analog / digital (Digitalisierung II)


Mit den Ausdruck analog charakterisiere ich ein Art meines Referenzierens. Differenztheoretisch kann ich “analog” durch die Differenz zwischen analog und digital sehen, indem auf der Unterscheidungsseite des Analogen das als Digital Ausgegrenzte wiedereintritt, weil auch das Analoge auf einer Vereinbarung beruht, wobei das reentry natürlich durchläuft, weil die Vereinbarungen von analogen Symbolen die Analogie voraussetzen.

Als analog bezeichne ich Symbole, deren Referenzobjekte ich ohne explizite Vereinbarung erkennen kann. Insbesondere trifft das für Zeichnung und Modelle zu. Ich sehe, was gemeint ist. Wenn das Symbol ein Wort ist, sehe ich nicht, wofür es steht, ich muss – unabhängig davon, dass Zeichnungen und Wörter nicht dasselbe fingerreferenzeiren – die Vereinbarung für den Ausdruck kennen. Die einfachste Vorstellung einer Symbolvereinbarung besteht darin, mit dem Finger auf einen bezeichneten Gegenstand zu zeigen und das Wort zu sagen. Der Finger heisst in einer anderen Sprache “digit”, deshalb bezeichne ich diese vereinbarte Referenzierung als digital – unabhängig davon, dass Vereinbarungen fast nie durch Zeigen mit dem Finger passieren. Wer nur französisch oder englisch spricht, aber auch in der heutigen Welt lebt, weiss nicht, was ein bestimmtes deutsches Wort bedeutet, aber er kann das Referenzobjekt einer Zeichnung erkennen.

Ich erläutere die Unterscheidung noch etwas eingehender anhand der im Alltag als analog oder digital bezeichneten Uhren. Gemeinhin verfügt eine als analog bezeichnete Uhr über ein Zifferblatt und die dazugehörigen Zeiger. Von einer digitalen Uhr hingegen wird gesprochen, wenn die Zeit nur in Ziffern angezeigt wird.

Die Uhr mit Zeigern ist eine analoge Abbildung des näheren Weltraumes, in welchem die rotierende Erde um die Sonne rotiert. Der kleine Zeiger zeigt – mit proportionalem Mass – dynamisch, wo er und mit ihm sein Uhrträger auf der Erde relativ zur Erd-analogSonnen-Achse, welche durch die Achse Uhrmitte-(12-Uhr-Zeichen) symbolisiert ist, steht. Der grosse Zeiger zeigt lediglich genauer an, wo der kleine steht. Die Uhr repräsentiert die gemeinte Wirklichkeit sowohl statisch wie dynamisch, aber die gemeinte Wirklichkeit, also die in der Uhr quasi abgebildete Sache, ist eben keineswegs die Zeit. Die Zeit lässt sich nicht so abbilden. Dem Zifferblatt entspricht vielmehr der Raum der Gestirne, den Zeigerbewegungen die Bewegung der Gestirne. Die analoge Uhr ist also keine “Abbildung” der Zeit, sondern eine Abbildung der Erdbewegung, die ich in der Zeit wahrnehme. Die Analogie besteht (den meisten Uhrtägern nicht bewusst) darin, dass der Zeiger eine zur Bewegung des Uhrträgers analoge, das heisst sichtbar gleichartige Bewegung macht. Auf das sichtbar gleich werde ich später genauer eingehen.

Die analoge Uhr wird in der Tat oft digital gelesen, weil sie Zahlen oft auf dem Zifferblatt hat. Der naive Uhrleser meint dann, der Zeiger zeige auf die Zahlen. Der Zeiger zeigt aber, wo auf der Erde wir stehen und die Zahl auf den Zifferblatt – die nicht mehr oder weniger, sondern digital ist – dient nur dazu, dass ich einem andern sagen kann, wo der Zeiger gerade steht. Die Zahlen auf der Uhr dienen der sprachlichen Kommunikation über die Zeigerstellung. Um die Tages-Zeit – die ja auch etwas ganz anderes ist als Zeit – abzulesen, genügen die Zeiger und die Achsenmarkierung, was daran erkennbar ist, dass viele analoge Uhren gar keine Zahlen auf dem Zifferblatt haben.

Nachdem aber die analoge Uhr digital gelesen wird, kann ich sagen, dass es beispielsweise 5 Uhr ist. Die 5 muss aber per digit vereinbart sein. Und wenn man die 5 vereinbart hat, kann man die Uhr so bauen, dass anstelle der Zeiger die 5 erscheint, was eben bei der sogenannt digitalen Uhr der Fall ist.

Re-entry digital in analog

Als “re-entry” bezeichne ich eine Unterscheidung, die innerhalb der Unterscheidung wiederholt wird. Ich unterscheide analog und digital durch eine Notwendikeit zur Vereinbarung. Die vereinbarungslose “analog”-Seite der Unterscheidung kann ich
natürlich als implizite Vereinbarung sehen. “analog” verwende ich dann für die jeweils naheliegenste Vereinbarung, in welcher ich die sinnlich wahrnehmbare Form, die eine Zeichnung mit dem gezeichneten Gegenstand teilt als Vereinbarungsgrundlage verwende. Wenn jemand beispielsweise von Tieren Grundrisse statt Aufrisse zeichnet, wird die Problematik klar.

Re-entry analog in digital

Wenn ich vereinbart habe, dass ich Grundrisse zeichne, ist die Zeichnung auf einer nächsten Stufe wieder analog zum Gegenstand, das aber nur, weil ich weiss, was ein Grundriss ist und die Unterscheidung “sinnliche Form” kenne. Solche Re-entries ändern aber nichts an der Unterscheidung, die mitnimmt, dass ich jede Uhr zeichnen kann, aber nicht DIE Uhr, weil die Uhr kein Form hat. PS: Ausblick: Eine ganz andere Geschichte, die in diesem Blog auch noch kommen wird, beleuchtet dass “analog” im deutschen Sprachraum sehr häufig mit kontinuierlich gleichgesetzt wird, dagegen wird digital relativ selten mit diskret verwechselt.

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32 Antworten zu “analog / digital (Digitalisierung II)

  1. ich denke, ich werde mich dazu noch mal äußern. aus meiner sicht hat die unterscheidung digital / analog etwas mit BILDERN zu tun.

  2. in meiner Sicht mit Arten der Abbildung, wobei „Bild“ dann eine nicht sehr gut passende Metapher ist – ich bin gespannt auf Ihre Sicht.

    Und da es hier auch um „Digitalisierung“ geht, würde mich auch interessieren, wie Sie dann diesen Ausdruck verwenden

  3. Lieber Rolf Todesco,
    ich kann Ihnen in Allem nur zustimmen. Insbesondere das mit der analogen Uhr ist plausibel dargestellt – ein Wecker für gewohnheitsmäßig-schlampiges Verwenden von Begriffen, insbesondere von „digital / analog“.
    Ich möchte die Unterscheidung analog/digital noch etwas vertiefen und wäre gespannt darauf, zu erfahren, ob Sie mir folgen wollen / können.

