Dialog und Revolution


Dieser Text stammt aus einer längeren Diskussion über die Saldenmechanik, die eigenartigerweise unter dem Titel „Was ist Geld?“ geführt wurde, weshalb ich mich einmischte.

Im Dialog denke ich darüber nach, in welcher Welt ich gerne leben würde. Als Revolutionär dagegen weiss ich es schon, und denke darüber nach, was ich dafür tun könnte, diese Welt einzurichten. Wenn ich – öffentlich  – darüber nachdenke, was schön wäre, bezeichnet man mich oft als Revoluzer (abschätzig für Möchtegern-Revolutionär). Die Leute dagegen, die in Diskussionen schon wissen, was Sache ist, bezeichnen sich selbst nicht oft als Revolutionäre, auch wenn sie die Welt verändern oder sogar verbessern wollen. In ihren Augen verwende ich das Wort Revolutionär im Folgenden vielleicht verkehrt.

Revolutionäre haben Theorien über die Wirklichkeit – also nicht über ihre Wahrnehmungen. Sie wissen, was das Problem und was die Lösung ist. Eine Wirklichkeit, die oft thematisiert wird, ist das Finanzsystem. Als Problem erscheint, dass dieses System Krisen hat, die für die Menschheit – warum und wie auch immer – schlecht sind. Revoluzer wollen das ganze System und damit die Wirklichkeit überhaupt abschaffen – was in den Augen der Revolutionäre, die ja Lösungen haben, nicht geht. Revolutionäre wollen – mit wie kleinen Schritten auch immer (r-weglassen: Evolutionäre)  das System verbessern.

Am Anfang jeder politischen Revolution steht die Aufklärung, die darin besteht, die ANDERN zu belehren, weil die meisten Menschen gar nicht wissen, wie schlecht es um die Wirklichkeit bestellt ist, respektive, was in der Wirklickeit ganz falsch läuft. Eine typische Aufklärung beispielsweise besagt, dass die Krise des Finanzsystems Geld_Cover_200ihren Grund darin habe, dass die ökonomische Theorie der Saldenmechanik nicht beachtet oder laufend verletzt werde. Als unmittelbares Problem, das eben die Aufklärung nötig macht, erscheint dann aber, dass meisten Menschen keine Ahnung von Saldenmechanik haben, und was noch schlimmer ist, dass sie gar nicht wissen, dass es das gibt. Wenn sie es wüssten, würden sie die Politik (R)evolutionieren oder mindestens die richtige Partei wählen. Die Wirklichkeit würde dann tautologischersweise gut werden.

Was aber viele, nicht nur nicht aufgeklärte Menschen eher ahnen als wissen ist, dass Revolutionen nicht immer für alle Menschen gut sind – cui bono. Einige dikutieren deshalb über die Adäquatheit der jeweiligen Lehren und darüber, wie sie umgesetzt werden müssten. Vor dem in der Revolution schliesslich blutig ausgetragenem Streit gibt es deshalb unter oder zwischen den Revolutionären oft einen Streit, in welchem die Wahrheit über die Wirklichkeit durch bessere Argumente gesucht wird. Solange dieser Streit zivilisiert ausgetragen wird, bezeichne ich als Diskussion. Ich kann aber ohne Mühe erkennen, dass solche Streit erei ihr Ende sehr selten in der Sache, sondern viel mehr in der Ermüdung der Streitenden finden. In den historisch seltenen Fällen von verwirklichten Revolutionen zeigt sich dann den Meisten, dass die damit erreichte Wirklichkeit nicht jene war, die gemeint war. In der bürgerlichen Revolution etwa, die in Europa als die französische Revolution bekannt ist, obwohl sie ein Abklatsch der nordamerikanischen war, wurden nicht Menschenrechte oder Gleichheit, sonder das nationalen Geld eingeführt, was zu einer grösseren Einseitigkeit der Vermögensverteilung führte als in allen Staats- oder Herrschaftsformen zuvor.

