Hauswirtschaft als Schulfach (2. Teil)


Über das Ansinnen von Hauswirtschaft als Schulfach habe ich bereits früher geschrieben. Hier schreibe ich noch etwas über die dabei verwendete Bezeichnung „Hauswirtschaft“ anstelle von Haushalt oder Haushalten.

Als Haushalt bezeichne ich das, was ich haushaltend aufrecht erhalte oder reproduziere. „Der“ Haushalt ist in diesem Sinne eine Hypostasierung einer Praxis, die im Haushalten besteht. Der namengebende spezifische Fall für den Haushalt ist eine tätige Hausgemeinschaft, die ein „ganzes Haus“ umfasst. Zum „ganzen Haus“ gehört alles, was der Hausbesitzer besitzt, wozu – tautologischerweise – auch ein Haus gehört, das aber keineswegs ein Gebäude im üblichen Sinne des Wortes sein muss, sondern vielmehr einen abgegrenzten privaten Lebensraum darstellt. Nomaden beispielsweise tragen ihr Haus mit sich. Im alten Rom wurde für den Besitz des Hausherren, wozu neben seiner Frau auch Ochs und Pflug gehörten, der Ausdruck Familia verwendet. Die neuzeitliche Familie dagegen ist – wenigstens im Prinzip – ein kollektiver Haushalter, der gemeinsam besitzt, sofern die Familienmitglieder nicht in Gütertrennung leben. Ein kollektiver Haushalt kann auch ein paar Häuser und immer noch Tiere besitzen.

maslowpyramide

Eine mögliche Darstellung der Aufgaben, die im Haushalt anfallen, hat A. Maslow in Form seiner Bedürfnishierarchie gegeben. Ziel des Haushaltens ist die optimal (verteilte) Befriedigung der Bedürfnisse aller Hausbewohner, wobei die Maslowpyramide eine mögliche Priorisierung angibt.

Im Haushalt wird kein Gewinn, sondern ein ausgeglichenes Budget angestrebt, wobei Budget im ursprünglichen Sinne – also noch nicht für die Abschätzung von Steuerfüssen und Kapitalanlagen – gemeint ist: Welche Ausgaben können wir uns in welcher Priorität leisten, wenn wir wieviel wovon mit welchem Erfolg erzeugen und aufheben? Im eigentlichen Haushalt ist das Budget ein laufender Prozess des Abwägens, was sich der Haushalt leisten kann.

Das Wort Haushalt wird metaphorisch auch für den sogenannten Staats-Haushalt benutzt, den die Merkantilisten am Ende oder – noch mehr – als Ende des Mittelalters erfunden haben. Im Mittelalter führten Monarchen einen Haushalt, der ihr ganzes „Haus“ umfasste, also das ganze Land, das sie regierten. Mit ihrem je eigenen Vermögen bezahlten die Monarchen alles, was nicht in den Haushalt ihrer Untertanen fiel, die für ihr eigenes Überleben natürlich selbst aufkommen mussten. Die Monarchen entwickelten dafür ein Lehnswesen mit allerlei Kleinadel, worüber ich ein anderes Mal etwas mehr schreibe. Hier geht es darum, dass die Merkantilisten eine fiktive Person – die später dann juristische genannt wurde – erfunden haben, die als Staat für jene Belange zuständig war, die aus dem Haushalt des Monarchen ausgegliedert wurden. Dieser Staat erhebt Steuern und bezahlt damit beispielsweise eine bestimmte Infrastruktur und eine Armee, die deshalb nicht mehr zum Haushalt des Monarchen gehören und nicht mehr in seiner Buchhaltung erscheinen. Der Staat führt also eine Art eigenen Haushalt, wobei er  natürlich auch keinerlei Gewinn machen will.

Der Haushalt des Staates ist öffentlich, er kann also – im Prinzip von jederman – eingesehen werden. Und in Abgrenzung davon werden die Haushalte von natürlichen Personen seit damals als private Haushalte bezeichnet, was davor ja redundant gewesen wäre. Privat heisst, das geht nur mich etwas an. Ich will hier auch nichts dazu sagen, dass die neoliberale Politik den öffentliche Haushalt invertiert und den Staat wie ein Unternehmen auffasst. Es geht mir darum aufzuzeigen, inwiefern das neoliberale Denken in die Schule eindringt, wenn Haushalt und Hauswirtschaft nicht unterschieden werden.