    In beiden Fällen geht es um ein Rechnen oder um ein Verarbeiten von „Informationen“ (Un-terschieden) oder noch grundlegender: um Verarbeiten von Irritationen.

    DIGITAL operieren heißt dann: Rechnen mit „Dingen“, d. h. mit physisch Gegebenem, Wider-ständigeM, ResonanzfähigeM. Zuallererst sind es die Finger, mit denen Menschen rechnen; daher „digital“. Die Finger kommen aber auch noch auf eine zweite Weise in das (Sprach-)Spiel: die Dinge, mit denen wir rechnen, werden für uns zu Symbolen, d. h. sie tragen für uns ihre Be-deutung in sich selbst, die „deuten“ quasi auf sich selbst. Es ist dann scheinbar nur noch der Finger Gottes, der auf sie weist. In Wirklichkeit bildet sich die Bedeutung von Sym-bolen natürlich immer im Sprach-Spiel einer Beobachter-Kultur, hinter dem Rücken der Ak-teure (sie beruht also nicht auf „Vereinbarung“; die Verwendung dieses Begriffs in diesem Zusammenhang sehe ich nicht direkt als falsch, aber zum mindestens als irgendwie unglück-lich). Durch das Rechnen mit Dingen werden Algorithmen möglich, d. h. eine Folge von An-weisungen, die zur Lösung eines Problems führen. Es braucht nur noch ein physisches In-strument, das die Anweisungen realisiert, dann haben wir es mit TECHNIK zu tun.

    ANALOG operieren heißt: Rechnen mit reinen Relationen, mit (auszutestenden) äquivalenten (Variations-) Möglichkeiten, quasi ein In-der-Schwebe-Bleiben gegenüber körperlichen Formen („Geist“). Dadurch werden neuronale Netze möglich, die MIMETISCH (über Ähnlichkeiten) die Lücken füllen, die beim Rechnen mit Dingen zwangsläufig bleiben bzw. sich immer wie-der neu auftun.

    Wenn ich das nun in die Theorie lebender (autopoietischer) Systeme einführe, dann werden digitales bzw. analoges Rechnen als zwei unterschiedliche, nicht aufeinander reduzierbare, wohl aber aufeinander angewiesene (weil sich gegenseitig korrigierende) Operationsweisen erkennbar: Analog operieren heißt dann Öffnen der Grenze des Systems gegenüber einem unbestimmbaren Außen, sich Irritationen aussetzen und in Resonanz treten mit einer unbe-stimmbaren, aber möglichen Umwelt. Und digital operieren heißt: durch Schließen dieser Grenze Irritationen kompensieren.

    BILDER repräsentieren aus Sicht eines Beobachters die Einheit des Unterschieds zwischen digitalem und analogem Rechnen, d. h. zwischen körperlichen und geistigen Formen. Lebende System reproduzieren sich mittels Prozessierens innerer Bilder – sie besitzen sozusagen Ein-BILDungs-Kraft.
    Soweit in aller Kürze…

  4. auch sofort in aller Kürze, Ihre Ausführungen sind für mich zu kurz 🙂
    Ich sehe gut, dass Sie viel im Sinn haben, aber mir fehlen die ideellen Voraussetzungen (das muss Sie nicht kümmern, weil es ja nur mich betrifft oder mit R. Feynman gesagt, Kümmert Sie was andere Menschen denken?).
    In meinem restringierten Verständnis bin ich immer auf Bezug zu materiellen Artefakte angewiesen. Gerade deshalb brauche ich die Uhr zur Erläuterung von analog. Was Sie mit Rechnen und mit Information verabeiten meinen, ist mir noch ganz unklar (eben noch zu kurz dargestellt).

    Oder konkreter: ich kann in meinem Verständnis nicht digital operieren, weil ich digital nicht als Adverb verwenden kann.

    • mit Rechnen oder Er-Rechnen meine ich computare, d.h. zusammenstellen, ordnen, oder mit HvFoe: ‚jede ( nicht notwendig numerische) Operation, die beobachtete physikalische entitäten transformiert, modifiziert, ordnet.‘
      Lebende Systeme er-rechnen sich ihre Realität.
      Jedes Rechnen hat immer die beiden Aspekte, digital und analog. insofern stimmt es natürlich, dass man (Sie oder Ich) nicht digital oder analog aleine operieren kann.

      Ich schreibe gerade einen Text über die „bildende Kraft lebender Systeme“, ca. vier Seiten, der hoffentlich bald fertig wird. Wenn Sie wollen, schicke ich Ihnen den mal zu.

  5. ich möchte Ihnen (und allen anderen Leser/innen) einen Text von Sybille Krämer empfehlen, den ich sehr liebe. Da es hier um das Zeichnen, insbesondere von Diagrammen, geht, also um das Erstellen materieller Artefakte, liegt Ihnen das viellecht mehr.
    http://userpage.fu-berlin.de/~sybkram/media/downloads/Operative_Bildlichkeit.pdf

  6. ja, ich möchte Ihren Text gerne lesen, auch in einer Rohfassung

    Und ich kenne die Formulierungen von H. von Foerster, kann aber nichts damit anfangen, weil sie keine Artefakte ins Spiel bringen, dafür aber etwas über (sein) Gehirn sagen, was ich nicht nachvollziehen kann. Ich glaube oder vermute, dass das Gehirn als etwas Physikalisches gesehen wird, was sich einer technischen Beschreibung unterordnen soll (das ganze neuronale Zeugs, von dem ich schlicht keine Ahnnung habe)
    .
    Ich sehe auch nicht, inwiefern ich (falls ich ein lebendes „System“ wäre) eine Realität errechne (ich habe diesbezüglich H. von Foerster nie verstanden).
    Und ich meinte auch nicht, dass ich digitales und analoges Orientieren nicht (oder nicht hinreichend) unterscheiden könne, sondern dass ich digital – etwa wie tot oder rot – nicht als Adverb verwenden kann.

  7. nur zur warnung: ohne „filosofie“ geht es natürlich nicht ganz ab… 🙂

  8. den Aufsatz von S. Krämer haben Sie mir schon früher mal geschickt. Und für mich ist das zunächst tatsächlich nur filisofie, weil ich nicht verstehe, wovon sie spricht und auch nicht sinnvoll zurückfragen kann, weil sie nicht mit jedem Unverständigen diskutieren kann.

    Wenn ich einen Text von Ihnen bekommen, kann ich zurückfragen, bis das auch Ihnen zu blöd (aussichtslos) wird.

    PS: Im Text von S. Krämer kann ich keinen Verweis auf MATERIELLE Artefakte erkennen. Vielmehr sehe ich dort nur Geistiges, also etwa SICH ein Bild machen, aber nicht ein Bild mit Papier und Kohle, oder mit Leinwand und Oelfarbe herstellen.

