricht, wenigstens das zu ändern. G. Bateson bezeichnet solche Fälle als Erklärungsprinzip, die die Grenzen dessen bezeichnen, was innerhalb einer Erklärung für klärungsbedürftig gilt.

Fortsetzung unter Wozu Physik lernen? (Teil 2)

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Eine Antwort zu “Wozu Physik lernen?

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