Als Wirtschaft bezeichne ich den Handlungszusammenhang, in welchem Menschen zunächst ihre Haushalte „ökonomisieren“. Der hier namensgebende spezifische Fall ist das Gasthaus, das umgangssprachlich als Wirtschaft bezeichnet wird, gerade weil die Gäste dort keine Gäste, sondern Kunden sind, die mit Absicht auf Gewinn bewirtschaftet werden. Im einfachen Gasthaus leben die bezahlenden Besucher sozusagen im Haushalt des Wirtes, weil dort ihre grundlegenden Bedürfnisse nach Nahrung und einem Dach über dem Kopf befriedigt werden. Aber diese Gäste gehören natürlich nicht zum Haushalt des Wirtes, sie haben eigene Haushalte, die sie vorübergehend verlassen haben. Der Wirt kocht als Wirt nicht für die Hausgemeinschaft unter seinem Dach, sondern als Unternehmer für Fremde, deren Fremdsein darin besteht, dass sie ihn dafür bezahlen, – was eigentliche Gäste nicht oder nur in Form von Gastgeschenken tun. Als Wirtschafter hat der Wirt ganz andere Ziele als als Haushalter, was offensichtlicher wird, wenn er die vermeintlichen Gäste nicht mehr in seinem Haus, sondern in einem eigens dafür gebauten Hotel empfängt, in welchem auch die dort Arbeitenden nicht – mehr, wie zuvor seine Familie – zum privaten Haushalt des Wirtes gehören, sondern Angestellte sind, die eigene Haushalte haben.

Mit Hauswirtschaft bezeichne ich eine Inversion, in welcher der Haushalt in zwei Hinsichten zur Wirtschaft umgekrempelt wird. Erstens durch zu bezahlendes Dienstpersonal, das den Haushalt ihres Herrn erledigt – was K. Marx gemäss H. Arendt völlig ausklammert habe, und zweitens durch das Bewirten von Fremden, also von Menschen, die dafür bezahlen. Im ersten Fall entsteht nach K. Marx kein Mehrwert, weil die Arbeit der Dienstboten nicht verkauft wird. Der zweite Fall dagegen bezieht sich auf ein Unternehmen, das nach Gewinn strebt und deshalb zurecht als Wirtschaft bezeichnet wird.

Mit dem Ausdruck Haus-Wirtschaft würde ich ideologisch ein Schulfach bezeichnen, das bewusst darauf abziehlt, Tätigkeiten wie etwa das Kochen, die sowohl im Haushalt wie auch in der Wirtschaft vorkommen, jenseits dieser gesellschaftlichen Unterschiede zu unterrichten. Solches Kochenkönnen begründet keine Bildung, sondern Können durch eine Berufslehre quasi innerhalb der Wirtschaft. Wenn – wie Vertreter des Schulfaches etwa im Lehrplan 21 propagieren – Wissen über Konsum oder Budgetplanung künftig wichtiger sei als Kochen, würde eigentlich Wirtschaftslehre als Fachbezeichnung hinreichen.

Ich kann aber Hauswirtschaft auch als Fach begreifen, in welchem Handwerk und Wirtschaft in ihrem Zusammenhang beobachtet werden. Dabei sehe ich das Kochen als eine Tätigkeit, die im Haushalten elementar ist und anhand derer ganz viele Zusammenhänge des gemeinsamen und des gesellschaftlichen Lebens reflektiert werden können. In einem etwas umfassenderen Sinn sehe ich dabei Kochen als Tätigkeit, die ich mir als eine sich entwickelnde Technik aneignen und begreifen kann. Ich würde das Fach Haushalten nennen und die dabei unterrichtete Technik Oikonimik (weil Haustechnik wie Ökonomie schon andersweitig verwendet werden).

In einer solchen Schule würden Kulturtechniken generell das Wissen begründen. Das Schulfach Schreiben würde sich dann auch nicht mehr mit Schönschreiben und Orthografie befassen, sondern aufzeigen, wie Schreiben im Haushalten begründet ist und wie es dieses verändert hat.

Werbeanzeigen

Eine Antwort zu “Hauswirtschaft als Schulfach (2. Teil)

  1. Pingback: Hauswirtschaft als Schulfach | Dialog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s