Aktive Passivität


Das Buch „Aktive Passivität“ von M. Seel war Thema im autopoietischen Kreis (11.4.2018), ich kenne das Buch nicht, berichte nur, was ich wie verstanden habe (und was ich der Kunstdiskussion (jenseits des Buches) entgegensetze):

Das Grundthema ist die Vita contemplativa, der Rest, der den Philosophen bleibt, die die notwendige Arbeit ausklammern. Diese Vita contemplativa aber befasst sich mit der Angst, dass wir das Leben bestimmen könnten und dann nicht mehr leiden würden und so keine Philosophie mehr bräuchten, die uns erklärt, dass es besser ist, wenn man dem Leben ausgeliefert ist. Quasipolitisch lautet diese Geschichte, dass wenn wir den Kommunismus realisiert hätten, das Leben ganz langweilig würde, weil wir uns nicht mehr abmühen müssten, die Arbeitenden könnten nicht mehr um ihre Arbeit bangen und die Reichen könnten nicht mehr um den Mehrwert kämpfen. Alle müssten Künstler werden, hätten aber dann nichts mehr zu sublimieren. Wir sollten uns also freuen, dass wir noch Sorgen haben, weil wir das Leben noch nicht im Griff haben und unser Leben darauf ausrichten können.

Die aktiven Passivität besteht im aktiven Zulassen der eigenen Wahrnehmung der Welt, im bewusst aktiv gewählten Erleiden der Welt, wie sie wirklich ist, was als Offenheit ihr gegenüber gesehen werden kann. Wesentlich ist eine Haltung, in welcher nicht bestimmt wird, sondern die Bestimmung erkannt wird. Das Gegenteil wäre sozusagen eine passive Aktivität, in welcher nicht gewähltes, unbewusstes Nachjagen im Hamsterrad gelebt wird. In aktiven Passivität wird das Leben transzentiert, ich pflege das Wahre, das Gute und das Schöne, was die Philosophen immer schon getan haben.

In Bezug auf das Herstellen (auch eines Kunstwerkes) zeigt sich diese aktive Passivität als Anspruch auf Genauigkeit. S. Dali etwa sagt, dass für ihn nur zählt, wie genau er seine Bilder malen kann. In der passiven Aktivität dagegen ginge es nur um Tauschwert-Nützlichkeit.

In Bezug auf Kunst – und das ist wohl das philosophietypische, dass sie sich mit der kunst.pngContemplativa befasst, statt mit der Arbeit (und dem Herstellen) im Sinne von H. Arendt – unterscheide ich das Handeln des Künstlers als Kunst von dessen Werk, in welchem seine Kunst aufgehoben ist. Als Hersteller kann ich kein Kunstwerk machen (Werkfalle), ich kann Kunst nur praktizieren. Wenn das Kunstwerk als eigentliches Artefakt vor das Publikum kommt, kann es Anlass für die Kunst eines Beobachters werden, indem dieser aus dem Gegenstand ein Kunstwerk macht.

Das Kunstwerk mag für den einzelnen Menschen transzendierenden Charakter haben, aber als hergestellter Gegenstand ist es ein Ding, das keine anderen Menschen braucht, es ist eine Verdinglichung, die Menschen wie alle Waren trennt und isoliert. Das Kunstwerk kann zwar Teil des Öffentlichen sein, politisch ist nur seine Herstellung, wo sie Teil einer politischen Handlung ist. Wenn ich einen Text schreibe und dabei im Sinne der Passivität sehr genau darauf achte, was ich sage, indem ich achte, was andere dazu sagen, bin ich im politischen Prozess. Wenn der Text dann vor sein Publikum kommt, ist er jedem Einfluss entzogen, er kann sich wie jedes vollendete Werk durch nichts mehr bestimmen lassen.

In unserer Hamsterrad-Waren-Gesellschaft sind „Kunstwerke“ durch ihren Warenwert bestimmt, was mit Kunst überhaupt ganz am Rande, aber sehr viel mit der chrematistischen Kunst der Spekulation zu tun hat.

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