Arbeitsteilung


Umgangssprachlich wird der Ausdruck Arbeitsteilung für zwei ganz verschiedene Verhältnisse verwendet. In beiden Verhältnissen führen verschiedene Menschen verschiedene Tätigkeiten aus. Als Teilätigkeiten erscheinen diese Tätigkeiten, wenn eine noch ungeteilte ursprüngliche Gesamttätigkeit vorausgesetzt wird. In Bezug auf diese Gesamttätigkeit erscheint die Arbeitsteilung als Differenzierung, und in Bezug auf die so gesehenen Teiltätigkeiten als Spezialisierung.

Mit Arbeitsteilung ist in diesem umgangssprachlichen Sinn nicht gemeint, dass die Menge der Arbeit geteilt wird, wie es der Fall ist, wenn verschiedene Menschen eine bestimmte Arbeit gemeinsam erledigen und dabei dasselbe tun. Gemeint ist, dass die Beteiligten verschiedenes tun.

Ich unterscheide in Anlehnung an H. Braverman eine naturwüchsige und eine intendierte, innerbetriebliche Arbeitsteilung.

  • Als naturwüchsige Arbeitsteilung bezeichne ich die Tatsache, dass Menschen verschiedene gewerbliche, freiberufliche oder landwirtschaftliche Tätigkeiten ausübern, indem sie etwa als Schlosser, als Arzt oder als Bauer arbeiten.
    Wenn von dieser Arbeitsteilung gesprochen wird, werden diese Tätigkeiten als Teile einer Gesamttätigkeit aufgefasst, die genau durch die Summe der Teiltätigkeiten begriffen wird. Impliziert wird, wenn von Teilung gesprochen wird, dass ohne die Teilung der einzelne Mensch diese Gesamttätigkeit in einer noch nicht differenzierten Form ausführen müsste oder ursprünglich ausgeführt habe.
    Zu dieser naturwüchsigen Vorstellung gehört auch, dass die Menschen ihre Arbeitsprodukte ursprünglich nicht teilten, sondern wie Waren getauscht haben.
  • Als intendierte, innerbetriebliche Arbeitsteilung bezeichne ich die organisierte arbeitsteilung1Zerlegung von Produktionstätigkeiten innerhalb eines Betriebes. Das Standardbeispiel stammt von A. Smith, der beschrieben hat, wie Nähnadeln in 18 verschiedenen Teiltätigkeiten von 18 verschiedenen Personen hergestellt wurden.
    Wenn von dieser Arbeitsteilung gesprochen wird, werden die Tätigkeiten als Teile einer Gesamttätigkeit aufgefasst, die zur Herstellung des jeweiligen Produktes notwendig ist, und die im idealen Handwerk von einer einzigen Person ausgeführt wurde.
    Die innerbetriebliche Arbeitsteilung begründet die Manufaktur und anschliessend die Fabrik, beides Aspekte der Industrie und mithin der Lohnarbeit.
    A.Smith gilt immer noch als einer der bedeutendsten englischen Ökonomen. Er schrieb, dass die Vorteile der Arbeitsteilung vor allem in einer gesteigerten Geschicklichkeit der spezialisierten Arbeiter liege und in der Zeit, die gespart werde, dass der Einzelne sein Werkzeug nicht wechseln müssse. C. Babbage, einer der Väter des Computers, schrieb dagegen, dass die Aufspaltung eines Arbeitsprozesses in unterschiedlich anspruchsvolle Teilprozesse die Lohnkosten für die Produktion senke. Wenn jeder Arbeitende alles können muss, muss auch jeder den gleich grossen und eben grossen Lohn bekommen. C. Babbage formulierte dieses Prinzip erstmals in seinem 1832 in London erschienenen Werk On the Economy of Machinery and Manufactures.
    Bei dieser Arbeitsteilung werden also auch die Arbeitenden in verschiedene Lohnklassen eingeteilt.

In der naturwüchsigen Arbeitsteilung tauschen die Produzenten ihre Arbeitsprodukte – in der heutigen Gesellschaft durch Geld vermittelt. Was aber tauschen Arbeitende, die in demselben Betrieb arbeiten?
In der innerbetrieblichen Arbeitsteilung teilen die Arbeitenden nichts, sie verrichten Teile einer von anderen geteilten Arbeit.

Arbeitsteilung ist ideologischer Ausdruck, der positive Konnotationen zu teilen transportieren soll, indem sehr verschiedene Verhältnisse gleich bezeichnet werden. Eine exemplarische Darstellung des ideologischen Commonsense (auf dem begrifflichen Niveau von A. Smith, wenn auch mit ein paar arbeitspsychologischen Anmerkungen) gibt beispielsweise T. Hildebrandt, ein Prof. der Ökonomie (!). Er spricht zwar explizit von einer „innerbetrieblichen Arbeitsteilung“ … :

Unter dem Begriff Arbeitsteilung versteht man folglich die Zerlegung der Produktion in Teilprozesse, die von speziell geschulten Arbeitern oder auch Betrieben durchgeführt werden. Hierbei sind mindestens drei Ebenen der Arbeitsteilung aufzuzeigen:

  • Die innerbetriebliche Arbeitsteilung, bei der sich die Spezialisierung innerhalb eines Betriebs vollzieht und die Arbeitskräfte folglich nach ihren persönlichen Fähig- und Fertigkeiten eingesetzt werden.
  • Die zwischenbetriebliche Arbeitsteilung vollzieht sich zwischen mindestens zwei (Produktions-) Betrieben, die für die Fertigung eines Erzeugnisses benötigten Rohstoffe, Baugruppen und Serviceleistungen zur Verfügung stellen.
  • Die internationale (regionale) Arbeitsteilung, bei der sich die jeweiligen Volkswirtschaften (Regionen) auf die Produktion bestimmter Güter und Dienstleistungen spezialisieren, die anschließend über den Außenhandel wieder vereint werden. Das weltweite Zusammenwachsen der Märkte, die Globalisierung der Wirtschaftsstrukturen, wird mehr als Chance denn als Bedrohung betrachtet.

… er unterstellt aber die innerbetriebliche Arbeitsteilung als quasi kleiner Form der von ihm als zwischenbetriebliche Arbeitsteilung bezeichneten Differenzierung von industriellen Gewerben. Und dann erkennt er sogar dasselbe Muster in einer von ihm als internationale (regionale) Arbeitsteilung bezeichneten Differenzierung.

T. Hildebrandt verwischt damit alle Unterschiede auf groteske Weise, so dass sogar die ausgebeutetsten Nationen als Teile einer naturwüchsige Arbeitsteilung erscheinen.

Und selbst typische politische Ökonomen haben – im Unterschied zum „Hildebrandtschen“ Commonsense – erkannt, dass der Gewinn der betrieblichen Arbeitsteilung einer Differenzierung der Lohnklassen entspringt.

PS:
In meinem Roman Walden III geht es um eine Aufhebung der Lohnarbeit, die als Aufhebung der innerbetrieblicher Arbeitsteilung erscheint. Eine Utopie, für viele Menschen nur als Utopie vorstellbar.

Bildquelle: http://www.aibobar.de/pikachu/667.html

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Eine Antwort zu “Arbeitsteilung

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