Digitalisierung und analoge Kommunikation


D. Baecker setzt „Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung“ [1], indem er den Ausdruck Digitalisierung der Alltagssprache entnimmt und ihn für ein Sammelsurium von Schlagwörtern verwendet, weil jeder wisse, „was darunter zu verstehen ist“, auch wenn er selbst es nicht recht weiss, weil er als Mensch seine Kompetenz in der analogen Kommunikation verortet. Die digitale Kommunikation habe – wozu er P. Watzlawick herbeizitiert – aufgrund ihrer 0/1-Logik einem Alles-oder-Nichts-Charakter. Wie eben eine Maschine müsse der Mensch dabei verstehen oder nicht verstehen, ein ungefähres Verstehen sei in der digitalen Kommunikation nicht vorgesehen. Die digitale Kommunikation verfüge über Möglichkeiten der Negation, weshalb sie beliebig kompliziert sein könne. D. Baecker schreibt statt kompliziert komplex, was er dann zugunsten von konnektiv verwirft, weil er komplex für die analoge Kommunikation verwenden will. Die analoge Kommunikation setze anstelle der Negation, die sie nicht kenne, eine Widersprüchlichkeit, womit wohl eher eine Mehrdeutigkeit gemeint ist, die zu Widersprüchen führen kann.

Ich will seine Medientheorie, die auf einem Sammelsurium von Medienkonzepten wie Sprache, Schrift, Buchdruck beruht, [2] hier nicht weiter verfolgen, sondern den hier gewählten Ausgangspunkt genauer beobachten. Tränen der Freude und Tränen des Schmerzes, das Lächeln der Sympathie und black_panther.pngdas Lächeln der Verachtung, die geballte Faust der Drohung und die geballte Faust der Selbstbeherrschung übernimmt D. Baecker von P. Watzlawick als Beispiele für eine Analogkommunikation, die eben noch Domäne des Menschen sei, weil sie sich nicht computerisieren lasse. Wörter wie Natur, Gesellschaft oder Digitalisierung scheinen dagegen eindeutig. Sie verlangen aber gerade um diese scheinbare Eindeutigkeit zu behalten immer komplexere Theorien – wozu D. Baeker wenigstens durch sein Forschungsprogramm explizit beitragen will.

Sprache ist nicht digital, weil sie die Möglichkeit der Negation bietet, sondern weil sie vereinbart ist. Ich verstehe, was mit Wörtern wie Tisch oder Hammer gemeint ist, aber nicht weil ich deren Vereinbarung kenne, sondern weil ich weiss, wie ich die Wörter verwende. Mein Verstehen beruht auf einer Analogie, die ich erkenne, wenn andere Menschen Wörter wie ich verwenden. Und wenn mein Gegenüber Tränen oder ein Lächeln zeigt, verstehe ich das, weil ich analog weiss, wann mir Tränen kommen und wann ich lächle. Die Analogie ist in beiden Fällen dieselbe, nämlich jene dialogische zwischen Ich und Du. Und ich kann ein Lächeln meines Gegenübers so gut missverstehen wie irgendein Wort, das er sagt.

Analog und digital bezeichnen Verweisungsverhältnisse von Symbolen oder Abbildungen, was mit Computern nur ganz am Rande und mit Kapitalismushandeln 4.0 rein gar nicht zu tun hat. Es ist der Witz der Sprache, dass sie digital ist, dass ich einem Wort auf gar keine Weise ansehen kann, wofür es steht, es repräsentiert immer eine Folge von Zeichen, die ich auch mit 1 und 0 darstellen kann. Ein Lächeln dagegen ist kein sprachliches Zeichen, was es ausdrückt muss mir niemand erklären, weil ich auch lächeln kann. Und weil es keine Abbildung ist, ist es anders als etwa eine Zeichnung auch nicht analog. Eine analoge Abbild hat eine – von mir wahrgenommene – Ähnlichkeit mit dem Abgebildeten, die Zeichnung einer Kuh mit einer Kuh. Wozu soll den ein Lächeln analog sein?

