Zeichnen und die dialogische Kunst


Kürzlich im Dialog: Es wird erzählt, dass im Aktsaal von einer Gruppe Zeichner und Zeichnerinnnen Portraits eines Modells gezeichnet wurden. Anschliessend wurden die Portraits – die ja im Prinzip allesamt gleich sein könnten, weil sie alle dasselbe Modell abbilden – ausgelegt. Unbeteiligte Leute wurden aufgefordert, die Portraits den verschiedenen Zeichnern zuzuordnen, um die Hypothese zu prüfen, dass in jeder Zeichnung der Zeichner selbst zu erkennen sei. Die Hypothese konnte weitgehend verifiziert werden. Die Zeichner zeichnen sich selbst, wenn sie das Modell zeichnen. Oder vielleicht etwas differenzierter: die Zeichner sehen im Modell bestimmte Aspekte (die wiederum andere bei ihnen erkennen können) viel deutlicher als andere.

Man kann für dieses Phänomen Erklärungen suchen. Man könnte etwa vermuten, dass in den Zellen des zeichnenden Organismus ein Selbstbild verankert ist, dass sich beim Zeichnen einbringt. Mir geht es aber nicht um Erklärungen, sondern um eine Erläuterung des Phänomens in zwei von mir zusammengedachten Hinsichten.

Im Dialog spreche ich immer über mich, was ich mir durch ich-Formulierungen bewusst halte. Ich spreche aber nicht sehr oft unvermittelt über mich, sondern normalerweise darüber, wie ich die Welt sehe. Dabei kommt meine Welt ins Spiel, die ich konstruktivistisch als projeziertes Modell meiner Konstruktionen verstehe. Dia logos – durch das Wort, durch meine Beschreibung – erkenne ich, wie ich mir die Welt vorstelle, oder wie ich sie modelliere. Und mancher könnte vielleicht sofort erkennen, dass es sich um meine Beschreibungen handelt, sowie er im Aktsaal sehen könnte, welcher Zeichner das Modell gezeichnet hat.

In der bildenden Kunst führt das Bewusstsein solcher Selbstdarstellungen in den Darstellung zur allmählichen Abstraktion des Modells. Als Zeichner wird mir immer bewusster, was ich eigentlich zeichne. Ginge es mir darum, ein Abbild des Modelles zu bekommen, würde ich gar nicht zeichnen, sondern ein Technobild, eine Fotograpie oder einen Film machen. Beim Zeichnen, das ich jetzt meine, geht es mir um etwas anderes. Ich sehe das Zeichnen als Differenz zwischen einer Sachbeziehung und eine Selbstoffenbarungsbeziehung. Wenn ich einen Konstruktions- oder einen Stadtplan zeichne, spiele ich selbst keine mir bewusste Rolle, dann geht es mir um die gezeichnete Sache, die ich so nicht fotograpieren kann. Wenn ich aber als Künstler zeichne, zeichne ich mich.

Ich kann eine entsprechende Distanzierung vom Abbilden etwa bei P. Picasso erkennen. Das Modell im Aktsaal wird zum Katalysator, es mischt sich immer weniger ein in dem Zeichnungs-Prozess, den es katalysiert. Der Zeichner nimmt das Modell als Anlass, nicht als etwas, was fotografisch reproduziert werden muss. Mit der Zeit verkehrt sich das Verhältnis. Das Modell etwa eines Archtekten entsteht vor dem, was es abbildet. Und im an der Architektur inspirierten Kubismus werden die gezeichneten Sachen gar nicht mehr produziert.

Im (quasi-philosophischen) radikalen Konstruktivismus wird genau diese Sache auch begriffen: Zuerst gibt es ein Objekt und objektive Sichten, dann gibt es subjektive Sichten auf ein nicht mehr objektiv fassbares Objekt und schliesslich gibt es nur noch Sichten. Das, was in einer abstrakten Zeichnung dargestellt wird, heisst auch in der Kunst Konstruktion, und die Epoche heisst Konstruktivismus in der Kunsttheorie.

radikaler_konstruktivismus

Genau so verstehe ich den Dialog als Kunst. Ich spreche anfänglich über Objekte oder über die Wirklichkeit. Mit der Zeit merke ich, dass ich eine ziemlich subjektive Sicht habe und schliesslich realisiere ich, dass ich durch mein Sprechen meine Wirklichkeit hervorbringe. Im Dialog achte ich deshalb auf meine Worte.

Ich beschreibe nicht die Wirklichkeit und ich spreche nicht über die Wirklichkeit, sondern ich spreche. Und ich höre, was ich spreche und welche Wirklichkeit ich dabei – als Utopie – erzeuge. Unser Dialog im Aktsaal heisst so, weil wir in einem Aktsaal mit dem Dialog angefangen haben. Aber Nomen est Omen.

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