Das Selbst im „Selbstverlag“ by Amazon


Die Buchproduktionsmittel haben sich im Laufe der Industriealisierung enorm entwickelt und ausdifferenziert. Der sagenhafte Gutenberg steht am Anfang dieser Entwicklung. Typischerweise war er kein Autor, er wollte nicht aus seinem Text ein Buch machen. Er wollte Bücher mit Texten machen, die er wohl für gut verkaufbar hielt. Dazu schuf er sich eine Manufaktur, die am Anfang der industriellen Ausdifferenzierung steht, aber bereits eine beachtlich innerbetriebliche Arbeitsteilung aufwies. Gutenberg war ein Kapitalist im besten Sinne des Wortes.

Die Besitzer von Buchproduktionsmitteln brauchen natürlich Texte um Bücher zu machen. Sie haben zwei Varianten der Textproduktion erkannt. Sie können Textproduzenten anstellen, wie es bei den Zeitungen üblich immer noch ist, oder Texte sozusagen als Halbfabrikate einkaufen. Im zweiten, für Buchproduzenten üblich gewordenen Fall hat sich die Verlagsinstitution aus differenziert. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Verleger die Buchproduktionsmittel selbst besitzt oder diese ebenfalls mietet. Der Verleger vermietet die Buchproduktionsmittel nicht, er benutzt sie selbst. Er produziert Bücher mit Texten, die er auf Provisionsbasis mietet.

Als Autor habe ich deshalb die Möglichkeit entweder die Buchproduktionsmittel selbst zu mieten oder meinen Text einem Verleger auf Provisionsbasis zu vermieten. Weil die Verleger auf Provisionsbasis arbeiten, schätzen sie ab, mit welchen Texten sie Geld machen können. Sie werden so zu Gatekeeper im Sinne von K. Lewin, die entscheiden, welche Texte zu Büchern werden.

Die Verleger monopolisierten die hergebrachten Vertriebskanäle immer stärker, was ihnen die Macht gab, sich von unbekannten Autoren ihre Kosten als so genannten Druckkostenzuschuss bezahlen zu lassen, also das Provisionsgeschäft ohne Risiko zu betreiben.

Die technische Entwicklung brachte dann ein Buchproduktionsmittel auf den Markt, das unter der Bezeichnung Book on Demand bekannt wurde und den Autoren direkt vermietet wurde, weil die Buchproduktion erheblich billiger wurde. Diese Technik liess eine neue Art von Verlegern entstehen, die praktisch kein Handelsrisiko tragen und deshalb ihre Gatekeeperfunktion aufgegeben haben. Die klassischen Verleger machen sinnigerweise Propaganda gegen Verfahren, das ihnen viel Wasser abgräbt, indem sie suggerieren, dass Texte, die nicht von ihnen sanktioniert seien, nicht viel taugen. Aber das kümmert die neuen Verleger wenig, gerade weil sie finanziell nichts riskieren.

In der Übergangszeit bezeichneten sich aber auch die neuen Verleger als Verleger, weil sie vom vermeintlichen Renommee dieser Bezeichnung profitieren wollten. Da sie aufgrund der Interessenlage nicht glaubhaft machen konnten, das sie nicht jeden Text annehmen, haben sie die Qualität der Texte den Autoren zurückverantwortet. Sie haben den Selbstverleger erfunden. Sie vermieten die Buchproduktionsmittel also nicht den Autoren, sondern Verlegern, die für die Qualität der Texte zuständig sind.Geld_Cover_200

Die technische Entwicklung hat nun den letzten Schritt getan und diese neuen Verleger jeder Funktion enthoben. Wenn ich bei Amazon ein Buch herstelle, verwende ich eine Computerinfrastruktur, die mir Amazon gegen Provision zur Verfügung stellt. Amazon ist Besitzer der Buchproduktionsmittel, aber tritt nicht als Verleger auf, sondern als Vermieter ihrer Infrastruktur, die weit über alles hinausgeht, was sich Verleger je vorstellen konnten.

Bücher sind immer noch Bücher, „gebundenes“ bedrucktes Papier, aber alle Vorstellungen, die das kapitalistische Verlagswesen – das sich keineswegs mit Büchern begründete – hervorgebracht hat, sind aufgehoben. Bücher bleiben Bücher, aber das Verlagswesen löst sich auf.

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