Die Form der Kultur


D. Baecker hat 2003 einen Aufsatz „Die Form der Kultur“ geschrieben, der mir ein paar Probleme bereitet, wenn ich ihn durch meine Brille lese:

D. Baecker entwickelt einen Kulturbegriff, in welchem er drei Begriffe, die sich gegenseiteig paralysierten, aufgehoben sieht. Er erkennt ein antike Kultur als Erziehung zum Wohl der Polis, und zwei moderne Kulturen, wobei die eine aus einem Kulturvergleich hervorgeht und die andere aus einer Abgrenzung des Technisch-Reationalen.

Den neuen – nicht ohne weiteres zitierbaren – Kulturbegriff entwickelt D. Baecker mittels der Form von G. Spencer-Brown. Als Nebenprodukt erscheint so eine Einführung dazu, wie Soziologen das Kalkül verwenden.

Kritik der Form-Ueberlegungen (zum Kulturverständnis liesse sich auch allerhand sagen, sage ich hier aber nichts):

D. Baecker schreibt, dass Wissenschaft auf Begriff/Gegenbegriff beruhe (was sehr interessant und viel plausibler als der Luhmann-Code wahr/nicht wahr ist). Dann schreibt er, dass die Wissenschaft in die Kriese gerate, wo sie keine Gegenbegriffe habe (was für mich extrem interessant ist, weil ich mir dazu keinen einzigen Fall vorstellen kann). Dann schreibt er „Kultur“ sei ein Begriff ohne Gegenbegriff (was ich einfach nicht verstehen kann, weil ich Kultur als Gegenbegriff zu Natur sehe).form1

D. Baecker schreibt, dass er Kultur durch den Formbegriff von G. Spencer-Brown verstehen wolle, der nicht auf Gegenbegriffen, sondern auf Differenzen beruhe. Er schreibt, dass im Materialismus Form und Materie Gegenbegriffe seien, während sein Formbegriff keinen Gegenbegriff habe (was ich nebenbei für einen extrem reduzierten Materialismus halte). Aber hier geht es um Form ohne Gegenbegriff (wobei mir unklar wird, was Gegenbebriff überhaupt heissen könnte).

Der Clou des von Spencer Brown entwickelten Kalküls besteht darin, daß er zur Aufnahme der Booleschen Algebra, zur Vermeidung des von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell ausgesprochenen Sebstreferenzverbots und zur Einführung des Faktors Zeit in ein logisches Kalkül mit einer einzigen Operation, eben der Operation der Unterscheidung, und fünf Zeichen oder Werten auskommt: Innenseite der Unterscheidung („marked state“), Außenseite der Unterscheidung („unmarked state“), die Unterscheidung selbst („call“ beziehungsweise „cross“), das Gleichheitszeichen (interpretiert als „is confused with“) und ein Zeichen für die Wiedereinführung der Unterscheidung in den Raum der Unterscheidung („re-entry“).
D. Baecker verwendet dann (in der Luhmannschen Tradition) einen simplen Satz: Die Kultur macht einen Unterschied. Dann sagt er, dass die markierte Seite dieses Unterschiedes „Kultur“ heisse. (Das ist eben die Autopoiese, in welcher sich bei H. Maturana ein Einzeller macht, indem der Einzeller etwas macht, was dann ein Einzeller ist – und (das ist der Hauptpunkt!) als Einzeller bezeichnet wird. (Die Argumentation verzichtet auf die Unterscheidung Zeichen/Referenzobjekt: sie tut (bei H. Maturana) so, als ob Einzeller oder Kulturen sich auch so benennen würden, und bei der D. Baecker so, als ob nur die Kommunikation existieren würde. Diese Abstraktion ist die Grundlage der Differenz ohne Gegenbegriff). Dann frägt D. Baecker aber nach „Zuständen“, die die Markierung „Kultur“ verdienen, allerdings um explizit betont nicht zu sagen, was mit Zuständen gemeint sein könnte (so dass diese Zustände obwohl markiert keinen Gegenbegriff darstellen (sollen)).

Die differenztheoretisch Fragen lauten dann: „welchen Unterschied macht die Kultur?“ und operational „wie macht sie diesen Unterschied?“

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7 Antworten zu “Die Form der Kultur

  1. > Dann schreibt er „Kultur“ sei ein Begriff ohne Gegenbegriff (was ich einfach > nicht verstehen kann, weil ich Kultur als Gegenbegriff zu Natur sehe).
    Ja, eine zentrale Unterscheidung war definitiv „Kultur / Natur“. Aber: Wo kann diese Unterscheidung nur getroffen werden? In (den Medien) der Kultur.
    Dito für „Sinn / Nicht-Sinn“. Auch diese Unterscheidung kann nur sinnhaft erfolgen.
    Insofern repräsentieren Kultur und Sinn unhintergehbare re-entry-Phänomene (zumindest würde ich das so interpretieren).

    Man muß sich freilich in diesem Zusammenhang fragen, ob Kultur nicht einfach identisch mit Form-als-re-entry-Phänomen „ist“. Dann entspräche sie einfach dem fortgesetzten Prozessieren von Unterscheidungen, was nicht sonderlich originell wäre.

    > Die Argumentation verzichtet auf die Unterscheidung
    > Zeichen/Referenzobjekt:
    Das wäre halt der gute alte Dualismus von Medium und Welt(ausschnitt), der heutzutage m.E. passé ist. Aber auch hier gilt wieder: Diese Unterscheidung (allgemein: mediumsintern / mediumextern) kann nur „im“ (Sprach-)Medium erfolgen. Interessant wäre hier (für mich) höchstens der Verweis auf andere Medien(formen), z.B.: oral / skriptural, usf.

    > sie tut (bei H. Maturana) so, als ob Einzeller oder Kulturen sich auch so
    > benennen würden
    Kein Sinn- bzw. Sprachbeobachter (und das wären nach Bielefelder Perspektive nur Bewußtseins- oder Kommunikationsprozessoren) kann „wissen“, wie sich Nicht-Sinn-Beobachter „benennen“ würden – weil letztere einfach keine Sinn- bzw. Sprachmedien verwenden. Wiederum gilt der re-entry: Sinnhaft (Sinnhaft / Nicht Sinnhaft), aber „kein“ re-entry auf der Seite des Nicht-Sinnhaften.

    Ergo:
    Die Frage, wie eine Fledermaus beschreiben würde, wie sie tut, was sie tut, erübrigt sich bzw. ist nur ein Pseudo-Problem für Sinn-Beobachter, die sonst nichts zu tun haben 🙂

  2. Sehr schön, Rolf! Was lernen wir daraus?
    Der Wiedereintritt der Unterscheidung von Baecker / Valonqua erfolgt auf der Seite Baeckers. Es liegt nun an Deinen Ausführungen zum Materialismus, ob ein re-entry auch auf Todescoscher Seite plausibel ist 🙂

  3. En passant angemerkt: Warum benutzt Du nicht ein „hübscheres“ WordPress-Theme (zumindest ein anderes Bild)? Das sieht sehr „lieblos“
    aus.

  4. > und ach die Aesthetik, das hat mir WordPress so vorgeschlagen
    Probiere doch einfach andere „freie“ Themes aus – das ist nicht schwer.

    • danke für den Ratschlag, ich setze aber keinerlei Hoffnung in ein viel schöneres Layout. Ich bin eigentlich der mit Abstand häufigste Leser und habe mich schon so daran gewöhnt, dass es mir gar nicht auffällt. Irgendwie hat es Identität gestiftet 😉

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