    • Lieber Rolf, haben Sie denn eine Ahnung oder ein Bild von dem, was ich mit dem Unterschied zwischen „Rechnen im Medium von Dingen“ und „Rechnen im Medium reiner Relationen“ (in meinem Verständnis: digital bzw. analog) meinen könnte?
      Ich habe Probleme, Ihr Nicht-Verstehen zu verstehen. Ich habe manchmal den Eindruck, Sie haben durchaus „verstanden“, Sie weigern sich nur, das auch zu sagen, solange ich Ihnen kein materielles Artefakt bieten kann.
      Wie können Sie denn „Autopoiesis“ verstehen? Das ist doch ein Konstrukt eines Beobachters, eine nicht-triviale Maschine, die kein Konstrukteur der Welt, auch nicht mit dem mächtigsten (analogen oder digitalen) Computer zeichnen oder konstruieren könnte.
      In anderen Worten: autopoietische Systeme sind nicht herstellbar, ich kann nicht mit dem Finger auf sie zeigen, ohne die Einbildungskraft eines Beobachters zu Hilfe zu nehmen.

  9. Lieber Franz, Sie haben mich ziemlich gut verstanden. Ich habe in der Tat Ahnungen darüber, was gemeint sein könnte. Ahnungen haben ist für mich etwas ganz anderes als verstehen.
    Autopoiesis ist für mich ein Quasisynonym für Nicht-Verstehen. Von Autopoise spreche ich, wenn ich sagen will, dass ich die Ereignisse prinzipiell für nicht verstehbar halte, und zwar genau deshalb, weil ich keinen konstruktiven Hersteller erkennen oder mir vorstellen kann.

    Es gibt einen für mich wichtigen Übergang, den ich als Selbstorganisation beobachte. Ich kann nicht verstehen, was im Laser passiert, aber ich kann Laser produzieren und spreche deshalb dabei nicht von Autopoiese.

    Dass Bebachter etwas konstruieren, halte ich für eine mutwillig ungenaue oder quasireligiöse Redeweise, wenn nicht gesagt wir, was Beobachter konstruieren. Ich konstruiere weder die Welt noch die Autopoiesis. Ich konstruiere ausschliessliche Erklärungen. Und dabei gelange ich an einen Punkt, den ich dann durch Autopoiesis bezeichne, weil ich nichts mehr erklären kann. Verstehen heisst für mich eine Erklärung zu haben, was in keiner Weise bedeutet, dass diese Erklärung irgendwie richtig ist oder von anderen geteilt werden muss.

    Zu „Rechnen im Medium von Dingen, resp von reinen Relationen“ habe ich sehr diffuse Ahnungen. Medium und Ding sind Wörter für Sachen, die ich nicht bezeichnen kann, Rechnen und Relationen sind Wörter, die ich in Bezug auf formale Spiele verwende. Ich hoffe, Sie sehen jetzt noch deutlicher, dass Sie mich gut getroffen haben.

    • ja gut, jetzt verstehe ich Sie besser und wir scheinen gar nicht weit von einander entfernt zu sein. ich drücke mich nur etwas anders, konventioneller aus.
      Ein Phänomen (z.B. Autopoiesis) zu erklären, heißt für mich (ich folge da Maturana), anderen Beobachtern (z.B. Ihnen) einen begrifflichen oder konkreten Mechansimus vorzuschlagen, der das Phänomen hervorbringt.

      Der Mechanismus, den Maturana für Autopoiesis vorschlägt, ist aus meiner Sicht erst einmal nicht so schrecklich überzeugend. Zwei Punkte würden ihn meiner Meinung nach überzeugender machen; das ist zum einen in der Tat der Punkt Selbstorganisation, ich spreche lieber von dissipativen Strukturen. Solche Strukturen gewinnen – wenn bestimmte Randbedingungen gegeben sind – eine gewisse Unabhängigkeit von ihrer Umgebung. Lebende Systeme schaffen sich diese Randbedingungen selber, indem sie eine verlässliche Resonanzbeziehung zu ihrer Umwelt („Nische“) aufbauen und bewahren. Sie tun das (und das ist der zweite Punkt), indem sie in einem primären Regelkreis (nämlich einer rekursiv-zirkulären Verknüpfung von Motorik und Sensorik) die Grenze zu ihrer Umwelt öffnen und schließen und indem sie in einem sekundäfen Regelkreis den primären noch einmal öffnen und schließen.
      Das würde dann, etwas weiter ausgeführt, auch die „bildende“ Kraft (oder Einbildungskraft) lebender Systeme in die Erklärung einbeziehen. Dazu gehört dann auch, dassein Beobachter Einbildungskraft benötigt, um Autopoiesis zu verstehen. MIt zweiwertigem Denken (etwas IST oder IST NICHT, tertium non datur) lässt sich Autopoiesis nicht verstehen.

      o.k. aber das ist jetzt so stark verkürzt, dass es Sie wohl nicht überzeugt…

  10. hmmm … ich muss lächeln, weil ich mich nur etwas anders ausdrücke, dabei aber – dia logos (durch die Wahl des Ausdruckes) – die einzige Entfernung oder Nähe erkennen kann. Es geht mir in diesem Sinne nicht darum, wie ähnlich oder verschieden wir meinen, glauben, wahrnehmen, sondern darum wie ähnlich oder verschieden wir formulieren, zur Sprache bringen, im engeren Wortsinn also beobachten, durch die Wahl der Unterscheidungen und deren Bezeichnungen.
    Meine Ahnungen sagen mir schon, dass wir nicht sehr verschieden denken, aber unsere expliziten Beobachtungen sind in vielen Hinsichten einfach anders. Ich meine auch nicht, dass wir das ändern müssten, sondern ich beobachte, dass es mir hilft, mein Beobachten genauer zu beobachten, wenn andere Menschen ihre je eigenen Beobachtungen möglichst genau darstellen. Sozusagen: Es lebe die Differance oder etwas altmodischer, aber deutlicher die Dialektik.

    Als „Erklärung“ bezeichne ich differenztheoretisch eine Differenz zwischen etwas erklären und jemandem etwas erklären. Erklären hat einen rezeptiven Komplementärbegriff: verstehen. Erklärungen, mit welchen ich MIR SELBST etwas erkläre, sind systematische Beschreibung von Mechanismen (die ich in genau diesem und keinem anderen Zusammenhang als System bezeichne), die ich zur Erzeugung derjenigen Phänomene verwenden kann, die ich erklären will.
    Anderen Menschen erkläre ich nichts, ich zeigen ihnen – hier als Ihnen – was ich MIR wie erkläre.

    Bei H. Maturana finde ich keine Erklärung für die Autopoiesis. Ich habe ja schon geschrieben, dass ich diesen Ausdruck für das Nichterklärbare verwende und genau so lese ich auch H. Maturana.

