Dialog-Kultur


Im Dialog beobachte ich Unterscheidungen, die zu verschiedenen Vorstellungen führen, und wie diese Unterscheidungen von diesen Vorstellungen abhängig sind. Viele dieser Unterscheidungen sind kulturell in dem Sinne fundamental, als sie innerhalb der jeweiligen Kultur kaum wahrgenommen werden. Im Dialog mache ich solche Unterscheidungen dia logos explizit, ich spreche sie aus und erkenne sie dabei. Dia Logos heisst durch das Wort. Eine Unterscheidung, die mein Dialogverständnis selbst betrifft, bezeichne ich mit Dialogkultur.

In meinem Alltag lebe ich in zwei verschiedenen Dialogkulturen, die etwas plakativ als jüdisch-gemeinschaftlich und griechisch-wissenschaftlich bezeichnet werden könnten. Die „griechischen“ Dialoge von Sokrates, die Galileo Galilei im sokratesSinne der Renaissance wieder aufgenommen hat, widerspiegeln sich in unseren wissenschaftlich orientierten Ausbildungen. Es geht dabei darum, Wissen mitzuteilen und sicherzustellen, dass alle dasselbe, das möglichst Richtigste wissen. Galileo Galilei hat dafür den Ausdruck Diskurs verwendet, weil er sich der zerschneidenden und entscheidenden Praxis solcher Diskussionen bewusst war. Den „jüdisch-religiösen“ Dialog dagegen erkenne ich als Gespräch, das an das Du gerichtet ist. Es geht mir in diesem Dialog darum, mich selbst in eine Beziehung zur Welt zu setzen, während ich die „griechische“ Wissenschaft gerade unabhängig von mir zu denken habe. Martin Buber bezeichnete diese Unterscheidung durch zwei verschiedene Ich-Formen, ein Ich-Es und ein Ich-Du. Das Es-Ich spricht – schliesslich wissenschaftlich – über die Welt, das Du-Ich spricht mit der Welt. Franz von Assisi sprach mit den Vögeln, nicht über die Vögel. Im Dialog laviere ich oft zwischen diesen Kulturen. Der Dialog erscheint mir unter diesem Gesichtspunkt als erfahrbare Differenz zwischen Dialog und Diskurs.

In der Diskurstheorie wird diese Differenz wissenschaftlich behandelt. Der Diskurs erscheint dabei als subjektfreies Gespräch der Wissenschaft, welches Wissen gerade dadurch generiert, dass jede Subjektivität sublimiert wird. Michel
Foucault geht in Freudscher Tradition sogar so weit, den Diskurs als gesellschaftlich inszenierten Dialog zu begreifen, in welchem durch die entlastende Inszenierung einer Objektivität alles gesagt werden darf, weil kein Mensch, sondern quasi die Wirklichkeit spricht. Die Wissenschaft kennt kein Tabu, der wissenschaftlich sprechende Mensch hat keine Verantwortung, weil er als Überbringer der Nachricht, quasi als Autor der Natur nur sagt, wie es wirklich ist. Und um die Wirklichkeit zu Worte zu kommen lassen, darf die Wissenschaft auch alles tun. Jedes Tabu wird zugunsten von objektivem Wissen als Hemmung in einer Ethik aufgehoben. Statt die Tabus zu brechen und dafür Ethik auszusprechen, wie Ludwig Wittgenstein es nannte, bringe ich im Dialog Hintergründe von Tabus zur Sprache.

Die Du-Es-Differenz verdoppelt sich in der Vorstellung, man könne den Dialog wie jenen von Sokrates als Verfahren einsetzen, um getrennte Parteien durch rhetorisch geschultes Reden zu einigen. Im Dialog geht es aber gerade nicht
darum, jemandem etwas mitzuteilen, sondern darum, etwas zu teilen. Wenn ich mitteile, behandle ich mein Gegenüber als Es, ich konfiguriere oder in-form-iere Es. Ich entscheide, was mein Gegenüber wissen muss. Im aufgehobenen Mitteilen des Dialoges habe ich gar kein individualisiertes Gegenüber, das ich informieren könnte. Ich nehme im Dialog zwar Personen wahr, aber ich nehme sie als persona eines Du. Wo ich zum Du spreche, idealtypisch beispielsweise im Gebet, reproduziere ich keine Information über die Welt, sondern spreche über mein Wahrnehmen in unserer Beziehung. Im Gebet erkläre ich nicht, wie es wirklich ist und ich stelle keine Fragen, weil ich keine Antworten einfordern kann. Wenn ich mir beim Beten zuhöre, höre ich, was ich gerne hätte, welche Welt ich gerne erleben würde.