Viel häufiger aber finden die Revolutionen, die in Diskussionen als notwendig behauptet werden, gar nicht statt. Es bleibt bei Diskussionen, die durch oft durch parteidemokratische Verfahren verdrängt werden und in immer neuen Formen wieder hervorbrechen.

Ein mögliches Gespräch am Ende solcher Diskussionen bezeichne ich in Anlehnen an M. Buber und D. Bohm als Dialog. Im Dialog spreche ich nicht über die Wirklichkeit, sondern über meine Wahrnehmung, die ich durch mein Sprechen und den darin verwendeten Kategorien erkennen kann. Im Dialog spreche ich darüber, wie ich mir eine bessere Welt vorstelle, aber nicht mit der Idee, dass andere Menschen das auch so sehen müssten, geschweige denn, dass wir einen – parteipolitisch-demokratischen Krieg dafür führen sollten. Ich will nicht eine von mir herbeidiskutierte Wirklichkeit verändern, sondern darüber sprechen, welche Wirklichkeit sich mir durch meine Sprache zeigt.

Wenn ich in diesem dialogischen Sinn beispielsweise über Geld spreche, geht es um Geld, aber nicht darum, welches zu bekommen, sondern darum, was – durch welche Deutung – überhaupt als Geld wahrgenommen wird. Dabei interessiert mich nicht, wer wie viel Geld woher hat und auch nicht, wie Geld gerechterweise verteilt sein sollte. Ich verfolge im Dialog weder soziale noch wirtschaftliche Fragen. Es geht mir darum, was als Geld begriffen wird.

Allerdings rechne ich in einem Dialog über Geld damit, dass gesellschaftliche Geld-, Finanz- und Verschuldungsprobleme in einem neuen Licht erscheinen, wenn ich und andere sich ihren je eigenen Geldbegriff bewusst machen. In diesem Sinne revolutioniere ich meine Wirklichkeit und werde in einem dialogischen Sinn zum Revolutionär. Die Revolution besteht dann darin, dass ich über mein je eigenes Sprechen nachdenke, statt dass ich eine mir schon bekannte Wirklichkeit verändern will. Der Dialog, der von streitenden Parteien oft beschworen wird, ist ein ganz anderer, ein sokratischer Dialog, in welchem die Wahrheit bereits bekannt ist, aber die andern sie noch nicht kennen.

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8 Antworten zu “Dialog und Revolution

  1. Tanzen-by Marina-Wallier Zürich

    Dialog-Revolution 🙂

  2. Interessant. Weil scharfsinnig, besser: überhaupt sinnig.
    Kann mich vielen Positionen anschliessen, ob ich es mache, hängt von dem ab, was dazu gehört und hier keinen Platz fand …
    Z.B. ist jede Revolution als stossartige und weitreichende Veränderung stets eingebettet in permanente breit fliessende allmähliche Evolution.
    Ein Revolutionär, der Evolution weder erkennt, noch deuten noch schätzen wie auch kritisch bewerten kann, bleibt halt nur Revoluzzer, bringt nichts zustande, kann auch nicht zweckdienlich dialogisieren, ist also weder Revolutionär noch Dialoger, wie die meisten, die sich in der Historie bemühten, als Revolutionär betrachtet zu werden.
    Eine Revolution ohne Vorstellung zur Gestaltung von Evolution, die stets jeder Revolution folgen muss (weil normaler Dauerzustand) , ist keine, weil sie ihren “Stoss“ nicht halten, nicht sichern kann, bleibt also nutzlose Rederei, die manche Sofaintellektuelle gern als Dialog verstanden wissen wollen.
    Dialog ist (kann) bereits Revolution (sein), ist jedoch näher betrachtet meist (nur) typisch evolutionäre Zuckung