    Dissipative Strukturen sind für mich das Resultat von Selbstorganisation, wobei ich aber im Sinne der Erfinder mit M. Faraday an Kerzenflammen oder mit H. Haken an Laserstrahlen denke. Autopoiese besagt dann – hier habe ich eine Ahnung von dem was Sie sagen – dass bestimmte dissipative Strukturereignisse – vom Beobachter wahrnehmbar – Umwelt einbeziehen. In der Theoriesprache bezeichne ich das als operationelle Koppelung. Ich meine damit aber nicht, dass ein bestimmter Einzeller eine ihm passende Nische sucht, sondern dass ICH alb Beobachter wahrnehme, dass die dissipative Struktur „Einzeller“ sich auf von mir beobachtete Licht- oder Zuckerquellen zubewegt. Ich würde – dia logos – nie sagen, dass sich ein Einzeller, zweifellos ein Lebewesen, eine Nische aufbaut oder auch nur eine solche erkennen kann.

    Die Autopoises sehe ich – ernst: SEHE ICH – als Komplement zur Kybernetik. Es ist die Kybernetik, die sich mit Motorik und Sensorik und Regelkreisen befasst. Es gibt aber sehr wenige Beobachter, die die Kybernetik ernst nehmen. Es ist das ausserordentliche Verdienst von L. von Bertalanffy, dass Kybernetik praktisch ausgestorben ist, weil er – etwas gleichzeitig – die offenen Systme eingeführt hat, und die Kybernetik als mechanische Wissenschaft diffamierte.

    Kybernetische Systeme sind operationell geschlossen, weil sie nur so als Erklärungen taugen. Sie sind informationsdicht. Die bildende Kraft oder die Einbildungskraft, die ich an mir selbst erlebe und erfahre, gehört zur Autopoiesis. Ich muss mich in keiner Weise als offenes System verstehen, um mir meine Einbildungen mit aller Kraft einzubilden.

    Und indem ich Ihnen hier SO antworte, realisiere ich wie verschieden wir – dia logos – sprechen. Ich will weder überzeugen noch überzeugt werden. Ich suche meine je eigene Sprache und Sie helfen mir dabei sehr, wo Sie ihre Sprachen entfalten. Herzlichen Dank.

    • In meiner Terminologie hat der Begriff „Erklären“ zwei Stufen. Auf der ersten Stufe schlage ich als Beobachter einem anderen Beobachter (der ich auch selbst sein kann) einen Mechanismus vor, von dem ich behaupte, dass er das Phänomen hervorbringt. Im zweiten Schritt wird der Mechanismus von dem anderen Beobachter entweder begrifflich oder konkret verwirklicht und er entscheidet, ob das Phänomen nun erklärt ist.

      Ich glaube übrigens, dass Maturana den Anspruch hat, Autopoiesis erklärt zu haben. Ob er das tatsächlich tat, bezweifle ich. Denn in seinem Erklärungsvorschlag kommt die bildende Kraft nicht vor, zum mindesten nicht explizit. Und die ist aus meiner Sicht aber wesentliches Element des Autopoiesis-Mechanismus (was Sie, wenn ich Sie richtig verstehe, nicht so sagen würden).

      Übrigens gehört zu JEDER Erklärung Einbildungskraft. Auch zur Erklärung trivialer Maschinen.

      Ich meine wie Sie nicht, dass ein lebendes System (ob Einzeller oder nicht) sich eine passende Nische sucht oder sich eine solche aufbaut. Vielleicht habe ich mich da ungenau ausgedrückt. Das System weiß selbst nichts von einer Nische. Nur der Beobachter sieht das System im Austausch mit seiner Nische. Die Schwierigkeit, über der ich in dem besagten Text gerade brüte, liegt darin, diesen Prozess der operationellen Koppelung korrekt zu beshreiben. Eigentlich geht es hier um Ko-Produktion von System und Nische; eines existiert nicht ohne das andere. Begriffe wie Resonanz, Rhythmus und bildende Kraft werden hier wichtig, aber die sind in der Systemtheorie bisher unbekannt.
      Erst neulich konnte der Peter Fuchs in einer Diskussion, die ich mit ihm im Systemagazin-Blog hatte, mit dem Begriff der bildenden Kraft überhaupt nichts anfangen.

  11. in einem narrativen Sinn gehen Kybernetik (H. Maturana, oft sehr lax) und die Luhmannsche Systemtheorie einfach nicht zusammen, was die Herren Maturana und Luhmann gemeinsam entdeckten, nachdem N. Luhmann viel Wörter von H. Maturana übernommen aber ganz neu gedeutet hat. Ich mache mir die Sache in diesem Sinne leicht und lasse alles von N. Luhmann und P. Fuchs einfach ausser Acht.

    Wo H. Maturana von einem Mechanismus spricht, nehme ich ihn kybernetisch wörtlich. Ich verlange also eine mechanische Konstruktion, die wo sie nur beschrieben oder nur begrifflich ist, auch hergestellt werden können muss.
    Mein Standardbeispiel ist das Neuronale Netzwerk, also ein ganz gewöhnlicher Computer. Oft wird dieser Mechanismus bemüht, wenn Denken oder Wahrnehmen erklärt werde soll. Und ebensooft ist das reinster Unsinn.

    Nun ist mir ganz unklar, wie ich eine bildene Kraft oder Einbildungskraft in eine Erklärung bringen könnte (was ja auch bei H. Maturana eben fehlt).
    Als Beobachter bin ich mir meiner bildenden Beobachtungskraft und meiner Einbildungen absolut bewusst, aber ich sehe nicht, wie das in eine Erklärung eingehen könnte oder sollte.

    Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich als Beobachter beim Erklären immer schon ein Phänomen voraussetze, ohne das ich gar nichts erklären müsste. Das Phänomen beruht zweifelslos auf meiner Einbildung, aber in der KYBERNETISCHEN Erklärung spielt die Einbildung keine Rolle mehr.

    Vielleicht befassen wir uns mit sehr verschiedenen Phänomenen, ich betrachte (mit H. Maturana) nur solche, die ich kybernetisch klären kann.
    Autopoiesis gehört da ganz sicher nicht dazu. Wieso denken Sie, dass H. Maturana die Autopoise erklären wollte?

    • „Nun ist mir ganz unklar, wie ich eine bildende Kraft oder Einbildungskraft in eine Erklärung bringen könnte (was ja auch bei H. Maturana eben fehlt).“

      Für mich (ebenso wie für Maturana, wenn ich ihn richtig verstehe) genügt es für eine Erklärung, wenn der Mechanismus BEGRIFFLICH konstruiert, d. h. vorgeschlagen und nachvollzogen wird; eine anfassbare, konkrete Konstruktion ist dazu nicht unbedingt nötig. Allerdings braucht es dann die bildende Kraft bzw. die Einbildungs-Kraft als Element der Konstruktion; in der anfassbaren Konstruktion wird sie unsichtbar, sinnlich nicht mehr wahrnehmbar; sie wird zum „Geist“ oder zum „Bewusstsein der Maschine“ (vielleicht ist es das, was Gotthard Günther meinte).