Meine plakative Benennung der beiden Kulturen als jüdische und griechische hat mit dem Judentum sowenig zu tun wie die heutigen Griechen mit Sokrates. Ich bezeichne damit vielmehr kulturell übliche Assoziationen zur Religion und Wissenschaft. Das hier gemeinte Judentum, das das Christentum wie den Islam mitumfasst, steht für die Ich-Du-Kultur, die M. Buber genau deshalb als Religion bezeichnet, weil es im Unterschied zu anderen Weltanschauungen einen ansprechbaren Gott (hervorgebracht) hat. Die Griechen haben – wenn sie nicht selbst halbe Götter waren – über Zeus, aber nicht mit ihm gesprochen. Ohne die sinnfreie, an Wiedergeburtsvorstellungen erinnernde Vorstellung einer Renaissance, ist das wissenschaftliche Denken durch arabische Eroberer via Spanien nach Europa gekommen. Dieses Denken wurde den Griechen zugeschrieben, weil die Araber in der Reconquista natürlich so wenig Gutes repräsentierten, wie sie es heute tun. Die arabischen Zahlen sind dabei indisch geworden. Aber jenseits von solchen Zuschreibungen hat sich im dunklen Mittelalter eine Revolution ereignet, in welcher – in Worten von H. Arendt – die Arbeit durch das Herstellen des Homo fabers aufgehoben wurde. Der Homo faber – exemplarisch als Walter Faber im Roman von F. Frisch – interessiert sich weder für Gott und noch für zwischenmenschliche Verhältnisse. Er interessiert sich für das Herstellbare, das er als Es begreift und als Objekt so verallgemeinert, dass ihm – und sei es nur durch Genmanipulation oder Silicontechnik – alles zu herstellbaren Gegenstand wird.

In der zivilen Geschichtsschreibung steht das christlich reformierte Judentum für die Auflösung eines römischen Reiches im vermeintlich dunklen Mittelalter. Ich kenne – von vermuteten Bleivergiftungen und Dekadenzen abgesehen – keine nur halbwegs plausible Geschichte über diesen Zerfall und nehme deshalb an, dass dabei vor allem eine Idee der Renaissanceerfinder, die im 19. Jhd. lebten und sich dieses Reich vorstellten, zerfallen ist. In deren Geschichten ist es den kulturfreien Römer weder gelungen, die gemeinschftliche Kultur der von ihnen unterdrückten Christen abzuwehren, noch konnten sie das objektivierende Denken aufgreifen und sinnvoll nutzen, das der Griechen zugeschrieben wird. Die geschichtlichen Römer blieben, wie die Griechen vor ihnen, ohne relevante Entwicklung einer Herstellungstechnik, in welcher Naturkräfte genutzt werden, die in objektiven Naturgesetzen begriffen sind. Und sie blieben, wie die Juden vor ihnen, ohne Zivilisation, die sie von den in ihr Reich einfallenden „Babaren“ unterschieden hätte. Ihr Reich war eine Fiktion ohne jede Verwaltung, die über die Heeresführung hinausgegangen wäre. (1)

In den Geschichten der Renaissanceerfinder gibt es Hinweise darauf, dass wohl nicht nur Heron von Alexandria bereits in der Antike sehr konkret wusste, wie man Maschinen konstruiert. In diesen Geschichten finde ich aber kein Wissen darüber, warum die Maschinen nicht tatsächlich produziert wurden. Die gängiste, aber doch sehr skurile Vermutung lautet, dass durch die Sklavenhaltung kein Bedarf an Maschinen existierte. In den Geschichten der Renaissanceerfinder über das antike Griechenland erkenne ich deren eigenes, projiziertes Es-Ich, das ihrer industriellen Kultur entsprochen hat, die den heutigen Finanzkapitalismus hervorgebracht hat.

Im schliesslich europäischen Kulturraum wurde die Religion, die Rom unterwanderte, durch das Klosterwesen, das in der päpstlichen Kirche gipfelte, invertiert. Die Kirche machte Christus als Jesus zur hölzerne Sache am Kreuz (Es) und das Gebet zum Zugehörigigkeits- und Abhängigkeitsbekenntnis. In dieser Kultur entwickelte sich neben Klerus und Adel das Verlagswesen in Form von Manufakturen, das den Herstellungsprozess in Gang setzte und mithin den Es-Diskurs. Die industrielle Revolution ersetzte das dialogische Gespräch zwischen Menschen durch die monologische Diskussion der Wissenschaft, in welcher Menschen keine Rolle spielen. (2)

Im Dialog trage ich nichts zur Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums bei, aber ich erkenne, welche Art von Reichtum Dir und mir gefallen würde.


1) Es geht mir hier nicht um die dunkle Geschichte eines Zerfalls, sondern die Ausdifferenzierungen des Ich’s zwischen Du und Es. Zur vermeintlichen Zerfalls-Geschichte schreibe ich in einem andern Beitrag. (zurück)

2) I. Prigogine etwa spricht mit der Natur. Aber mit mir spricht die Natur so wenig wie Gott. N. Luhmann lässt nur die Institutionen kommunizieren. Aber ich habe noch nie eine Institution sprechen gehört. Es geht mir nicht um diese Wissenschaften, sondern auch hier nur um die Ausdifferenzierungen des Ich’s zwischen Du und Es. (zurück)

Werbeanzeigen

Eine Antwort zu “Dialog-Kultur

  1. Das mit den Renaissanceerfinern, Spektakulär, hab ich jetzt geklaut. 😉
    Danke.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s