(We)Blog ?


Als Blog bezeichne ich – jenseits seiner funktionale Bedeutungen – ein auf einer Website geführtes und damit – meist öffentlich – einsehbares Journal, in dem mindestens eine Person ihre Gedanken niederschreibt. Von einem Tagebuch unterscheide ich den Blog nicht nur, weil er öffentlich zugänglich ist, sondern vor alle
m, weil Kommentarfunktionen Feedback von Lesenden mblog1öglich machen. Die explizite Bezeichnung Web-Log taucht 1997, also sehr rasch nach der Einrichtung des WWWs im Blog „Robot Wisdom“ von Jorn Barger auf. 1999 kam „Blogger“ auf den Gratismarkt, das später von Google übernommen wurde. Ab 2000 nahmen die Blogs rasant zu. Seit
2004 ist WordPress ins Netz.

Etwas nüchtern betrachtet geht es um Webapplikationen, mit welchen ein so genanntes Contentmanagement unterstützt wird, so dass der Blogschreiber sich nicht um irgendwelche technischen Aspekte kümmern muss. Bedenkenswert erscheint mir, dass solche Software und die notwendige Infrastruktur im Hintergrund gratis zu Verfügung gestellt wird, was aber angesichts der Gratiskultur im Netz nicht weiter erstaunt. Bedenkenswerter scheint mir die Erfolgsgeschichte der Blogs. Innert weniger Jahre wurden 200 Millionen Blogs eröffnet.

Unter funktionalen Gesichtspunkten wird der Blog oft als Gegenöffentlichkeit gesehen, weil die Massenmedienbesitzer
die Inhalte der Blogs weder beeinflussen noch zensurieren können. Im Blog kann jeder schreiben, was er will, was aber nicht erklärt, weshalb oder wozu Blogs überhaupt geschrieben werden, wenn ich mal davon absehe, dass viele Blogs einfach als Homepages fungieren, die für irgendetwas Werbung machen.

Für mich ist ein Blog ein spezielles Buch, in welchem fast alle Vorstellungen, die ich mit einem Buch verbinde, invertiert sind. Ein Buch hat normalerweise – davon abgesehen, dass es aus Papier besteht und deshalb viel Geld kostet – ein durchgehendes Thema, das logisch strukturiert entfaltet wird. Das Buch erscheint, wenn es fertig ist und dann ist es eben auch fertig. Im Blog kann ich – allenfalls Blogkonventionen verletzend – Beiträge im Nachhinein umschreiben und ergänzen. Interessant finde ich auch, dass ich ein Buch nicht fertig schreiben muss. Ich kann das Ende offen lassen und jederzeit weiterschreiben, wenn es mir wieder gefällt.

Lesende können zwar auch in ein Buch schreiben, was ich in vielen Bibliotheksbüchern beobachtet habe, und sie können den Autoren Briefe schreiben, aber sie können nicht wie im Blog fortlaufend kommentieren. Als Buchautor kann ich nicht – oder erst in einem weiteren Buch – berücksichtigen, was Lesende anmerken oder kritisieren.

Schliesslich könnte ich einen Blog jederzeit in ein richtiges Buch verwandeln und dabei davon profitieren, dass ich bereits verschiedene Feedbacks erhalten habe. Was mich beim Schreiben aber auch sehr interessiert, dass Feedback im Sinne einer Regelung nicht erst dann passiert, wenn es nichts mehr zu regeln gibt. Im Blog kann ich überdies Varianten anbieten. Ich kann bestimmte Abschnitte zwei oder mehrmals in verschiedenen Formen schreiben und so vielleicht verschiedene Leserinteressen treffen.

Ich habe zurzeit verschiedene Blog-Bücher unterwegs. Oft wird mir im Sinne einer allmählichen Verfertigung der Gedanken erst beim Schreiben bewusst, worüber ich eigentlich schreibe. Wenn mir das beim Bloggen passiert, muss ich mich nicht winden um relativ sachfremde Aspekte zu integrieren, sondern beginne einfach einen weiteren Blog. Im Kontext eines Blog über den grünpolitischen Energiediskurs ist mir bewusst geworden, wie wenig ich über Physik weiss, was ich jetzt in einem anderen, vorerst in diesem Blog behandle. Und hier ist mir auch erst beim Schreiben bewusst geworden, wie ich meinen Blog zur Physik entfalten müsste. Ich muss aber eben nicht, weil ich ja bloggen kann.

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