      Die Elemente eines Systems entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit (Ko-Produktion). Ich unterscheide (in Anlehnung an Spencer-Brown) fünf Elemente: 1. das (selbstreferenziell operierende) System; 2. seine Umwelt (Nische); 3. die Grenze zwischen beiden; 4. den unbestimmten und unbestimmbaren Hintergrund, der dadurch geöffnet wird und der das erst möglich macht; und schließlich 5. das fortlaufende „perfekte“ Wiederauftauchen des Hintergrunds im System, und zwar als „Bild“. Bilder stellen das Unendliche, Unbegrenzte, bloß Relationale in endlicher, begrenzter, anfassbarer Form zur Verfügung, aber nur für Beobachter – qua Einbildungs-Kraft.
      Es ist primär die EK, der bewusste Umgang mit ihr, und nicht unbedingt die Sprache, die uns Menschen von der Tierwelt unterscheidet.
      Mit dem Prozessieren von Bildern kann sich der Beobachter (als lebendes System) (s)eine Wirklichkeit errechnen, weil es erlaubt, die Grenze zwischen dem System und seiner Umwelt zu „untertunneln“, also ohne sie zu kreuzen.

      Ähnlich (analog) dazu bestehen komplexe Zahlen aus einem reellen und einem imaginären (eingebildeten) Teil. Damit lassen sich konkrete Probleme lösen (z. B. in der Elektrotechnik, da kennen Sie sich besser aus als ich), immer dann, wenn es um komplexe rhythmische Prozesse geht, z. B. beim Zusammenwirken elektromagnetischer Felder (kann man das so sagen?).

      all das wiederum in aller Kürze; mehr und Genaueres in dem Text, den ich Ihnen gerne schicke.

      • interessant. Ja, in der anfassbaren Maschine – beispielsweise im PC, auf welchem ich hier schreibe – kann ich die Konstruktion nicht erkennen. Aber natürlich kennt der Konstrukteur die Konstruktion und könnte sie begrifflich reproduzieren. Es gibt keine unverstandene Maschinen, auch wenn ich die wenigsten der Maschine, die ich anfassen kann selbst verstehe.

        Umgekehrt gibt es keine begriffliche Konstruktion, die ich nicht als Plan zur Herstellung einer anfassbaren Maschine verwenden kann. Wenn ich – oder ein entsprechend geschulter Mensch – die begriffliche Konstruktion nicht materiell herstellen kann, ist es keine Konstruktion, sondern ein Hirngespinst.

        Und mit G. Spencer-Brown habe ich persönlich ziemlich lange darüber gesprochen, um sicher zu sein, dass er ausschliesslich Mathematik meinte und sonst gar nichts. Alle Interpretationen aus der Luhmannschule findet er lächerlich. Das macht natürlich diese Interpretationen weder gut noch schlecht, schlecht ist nur, wenn die Differenz zwischen der Mathematik und der Interpretation nicht explizit gemacht wird. Luhmann hat das bei fast allem, was er herbeizitiert hat, vermieden.

        Die komplexen Zahlen ermöglichen bestimmte Perspektiven auf Relationen, die ohne diese Hilfskonstruktionen nicht beschrieben werden können – etwa wie die Infinitesimalrechnung die Zenonpardadoxie umgehen hilft. Die Infinitesimalrechnung akzeptiere ich aber nicht, weil sie in irgendeiner Weise logisch wäre, sondern weil sie mir möglich macht, ganz bestimmte Phänomene quantitativ sinnvoll zu beschreiben. Zenon hat mit seinen Paradoxien die Beschreibungsaufgabe gestellt und gezeigt, dass die Logik des Bruchrechnens nichts hilft. Am Anfang steht dabei ein Phänomen, nicht eine Lösung.

        Das ist, was N. Luhmann umgekehrt hat. Er hat vorgeschlagen, Probleme zu suchen, die zu gegebenen Lösungen passen. In der Elektrotechnik gibt es keine Probleme, die mit komplexen Zahlen oder mit Infinitesimalrechnung gelöst werden können. In der Elektrotechnik fliesst immer elektrischer Strom, da helfen Zahlen gar nichts. Aber beim Beschreiben von bestimmt gewählten Phänomenen, die ich dann benennen kann, helfen diese mathematischen Krücken.

        Elektrotechnik besteht aus anfassbaren, materiellen, mechanischen Konstruktionen (sofern Sie das Wort nicht für etwas ganz anderes verwenden. Ich bin mir bewusst, dass viele Menschen hier mit Information als etwas, was weder Materie noch Energie sein soll, argumentieren. Das sind allerdings ausnahmslos Argumentationen, die Lösungen beschreiben, die nicht herstellbar sind, sozusagen Reingeistiges – und für die auch niemand Phänomene kennt, die geklärt werden müssten.

        Huch ich bin wie oft etwas abgedriftet. Meine Frage wäre, welches Phänomen ich mit Einbildungskraft erklären würde und wie die EK in einem Mechanismus erscheinen würde.

        • „Wenn ich (…) die begriffliche Konstruktion nicht materiell herstellen kann, ist es keine Konstruktion, sondern ein Hirngespinst.“
          Ist denn die Einbildungskraft für Sie ein Hirngespinst? Ist sie denn nicht die größte Produktivkraft, die wir kennen?
          Wie Sie sicher schon gemerkt haben, gehört für mich der Wieder-eintritt des Systems in das System (als 5. Element) zur Beschreibung eines lebenden Systems unabdingbar dazu. Und damit kommt der Beobachter mit seiner Einbildungs-Kraft ins Spiel; mit seinem Motiv, das Phänomen „Lebewesen“ zu erklären und zu verstehen.
          „Autopoiesis“ ist für mich eine bestimmte Art, Lebewesen zu beobachten. Es ist die einzige, mit der wir uns nicht den Boden unter den eigenen Füßen wegziehen. Es gibt auch andere, weniger lebensfreundliche Beobachtungsweisen; und ich setze mich dafür ein, dass sich die Maturana’sche sich durchsetzt.

  12. Ich müsste wohl eher sagen, dass Maturana das Phänomen „lebende Systeme“ mit dem KOnzept der Autopoiesis erklären möchte.
    „Das Konzept der Autopoiese (…) soll (..) erklären, dass alle Phänomene lebender Systeme aus dem Wirken der molekularen Autopoiese (…) hervorgehen.“ (Maturana, Was ist Erkennen, 2001, S. 168)

    Für mich gehen Maturana und Luhmann durchaus zusammen, ich arbeite daran, das zu zeigen.

  13. D. Bohm hat argumentiert, dass A. Einstein und N. Bohr – wenn sie nicht je so blödsinnig auf ihren Konzepten bestanden hätten – einen gemeinsamen Dialog gefunden hätten und so der Entwicklung des menschlichen Wissens viel geholfen hätten. Haben sie aber nicht, sie haben gestritten. Genau wie H. Maturana und N. Luhmann. Sie haben je eigene – unverträgliche – Schulen gegründet.

    Die zitierte Textstelle von H. Maturana zeigt mir vor allem, dass er eine begrifflich sehr laxe Sprache verwendet hat. Ich nehme an, dass das der Grund ist, warum er in der Biologie weitesgehend unbekannt ist (ausser bei Biologen, die alt geworden sind und sich lieber mit Philosophie als mit Biologie befassen).