Epilog

Jeder verwendet Wörter, wie es ihm gefällt. Ich kann niemandem vorschreiben, ein bestimmtes Wort auf eine bestimmte Art und Weise zu verwenden. Ich kann auch von niemandem verlangen, dass er seine Verwendung des Wortes erläutert, schon gar nicht, dass er seinen Wortgebrauch definiert. Ich kann aber natürlich immer eine Kommunikation unterstellen, in welcher Wörter wie ein Lächeln immer auch ein allfälliges Gegenteil bedeuten können. Einer verbreiteten Theorie – die gar nicht erst geschrieben werden muss – zufolge, kann man die Verwendung von Wörter ohne weiteres als analoge Kommunikation verstehen. Man muss dann nicht nur nicht sagen, wie man die Wörter verwendet, man muss es auch gar nicht wissen, weil der je andere ja ohnehin schon weiss, was man sagen will.


[1] Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt? In: Gläß, R./Leukert, B.: Handel 4.0, Gabler 2017 – Online

[2] Als Sammelsurium bezeichne ich eine Zusammenstellung von Dingen, die jenseits der Zusammenstellung nichts miteinander zu tun haben. Die Gegenstäde, die ich auf einem Flohmarkt finde, gehören in dem Sinne zu einem Sammelsurium, dass ich sie dort kaufen kann. Die Medienkonzepte Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer, die D. Baecker zur Erläuterung von Digitalisierung verwendet, haben gemeinsam, dass sie in seiner Theorie vorkommen, oder vielleicht weiss jeder, der analog kommuniziert, was Computer und Schrift begrifflich jenseits von Digitalisierung mit Buchdruck zu tun haben.

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8 Antworten zu “Digitalisierung und analoge Kommunikation

  1. „Analog und digital bezeichnen Verweisungsverhältnisse von Symbolen oder Abbildungen, was mit Computern nur ganz am Rande und mit Kapitalismushandeln 4.0 rein gar nicht zu tun hat.“
    Ja. aber mit Computern und mit Kapialismus hat das sehr viel zu tun.
    Siehe die von Gitta Peyn sog. „Kommunikativen Riesenwellen“ und „Wirklichkeitsemulation“.
    https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/11/02/wirklichkeitsemulation-zum-begriff/

  2. ja. Die Redeweise „… hat nichts damit zu tun“ ist eine spezifische Verkürzung für: ich kann es unabhängig von einander beobachten. Aber natürlich kann ich auch anders beobachten und dann hat es eben etwas damit zu tun – weil ich es SO beobachte.
    Analog und digital kann ich vollständig begreifen ohne auch nur im entferntesten an Computer oder Kapitalismus zu denken.

    • ja klar, Sie können analog und digital unabhängig von Computern betrachten, das ist ein wichtiger Hinweis. Aber wenn Sie es nicht auch zusammen denken, dann entgeht Ihnen was (siehe meinen facebook-Kommentar).

  3. ich beobachte, dass viele Menschen digital nur in Bezug auf irgendetwas mit Computer verwenden. Ich weiss nicht, was sie damit gewinnen, aber ich sehe immer, dass sie dabei auf begriffliche Bestimmungen verzichten. Und ja, jeder Begriff ist eine Beschränkung – eine gewählte Beschränkung. Und wer frei sein will, verzichtet auf Begriffe.

    • ja, Viele können sich Digitalisierung nur im Kontext von Computern vorstellen. Aber Dirk Baecker gehört sicher nicht zu ihnen.

      • na ja, im zitierten Artikel schreibt er explizit nur von Computern und eine begriffliche Bestimmung von digital habe ich bei ihm noch nie gesehen. Er hält sich in solchen Sachen den Rücken frei – wobei ich ohne weiteres zugeben muss, dass ich noch wenig von ihm gelesen habe.

  4. Gefällt mir:

    „Es ist der Witz der Sprache, dass sie digital ist, dass ich einem Wort auf gar keine Weise ansehen kann, wofür es steht…“

    Kleines Beispiel (entlehnt bei Watzlawick):

    Fragt einer analog-verbal: „hast du schon mal tote fliegen gesehen…?“ entsteht sofort Uneindeutigkeit/Mehrdeutigkeit und der Zwang(!) zum klärenden, weiterführenden Dialog (bzw. Kontextualisierung) auf WAS(!) der Fragende verweisen will, bzw. auf WAS er sich bezieht…

    a) „Hast Du schon mal TOTE fliegen gesehen…?“
    b) „Hast Du schon mal tote FLIEGEN gesehen…?“
    😉

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