Was ist ein Buch?


Ich habe heute beschlossen, mit meinem Text über Geld – so wie er jetzt gerade ist – ein Buch zu machen. Es handelt sich um einen Text, an welchem ich während mehreren Jahren immer wieder mal geschrieben habe. Ich könnte das ohne weiteres weiterhin tun. Wenn ich mit meinem Text über Geld – so wie er jetzt gerade ist – ein Buch mache, heisst das vor allem, das ich den Text so stehen lasse. Das hat etwas damit zu tun, dass ich immer mehr Sätze und Abschnitte im Text stehen lasse und immer weniger neue Zeichen einfüge. Das Schriftumstellen verliert seine Motivation.

Verkürzt sage ich dann, dass ich ein Buch geschrieben habe. Aber Bücher werden natürlich nicht geschrieben, sondern beispielsweise bibelaus bedrucktem Papier gebunden. Was im Buch geschrieben steht, ist für dessen Buchsein unerheblich, beliebig und gleichgültig. Dass ich ein Buch in den Händen habe, sehe ich lange vor jedem Wort in diesem Buch.

Tautologischerweise sage ich also, dass ich einen Text geschrieben habe. Als Schreiben bezeichne ich das Herstellen von Text, also ist jeder Text geschrieben. Als Text ist mein Werkstück zu jeder Zeit eine linear angeordnete Menge von Zeichen, was mit einem Buch gar nichts zu tun hat. Das Herstellen des Textes besteht nicht nur im Anfügen weiterer Zeichen, sondern in einem fortgesetzten Umformen des bereits vorhandenen Textes. Solange ich an einem Text schreibe, verändert sich nicht nur dessen Länge, sondern auch dessen Struktur.

Man könnte fragen, was im Buch stehe. Man kann aber auch das Buch anschauen. Im Buch ist der Text in einem Zustand konserviert. Im Buch ist das Schreiben aufgehoben. Ein Buch zu machen, heisst den Prozess abzubrechen. Na ja, ich kann ja einen Baum pflanzen oder noch ein Buch schreiben …

PS   Derrida schreibt in  „Maschinen Papier“ (S. 20) auch dass das tithemi in biblio-theke auf das setzen, stellen legen hinweist („etwas einer stabilisierenden Unbewglichkeit anvertrauen“) und dass biblion nicht erst Buch heisst, sondern anfang auch schon die materielle Unterlage bezeichnet auf die geschrieben wird, also die Papyrosrolle.

PSPS   N. Luhmann hat F. Kittler einmal vorgeworfen, dass er sich nicht für den Inhalt der Bücher, sondern für deren Buchsein interessiere. F. Kittler hat geantwortet, dass es es ohne Bücher ja auch keine Buchinhlte geben würde

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