    Ich habe an keiner Stelle in den mir bekannnten Texten von H. Maturana erkennen können, dass er an der Funktionsweise der Autopoiese interessiert gewesen wäre. Vielmehr „erklärt“ er mit Autopoiese immer, was er nicht erkären kann. (Das hat ihm nebenbei bemerkt auch N. Luhmann vorgeworfen, ich habe die Textstelle nur gerade nicht zur Hand)

    Aber was D. Bohm meines Erachtens nicht geleistet hat, nämlich die beiden Physikschulen zu vereinen, kann vielleicht noch geleistet werden. Uns ebenso vielleicht können Sie H. Maturana und N. Luhmann unter einen Hut bringen.

  14. Nein, ich meine NICHT, dass Einbildungskraft ein Hirngespinst ist. Ich meine das Einbildungskraft KEINE Konstruktion ist. Ich habe Konstruktionen und Hirngespinste unterschieden.

    Das re-entry ist eine spezifische Aufhebung der Paradoxie. Bei G. Spencer-Brown steht es dafür, dass die Boolsche Algebra als Beschreibung nicht hinreichend ist. Das wird in der klassischen Mathematik bis heute einfach ignoriert. G. Spencer-Brown hat aber auch keinen Beitrag zu einer brauchbaren Mathematik geleistet, sein re-entry spielt in der Mathematik keine Rolle, kaum ein Mathematiker kennt den Namen von G. Spencer-Brown. Ein paar Mathematiker haben seine Notation untersucht und gezeigt dass sie funktioniert, aber das re-entry spielt dabei wiederum keine Rolle.

    Das re-entry, wie es bei D. Baecker in Anknüpfung an N. Luhmann entwickelt wurde, ist eine Lösung zu welcher das Problem als Paradoxie formuliert wird. Die Luhmannschule will nichts erklären, das scheint mir der wesentliche Unterschied zu H. Maturana, der eher konventionelle Wissenschaft in Form der Kybernetik betreibt, also gerade keine Paradoxien kennt.

    Und mein relatives Unverständnis betrifft Ihre Redeweise „Lebewesen als Phänomen“. Ich verstehe nicht, was genau sie dabei als Phänomen bezeichnen und mithin auch nicht, was Sie erklären wollen. Soweit ich Sie verstehe, geht es Ihnen nicht darum, wie Einzeller in der Ursuppe entstanden sind. Das sind bei H. Maturana aber die Prototypen des „Lebewesen“. Ich nehme an, dass Sie vielmehr den Beobachter meinen, aber sicher bin ich mir nicht.

    Zu meiner restringierten Auffassung gehört eben auch, dass ich das Phänomen genau beschreibe. H. Maturana spricht in diesem Zusammenhang – lax wie immer – von einem ErklärungsSYSTEM, er beschreibt aber kein System, sondern ein 4-stufiges, rekursives Beobachter-Verfahren:
    1. Beschreibung eines Phänomens
    2. Explikative Hypothese: ein erklärender Mechanismus
    3. Ableitung zusätzlicher Phänomene
    4. mit den neuen Phänomenen zurück zu 1.

    Damit soll insbesondere das Phänomen präzisiert werden. N. Luhmann interessiert dies Kybernetik nicht, und deshalb sehe ich auch nicht, wie er mit H. Maturana versöhnt werden könnte. Aber HIER geht es mir darum, dass ich Sie und Ihre Phänomene besser verstehen möchte. Was meinen Sie, wenn Sie das Lebewesen als Phänomen bezeichnen?

    • Wie unterscheiden Sie dann Einbildungskraft von Konstruktionen einerseits und von Hirngespinsten andererseits?
      Was mich auch noch interessiert: wenn ich Sie richtig verstehe, kann es für Sie keine biologischen, psychologischen oder soziologischen Erklärungen geben, weil sie nicht als materielle Konstruktionen gezeigt werden können. Sehe ich das richtig?

      Wenn ich von lebenden Systemen oder von Lebewesen spreche, dann beziehe ich mich auf den Einzeller ebenso wie auf den Beobachter (als menschliches, mit einem Körper ausgestattetes Wesen).
      Mich interessiert,
      a) was Beobachter und Einzeller gemeinsam haben (welches Muster sie verbindet), was sie aber auch unterscheidet und
      b) was alle Lebewesen mit nicht belebter Natur (seien es natürliche dissipative Strukturen oder Roboter) verbindet und was sie unterscheidet.

      Damit ist aber eigentlich auch schon das umschrieben, was ich mit dem Phänomen „Lebewesen“ meine. Dazu gehört auch eine Art Staunen über das Leben, die Frage, wie es denkbar und möglich ist, dass etwas sich auf sich selbst bezieht.

  15. gut, wir werden konkreter, das hilft mir.
    Ich unterscheide Konstruktionen und Hirngespinste. Als Konstruktionen bezeichne ich funktionierende Mechanismen, etwa meinen PC, auf welche ich das hier schreibe. Als Hirngespinst bezeichne ich vermeintliche Mechanismen, die niemand herstellen kann, etwa Zeitmaschinen oder das Beamen von Materie wie es Startrek und anderen Sciencefictions gezeigt wird.

    Einbildungskraft ist weder das eine noch das andere, sondern ein psychologisches oder philosophisches Erklärungsprinzip (gemäss G. Bateson wie etwa Instinkt).

    Ich kann einem anderen Beobachter im umgangssprachlichen Sinn „erklären“, welche Unterscheidungen ich verwende. Dabei mache ich keine Erklärungen, sondern kläre ein sprachliches Verhältnis. Das ist das, worum wir uns hier bemühen.

    Beispielsweise bezeichne ich Einzeller und Menschen als „Lebewesen“ im biologischen Sinn. Aber Beobachter gehören in diesem Sinn nicht zu den Lebewesen, sondern beruhen auf einer nicht biologischen Perspektive. Das ist, was H. Maturana und N. Luhmann im Zentrum trennt. Und indem ich das hier so schreibe, „erkläre“ ich Ihnen, welche Kategorien ich verwende, aber ich erkläre damit kein Phänomen und beschreibe keinen Mechanismus. Wir können so eine Semantik vereinbaren, wenn es denn gelingt.

    Ich verstehe nicht, wieso sie Beobachter als Lebewesen bezeichnen. Ich spreche so darüber, dass Beobachter Menschen sind, weil – soweit ich weiss oder sehe – nur Menschen beobachten. Menschen sind Lebewesen, aber mit der Kategorie des Beobachtens bezeichne ich – durchaus in Anlehnung an N. Luhmann – den Prozess, der der sprachlichen Kommunikation zugrunde liegt (Unterscheiden und Bezeichnen). Dass Beobachten kein Aspekt des Lebewesens ist, zeigt sich darin, dass die meisten Lebewesen nicht beobachten und trotzdem leben.

    Ich kann deshalb nicht rational oder plausibel fragen, was Beobachter und Einzeller gemeinsam haben, weil mir der Oberbegriff fehlt. Ich kann gut fragen, was Menschen und Einzeller gemeinsam haben.

