Tilo-Journalismus als Offenbarung der 4. Macht


Tilo Jung ist ein Journalist, der sich via YouTube eine Internetplattform namens „Jung & Naivs Video“ geschaffen hat,
auf welcher er täglich selbst moderierte Beiträge von der tilo_chebliBundespressekonferenz online stellt. Wenn ich zwei seiner
„Sendungen“ gesehen habe, habe ich das Format verstanden. Tilo Jung bringt die Vertreter der dubiosen Bundespressekonferenz in Bedrängnis, in dem er ihnen Fragen stellt, die sie – politisch korrekt – nicht beantworten können. Die Journalisten, die dann quasi anstelle der deutschen Regierung, respektive anstelle deren Minister „pressesprechen“, erkennenn das Verfahren von Tilo Jung als ihr je eigenes und beantworten jede Frage von Tilo Jung, indem sie gerade nicht antworten, was der leicht erkennbaren Absicht aller Beteiligten entspricht.Das Tilo-Jung-Format ist eine Art Satire, die sich als Nichtsatire präsentiert.

Als Satire ist die Veranstaltung eine Zeitlang unterhaltend oder lustig. Als Pressearbeit dagegen ist die Sendung ungewollt und unbeabsichtig Journalismus schlechthin.

Im fast ausschliesslich stattfindenden Normalfall beantworten die Vertreter der Regierung jede Frage damit, dass die Frage aus naheliegenden und einsichtigen Gründen, so wie sie gestellt ist, nicht beantworten lässt, was jeweils als implizite Antwort auf die jeweils rhetorische Frage erscheint, und immer genau der rhetorisch instrumentalisierten Erwartung der Konsumenten dieses Journalismus entspricht. Ausnahmen finden keine statt.

Der Tilo-Journalismus ist eine perfekte Inversion des konventionellen Journalismus. Es spielen ja auch ausnahmslos professionelle Journalisten mit. Die Inversion besteht darin, dass in seriösen Zeitungen oder Nachrichtengefässen im Radio oder Fernsehen die vermeintlichen Antworten der RegierungssprecherInnen nicht mit entlarfenden Fragen hinterlegt werden. Wenn ich eine ganz normale Zeitung lesen würde – was ich mir schon lange nicht mehr antue –
würde ich als Leser jede Nachricht in dieser Zeitung als Beschreibung einer Problemlösung lesen. Das jeweils durch die Nachricht jeweils gelöste Problem bestünde immer darin, eine Frage zurückzuweisen, die ich als Leser stellen würde.

Tilo bezeichnet sein Verfahren als „naiv“, weil er natürlich weiss, dass er keine Leser repräsentieren kann, sondern nur den Lesertypus, der auf dem Niveau der Bildzeitung unterstellt wird. Er unterstellt eigentlich keine Leser, was ihm gelegentlich von den Regierungsjournalisten innerhalb des Journalismusspieles vorgehalten wird. Frau Chebli von der Bundespressekonferenz sagte beispielsweise etwa zu Tilo: „Ich glaube, Sie unterschätzen die Intelligenz Ihrer Follower, Herr Jung“. Aber natürlich meinte sie das keineswegs, was sie sagte. Sie hält vom Publikum gleich viel wie
Tilo, den sie perfekt bedient.

Im Portal von Tilo erfahre ich als Teil dieses Publikums genau das, was ich in allen konventionellen Massenmedien erfahre, weil auch bei Tilo die Journalisten der Bundespressekonferenz sagen, was wie – unabhängig von allen denkbaren Fragen – zu sagen ist. Die 4. Macht offenbart sich als das im Commonsense des Journalismus Sagbare.

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