Vertrauen


Als Vertrauen bezeichne ich eine spezifische Aufhebung eines impliziten Vertrages. Umgangssprachlich vertraue ich einem anderen Menschen, wenn ich unterstelle, dass er sich an unsere impliziten Abmachungen hält, mich also beispielsweise nicht anlügt. In einem übertragenen Sinn vertraue ich darauf, dass technische Geräte funktionieren. Dabei vertraue ich darauf, dass der Hersteller zu Rechenschaft gezogen würde. Und in einem metaphorischen Sinn vertraue ich auf Gott, etwa in dem Sinne, dass die Naturgesetze in Kraft bleiben, dass also morgen die Sonne wieder aufgehen wird.

Jeder Vertrag ersetzt Vertrauen. Aber bei jedem Vertrag muss ich darauf vertrauen, dass ich den Vertrag durchsetzen kann . Differenztheoretisch sehe ich damit Vertrauen als eine Differenz zwischen Vertrauen und Vertrag, wobei das Vertrauen auf der Seite des Vertrages als re-entry wieder erscheint, weil ich auch im Vertragsverhältnis vertrauen muss. Jeder Vertrag wird durch eine vertragsschützende Macht gedeckt, welcher ich in Form eines impliziten Vertrages vertraue. Im entfalteten Staat etwa vertraue ich darauf, dass meine Verträge durch die Verfassung geschützt werden, obwohl ich die Verfassung nie unterschrieben habe. Weil die Verfassung kein Vertrag ist, bezeichne ich sie differentiell als Gesellschaftsvertrag und leite daraus einen für mich verbindlichen impliziten Vertrag ab. Ich vertraue darauf, dass die Verfassung wie ein Vertrag durchgesetzt wird.

Mein Vertrauen in die Verfassung hat zwei Gründe. Zum einen rechne ich damit, dass meine individuellen Verletzungen des verfassten Rechts, wo sie angezeigt werden, bestraft werden. Wider besseres Wissen verallgemeinere ich diesen von mir
wahrgenommenen Tatbestand auf alle Subjekte der Verfassung, so dass sich die Verfassung quasi selbst durchsetzt. Eigentlich vertraue ich darauf, dass der Souverän die Verfassung schützt. Ich impliziere dabei einen Vertrag zwischen mir und dem Souverän, der oft als Menschenrechte bezeichnet wird. Weil dieser Vertrag nicht existiert, vertraue ich.

Die Standardtheorie zum Geld besagt, dass Geld hat keine materielle Wertbasis habe, banknote1sondern auf einer kollektiven oder sozialen Vertrauenskonstruktion beruhe, weil es sich beim Geld eigentlich um Zahlungsverpflichtungen handle. Wenn mir jemand 20 Franken schuldet, habe ich dieser Theorie zufolge 20 Franken, wie wenn ich eine 20-Franken-Banknote habe, die ja auch keinen materiellen Wert repräsentiere. In solchen Theorien wird die Unterscheidung zwischen Geld und Giralgeld systematisch negiert. Geld erscheint so auch als sein Gegenteil, nämlich als Geld, das nicht nur keine materielle Basis hat, sondern gar nicht existiert, wenn mein Schuldner kein Geld hat.

Geld erscheint dabei als ein Vertrauen in Schuldscheine, die dann als Geld bezeichnet werden, wenn sie von einer Zentralbank in Form von Banknoten herausgegeben worden sind oder eben als Buchgeld in den Kontokorrenten von Geschäftsbanken stehen. Das sind die wesentlichen Fälle, die in der Währungsverfassung vorgesehen sind. Viele Vertreter solcher Geldheorien suggerieren, dass das Vertrauen in Geld einer sehr verbreiteten Wahnvorstellung entspreche, was eben deshalb funktioniere, weil diese Wahnvorstellung so verbreitet sei. Das halte ich für eine Wahnvorstellung.

Ich vertraue bei Geld wie bei jeder anderen Sache darauf, dass ich mein Recht, also meine legitimen Ansprüche geltend machen kann. Dabei unterscheide ich, ob ich eine Banknote besitze oder ob mir jemand etwas oder eine Banknote schuldig ist. Diese Fälle beruhen auf sehr verschiedenen Verträgen. Nur Idioten würden einer Banknote vertrauen oder gegebenfalls nicht mehr vertrauen. Welchen Vertrag könnte ich mit einer Banknote abschliessen? Eine Banknote repräsentiert kein Vertrauensverhältnis, sondern eine gesellschaftlich institutionalisierte Praxis, in welcher Tauschwert in Währungseinheiten ausgedrückt wird, wozu unter anderem Banknoten dienen. Diese gesellschaftliche Praxis hängt in keiner Weise davon ab, ob irgendjemand dem Geld vertraut – was immer das heissen sollte.

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