    Ich kann Lebewesen auch nicht mit Robotern vergleichen. Vielmehr sage ich, dass Lebewesen autopoietische und Roboter allopoietische Mechanismen oder Systeme sind. Dabei führe ich den abstrakten Begriff „System“ als Oberbegriff ein, und kann sagen, wie ich autopoietisch und allopoietisch unterscheide. Und indem ich dann die verschiedenen Systeme beobachte, zeige ich, welche Kategorien ich beim Beschreiben von Systemen verwende.

    Soweit ich sehe, teilen wir bezüglich der Systeme die Kategorien Sensor und Motor, die zusammen bestimmte Verhaltensweisen erklären. Bei Robotern sind Sensoren und Motoren Teile der materiellen Konstruktion, die meine Abstraktionen begründen, die ich auch verwende, wenn ich – um N. Wiener zu ziteren – das Verhalten von tierische Körpern beschreibe.

    Und dann auf Ihren Schlusspunkt gebracht: Denkbar und möglich bin ich selbst, weil es mich gibt. Denkbar und möglich ist, dass ich mich mit ich und mich auf mich beziehe, weil ich das tue. Aber dafür eine Erklärung suchen, kann ich nicht, weil ich weder denkbar noch möglich finde, dass es dazu Erklärungen geben könnte.

  16. Lieber Rolf,
    von Ihrem Standpunkt aus muss „Einbildungskraft“ (EK) wohl folgerichtig als Erklärungsprinzip erscheinen. Von meinem Standpunkt aus betrachtet sieht das ganz anders aus; wenn mir jemand nachwiese, dass ich diesen Begriff als Erklärungsprinzip gebrauche, dann würde ich einpacken und mich anderen Dingen widmen.

    Für mich ist EK die (immer wieder neu zu reproduzierende) Fähigkeit von Menschen, Bilder zu prozessieren und sich so biologisch, psychisch und sozial als Mensch zu reproduzieren.
    Bilder stellen für Beobachter die Einheit von REAL GEGEBENEM („Dingen“) und MÖGLICHEM (Relationen) dar — „darstellen“ im doppelten Sinn: transitiv und intransitiv. EK ist die Fähigkeit, beides zu unterscheiden und wechselseitig aufeinander zu beziehen.
    Bilder prozessieren (= EK) heißt, im Medium „SINN“ zu operieren.

    EK ist RESULTAT VON ebenso wie VORAUSSETZUNG FÜR die zweifache Natur des Menschen, nämlich Biologie einerseits und Kultur / Gesellschaft andererseits. Das Muster, das beide „Naturen“ verbindet, ist das Prozessieren von Bildern, also EK. EK ist Ausdruck dessen, was es heißt, Mensch zu sein.

    G. Bateson sagt: das Muster, das verbindet, sei ein „Un-Ding“; wir müssten es uns eher wie einen Tanz vorstellen. In der Tat mussten die ersten Menschen sich ihr Mensch-Sein buchstäblich fortlaufend er-tanzen. Nach Erfindung von Wort-sprache und Gesellschaft war das dann nicht mehr unbedingt nötig, Gesellschaft trat ihnen scheinbar objektiv gegenüber (das ist es übrigens, was bei Maturana fehlt).

    Menschen sind aus meiner Sicht BEOBACHTENDE lebende Systeme (ähnlich auch Maturana: „Ein Beobachter ist ein menschliches Wesen, ein lebendes System, das Unterscheidungen treffen kann“). Mich interessiert, wie das denk-bar und möglich ist.
    EK ist als Potential bereits in den einfachsten lebenden System angelegt, als „bildende Kraft“. Diese bildende Kraft lässt sich als ein Sensorik und Motorik rekursiv-zirkulär verbindender Mechanismus beschreiben.
    „Bildende Kraft“ ist das Muster, das beobachtende und nicht-beobachtende lebende Systeme verbindet und von nicht-lebenden Systemen unterscheidet.

  17. hmmm … Sie heben einen für mich sehr wichtigen Punkt hervor: Von Ihrem Standunkt versus von meinem Standpunkt. Im Dialog (dia logos) geht es mir darum zu erkennen, was von welchem Standpunkt aus gesehen werden oder hier formuliert werden kann. Genau so habe ich den Radikalen Konstruktivismus von E. von Glasersfeld verstanden. Jede Sicht und jede Wahl der Beobachtung ist standpunktabhängig. Wir müssten also zur selben Zeit an demselben Ort stehen, was nicht möglich ist. Möglich ist aber ohne weiteres, dass ich höre und lese, wie die Welt von einem andern Standpunkt aus gesehen werden kann.

    Mit dem Wort „Kraft“ – insbesondere wie es in der Physik verwendet wird – bezeichne ich tatsächlich ein Erklärungsprinzip. Ihre „Einbildungskraft“ kann ich aber noch auseinander nehmen, die Kraft und die Einbildung also trennen. Die Einbildung ist dann, das Bild, das ich wahrnehmen kann.

    Sie schreiben Kraft ist Fähigkeit (ich lese Kraft = Fähigkeit). Dann würde ich dagegen von einer Einbildungsfähigkeit sprechen und Kraft weglassen, weil ich Kraft mit Physik assoziziere, Fähigkeit dagegen viel mehr mit etwas, was Menschen zukommen kann. Und ja, ein Stück weit kann ich, habe ich die Fähigkeit zwischen wirklichen und möglichen Bildern zu unterscheiden – allerdings recht beschränkt, wo ich nicht auch Autor dieser Bilder bin.

    Beispielsweise finde ich Ihre Formulierung „Nach Erfindung von Wort-sprache und Gesellschaft“ sehr spannend. Sozusagen ein Bild einer Möglichkeit Ihrer Einbildungsfähigkeit. Ich kann – von meinem Standpunkt aus – nicht ernsthaft sagen, dass die Wortsprache eine Erfindung ist, für welche ich ein Davor und ein Danach unterscheiden kann. Noch genauer, ich könnte das nicht einmal als Möglichkeit denken, wenn ich das jetzt nicht müsste, weil Sie es ja so formulieren.

    Wo N. Luhmann jeweils von Prozessieren oder Operieren im Medium Sinn spricht, lese ich – weil ich nicht anders kann – von Operieren im Sinnlosen (was nicht Un-Sinn meint). Neuenglisch gesagt, ES MACHT für mich keinen SINN ein Medium Sinn zu postulieren, es erinnert mich an die Hilflosigkeit jener Physik, die ein Aether postulierte.

    Da wir jetzt aber schon sehr weit fortgeschritten sind, erlaube ich mir, Ihre Sprache zu beobachten. Sie schreiben „… Kraft lässt sich als … Mechanismus beschreiben“. In allen mir bekannten Konventionen wird Kraft für etwas verwendet, was Mechanismen ANTREIBT, also gerade nicht für Mechanismus. Das aber ist eine Beobachtung von meinem Standpunkt, ich bin mir sehr bewusst, dass ich Ihre Formulierung bei ganz vielen Philosophen wie Maturana, Bateson oder Luhmann auch finden könnte. Ich lese solche Formulierungen als unbewusst erzeugte Paradoxien, die darauf beruhen, dass es um das GEMEINTE nicht um das GESAGTE geht.

