Kollaboration versus Kooperation


Als Kollaboration wird – auch – die kriegspolitische Haltung von sogenannten Kollaborateuren bezeichnet, also von Menschen, die freiwillig mit Besetzungsmächten „zusammenarbeiten“. Diese Wortbedeutung hat sich während des sogenannten 2. Weltkrieges in den von Deutschen besetzten Ländern eingebürgert, während im englischen Sprachraum der Ausdruck Kollaboration von dieser spezifischen Konnotation freigeblieben ist und sich im Kontext von labor und work mehr in der hier erläuterten Bedeutung etabliert hat.

Ich verwende den Ausdruck Kollaboration für die im Englischen explizite Differenz, in welcher die subjektive, funktionale Seite der Arbeit als labour bezeichnet wird und die entfremdete, industrielle Seite als work. Die Labour-Party meinte mit ihrer Selbstbezeichnung ursprünglich die anarchistische Utopie, in welcher Menschen ihre Zusammenarbeit selbst bestimmen. Dabei ging es gerade darum, jene perfekt entwickelte Kooperation aufzuheben, in welcher die Beteiligten in der industriellen Arbeitsteilung aufeinander abgestimmte Teiloperationen ausführen (müssen). Kollaboration hat dann in der spezifischen Perspektive des Industrieeigentümers auch etwas mit Verrat zu tun, weil in dieser Perspektive die Labour-Party als fremde Macht und ihre Mitglieder als Kollaborateure erscheinen.

Als Kollaboration bezeichne ich mithin eine nicht fremdbestimmte und hierarchiefreie Zusammenarbeit, in welcher jeder alles tut und alle das gleiche tun. Als Kooperation bezeichne ich dagegen das koordinierte Operieren, in welchem die Beiträge der Beteiligten arbeitsteilig auf ein fremdbestimmtes Produkt ausgerichtet sind. In der Kooperation macht jeder den ihm zugewiesenen Job. In der Kollaboration ist jede angeordnete Kooperation aufgehoben.

Ich erläutere die Differenz anhand von Enzyklopädien wie dem Brockhaus und der Wikipedia. Die ersten Enzyklopädien der Neuzeit waren als geordnete Darstellungen eines für objektiv gehaltenen Wissens gedacht. Die Verleger im Umfeld von D. Diderot und J. D’Alembert realisierten Mitte des 18. Jhd., dass Enzyklopädien als Bücher Geld einbringen könnten, sie machten die Enzyklopädie zur industriellen Ware, wobei die Produktion der Bücher manufakturmässig organisiert war, während die Inhalte der Bücher noch von sogenannten Autoren hervorgebracht wurden, die noch keine Lohnarbeiter waren. Wenig später wurde auch der Brockhaus gegründet, der bis zum Erscheinen der Wikipedia als konventionelles Verlagshaus mit einer ausdifferenzierten Redaktion fungierte. Die Brockhaus-Lexika waren industrielle Produkte, die von Lohnarbeitern in arbeitsteiliger Kooperation hergestellt wurden.

Die Wikipedia wird gemeinhin als Konkurrenz von Brockhaus und Konsorten gesehen und dabei als Lexikon aufgefasst, in welchem wie in jedem Lexikon Wissen nachgeschlagen wikipedia_lexikonwerden kann. Anfänglich versuchten die etablierten Verlage das Wissen aus der Wikipedia diskreditieren. Nachdem der Inhalt der Wikipedia rasch nicht mehr vom Inhalt vom Brockhaus unterschieden werden konnte, wurde immer klarer, was das Wissen der konventionellen Lexika war: ein Sammelsurium, dessen einzige Ordnung in der alphabetischen Anordnung der Stichworte lag. Als Lexikon ist die Wikipedia so gut oder schlecht wie jedes andere Lexikon.

Die Wikipedia kann aber auch als kollaboratives Schreibprojekt gesehen werden. Dabei geht es nicht darum, irgendwelches Wissen nachzuschlagen, sondern darum, in einem kollaborativen Schreibprozess zu erkunden, was aktuell gerade von der Schreibgemeinschaft als Wissen akzepiert wird. Jeder, der mit einem Text in der Wikipedia nicht einverstanden ist, verändert den Text, der dann wiederum allen andern als aktuelle Variante vorliegt, die weiter verbessert werden kann. In diesem Prozess wird Wissen nicht nachgeschlagen, sondern hervorgebracht. Und wer nicht total verblendet mitschreibt, weiss, um was für eine Art Wissen es sich dabei handelt. Es handelt sich um schlichten Commonsense, als welcher sich rückblickend auch Lexika wie der Brockhaus entpuppen.

Hier geht es nicht um irgendeine objektive Qualität der Wikipedia, sondern um den darin wenigstens angedachten kollaborativen Prozess, in welchem alle Beteiligten dasselbe tun. Alle schreiben die Wikipedia – im Prinzip.

Das Prinzip wird in zwei Hinsichten gebrochen. Zum einen braucht die Wikipedia natürlich wie jedes herkömmliche Lexikon Hardware, die hergestellt und verwaltet werden muss. Und wie bei D. Diderot und J. D’Alembert wird dieser Aspekt sehr industriell bewirtschaftet. Die Wikipedia ist jenseits davon, was im Lexikon steht, auch eine IT-Firma mit ausgeprägter Arbeitsteilung in Form von Lohnarbeit. Zum andern haben sich unter den Mitschreibenden durch eine Rollendifferenzierung sehr rasch Machtverhältnisse institutionalisiert, unter welchen die Kollaboration aufgehoben ist. Man kann darin eine Art ursprünglicher Akkumulation erkennen, die in Adel mündet.

Auch wenn in der Wikipedia nicht alle Beteiligten dasselbe tun (können), ist die Kollaboration doch partiell erkennbar. Die Beteiligten schreiben an demselben Hypertext. Und wenn ich in der Wikipedia schreibe, geht es mir nicht darum, ein Lexikon als eine Ware für andere herzustellen. Niemand hat mir solche Anweisung gegeben und niemand bezahlt mich dafür. Vielmehr erkenne ich darin eine Kommunikation unter den Mitschreibenden, mit welchen ich kollaborativ Formulierungen suche, die in dem Sinne gemeinsam sind, als sie für alle hinreichend viabel sind oder passen. Dieses kollaborative Schreiben ist eine Praxis, also eine Tätigkeit, die sich selbst genügt.

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