    • Lieber Lusru, lange nicht gehört. Danke für Deine Hinzugabe. Ich kann sprachlich nicht anschliessen, weil das „ich“ fehlt und ich es deshalb hineininterpretieren müsste, damit aus dem Text eine Ausssage eines bezeichneten Autors würde.
      Mit R/Evolution bezeichne ich keinen Zustand sondern eine Vorstellung. Im Dialog erkenne ich, wie sich meine Vorstellung als Darstellung entwickelt. Ob ich darin Revolution oder Evolution erkenne, ist eine Frage der Auflösung, die ich dann gerade verwende. Wenn ich die Lebewesen auf der Erde einer Evolution zurechnen würde, wäre des Erscheinen des Menschen für mich eine Revolution, weil ich keine Übergänge erkennen kann – was ja etwas über mich aussagt.

      • @Rolf Todesco
        “Mit R/Evolution bezeichne ich keinen Zustand sondern eine Vorstellung.“
        Nun, R/Evolution sind bereits von Natur der Begriffe keine Zustände, es sind beides Beschreibungen von Bewgungen, als nichts Statisch deutbares wie Zustand, der bekanntlich steht…
        Daher weiss ich nicht, was du MIR hier damit sagen willst, denn ich erwähnte das weder direkt noch im Kontext so.
        Falls erforderlich – gut, bitteschön, meinetwegen auch “Vorstellung“ – allerdings von unterscheidbaren und daher unterschiedlichen BEWEGUNGEN.
        Im übrigen erkenne ich keinesfalls per se, “wie sich meine Vorstellung als Darstellung entwickelt.“ das scheint wohl nur gelegentlich so zu funktionieren, muss ja auch nicht, da sich diese (!) Fragen gern völlig unabhängig von meiner Erkentnis(fähigkeit) vollziehen und gern “über uns kommen“
        Die Nachbelichtung kann das dann erst verwendbar erhellen, auch für mich.

  3. Das hast du hübsch gesagt, den letzten Satz, darf ich sicher sein, dass er von dir kommt und gemeint ist?
    Bin mir nicht ganz sicher, weil du dICH doch hast nicht einfinden lassen können (:-!)

    • Lieber Lusru, ich erläutere immer nur meine je eigene Sprache. Ja „Zustand“ ist vielleicht nicht das beste Wort, mir geht es um die Differenz von etwas, was der Fall ist und Vorstellungen (davon). Was der Fall wäre, wäre ein Zustand, wie bewegt auch immer. Dass Sonne und Erde sich umkreisen, würde ich als Zustand bezeichnen, obwohl auch dieser Zustand nur in einer Vorstellung der Fall ist, die eines dieser Gestirne isoliert. Und so sehe ich jede R/Evolution.
      Mit Dialog bezeichne ich das zur Sprache bringen, umgangssprachlich das Darstellen von Vorstellungen. Ich nehme aber nicht an, dass die Vorstellung VOR der Darstellung vorhanden ist. Wenn ich also von Revolution spreche, mache ich eine Darstellung einer Vorstellung.
      Ich meine nicht, dass ich (in meinem Geld-Buch) etwas über Geld gesagt habe. Ich meine viel mehr, dass ich eine mögliche Vorstellung von Geld beschrieben habe – und dass diese Vorstellung mit einer anderen Praxis verbunden ist als andere Vorstellungen.
      Ich weiss auch nicht, wie die Gesellschaft mit dem Geld umgehen müsste, ich schreibe nur, was ich mir dazu vorstellen – eben weil ich es so darstelle.

  4. Und ach ja: zwar lange nichts gehört, aber immer “da“ gewesen, wie du siehst

  5. 🙂 ja, der Satz ist von mir und ich meine damit eben, was ich meine. Ich kanns nur so sagen.
    Und es stimmt, ich bin auch immer da gewesen und habe nur selten etwas geschrieben. Umso mehr hat mich Deine Reaktion gefreut.

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