    • Ich habe mir auch überlegt, ob „Kraft“ hier das richtige Wort ist, bin aber dabei geblieben, weil ich die bildende Kraft ja letztlich auf physische Kräfte beziehe (Entropie, dissiptaive Strukturen)

      Ich hätte „Erfindung“ von Sprache etc. eigentlich in Anführungszeichen setzen müssen, ich sehe das genauso wie Sie.

      Dass im Medium „Sinn“ operieren eigentlich eine Luftnummer ist, sehe ich auch so. Es sei denn man erkennt an, dass Sinn immer an konkrete Dinge geheftet ist. Eben das macht ja das Potential der Bilder aus.

  18. Lieber Franz ich danke Ihnen für diesen Dialog, der mir dient(e), mir meiner Selbst bewusster zu werden, in dem ich einige implizite Zusammenhänge explizit formulieren durfte. Mir geht es um eine möglichst konsistente Sprechweise (dia logos) und damit verbunden, zu erkennen, wo und wie andere Menschen anders sprechen.
    Ich freue mich auf Ihren Artikel.

  19. Lieber Rolf, danke, mir geht es ganz genauso.

    Noch kurz zu Ihrer Anmerkung, dass ich Kraft als Mechanismus beschreibe. Diese Redeweise ist für mich Ausdruck dessen, dass ich lebenden Systemen „bildende Kraft“ zuschreibe, sie ziehen sich, wie Münchhausen, quasi am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Unbestimmbaren.
    Übrigens unterscheidet bereits Kant – 200 Jahre vor Maturana – allopoietische von autopoietischen Maschinen (wenn auch in anderen Worten); letzteren schreibt er „bildende Kraft“ zu (§ 65 Kritik der Urteilskraft, leicht zu er-googeln).

    eigentlich wollte ich hier noch abschließend die Kurve kriegen zu der Frage, was Bilder mit analog / digitlal zu tun haben. Der Text wurde aber zu komplex; ich habe ihn daher auf meiner homepage eingestellt:
    http://www.das-muster-das-verbindet.de/kybernetik-zweiter-ordnung/bild-und-beobachter/?logout=1 und ich bin gespannt zu hörn, was Sie dazu sagen.

    Der Text, den ich Ihnen schicken wollte, ist noch nicht fertig, was nicht zuletzt auch an unserem Dialog hier lag. Ich schicke Ihnen aber schon mal die erste Hälfte.
    Ich verreise heute für 7 Tage.

  20. Zuerst. Ich kann in Ihrem Blog nicht kommentieren. Also reagiere ich hier.
    Dann zur Sache
    Bild und Beobachter

    Für mich ist Ihr Text an kritischen Stellen offen im Sinne von unbestimmt. Das hat teilweise damit zu tun, dass ich Wörter anders verwende als Sie, was nicht kritisierbar ist, aber ein Kommunikationsproblem begründet, mit welchem nicht leicht umzugehen ist. Ich lese also nicht einen von Ihnen gemeinten Text, sondern einen Text, den Sie (oben verlinkt) materiell hergestellt haben. Dabei lese ich anstelle Ihres Wortes „Bild“ das Wort „Symbol“, weil ich Diagramme und Karten nicht zu den Bildern rechne, sondern zu dem oberbegrifflichen Symbol.

    Dann focusiere ich zunächst einen bestimmten Aspekt, ich lese, was Sie zu Bild/Symbol schreiben und lasse den Beobachter zunächst weg. Ich werde aber später sehr gerne auf den Performance-Künstler zurückkommen.

    Dann interpretiere ich, was Sie mit tranistiv unterscheiden so, dass ich Ihre Verdoppelung des Bildes Schauspieler/Ödipus auflöse und zunächst die von Ihnen vorgeschlagene Maske als Bild/Symbol beobachte. Dabei unterscheide ich wie Sie, dass die Maske einerseits intransitiv eine Maske ist und andrerseits transitiv auf etwas verweist. Die Maske ist ein hergestellter Gegenstand (materielles Artefakt), den ich als Zeichenkörper beobachten kann. Als Zeichen – und hier formuliere ich spezifischer als Sie – verweist die Maske intransitiv auf die Tatsache, dass ich Masken als Masken erkenne und Bedeutungen zurechnen kann/soll. Als Zeichen verweist die Maske DANN transitiv auf etwas, was sie selbst nicht ist. Anstelle der Maske kann ich nun einen Schauspieler setzen oder aber eine Romanfigur Ödipus, die durch eine Beschreibung im Sinne eines geschriebenen Textes erscheint. Die Romanfigur kann dann für einen Menschen stehen. Der Schauspieler kann für die Romanfigur stehen und die Maske kann den Schauspieler ersetzen. In allen Fällen habe ich einen Zeichenkörper.

    Schliesslich fällt mir an dieser Stelle auf, dass ich in einem praktischen Sinn wissen muss, was ich eigentlich als Bild/Symbol bezeichne, damit ich Ihrer paradoxierenden Metaphorik folgen kann. Sie aber gehen einen anderen Weg. Sie führen an dieser Stelle einen „Beobachter“ ein, der den Dingen eine Bedeutung geben kann/soll und diese Bedeutung „digitalisieren“ kann/soll, indem er … Aspekte der Bedeutung neu kombiniert ..??
    Ich kann mir die implizierten Verfahren nicht vorstellen. Ich vermute, dass ich keinen intuitiven Zugang zum Geistigen habe, während Sie bislang noch keine explizite Beschreibungen zu Ihren Verfahren haben, die ich wie etwa das Herstellen von Bildern oder Masken machend als Malen, Zeichnen oder Schnitzen nachvollziehen kann.

    Ich merke, dass das meine Probleme sind,, die Sie nicht betreffen (müssen). Zu Ihrer Wörterverwendung will ich noch anmerken, dass ich – sehr vielleicht – von Homologie sprechen würde, wo Sie von Analogie sprechen.

    • Danke erst mal für Ihren Kommentar. In der vergangenen Woche hatte ich keinerlei Internetzugang; wohl aber ist mir klar geworden, dass ich den Text voreilig ins Netz gestellt habe; es sollte halt schnell gehen vor meiner Abreise. Ich habe aber das Gedankengerüst notiert und werde es in den nächsten Tagen veröffentlichen.

      Ich habe ja irgendwie einen Blog bei wordpress („Mimesis“), den ich gerne aktivieren würde; dann lassen sich Texte auch besser kommentieren. Ich bin nur bisher immer an der rein technischen blog-Mechanik von wordpress gescheitert, ich weiß nicht, was ich da falsch mache…

  21. ok, ich versteh die Mechanik von wordpress auch nicht, bei mir funktioniert es zufällig, eben so wie es gerade funktioniert.
    Und Voreiligkeit scheint mir ein Gebot des Bloggens, Fertigkeit gehört eher zu Büchern, die nicht mehr veränderbar sind 😉

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