Fiction: der Pilot im Simulator


Die Wörter Fiction und Non-Fiction könnte man in gewissen Hinsichten mit Erfindung und Entdeckung übersetzen, denn Fiction steht im Englischen (auch) für (phantastische) Literatur und Non-Fiction steht für Sachbücher. Und Science-Fiction ist auch bei uns Inbegriff für wissenschaftlich verbrämte und mithin (noch nicht) wahre Geschichten. Wenn ich Fiction lese oder höre, frage ich mich nie, ob das, was mir erzählt wird, stimmt. Wenn ich dagegen Non-Fiction lese oder höre, frage ich mich immer, ob das stimmt. In einem Roman glaube ich alles, einem Sachbuch glaube ich fast nichts. Warum wohl? Wenn Sie auch etwas von dieser meiner Haltung haben, bitte ich Sie das folgende sofort als Science-Fiction, mit Betonung auf Fiction aufzufassen – ich werde Ihnen später ohnehin gute Gründe dafür liefern.

Ich lade Sie also ein zu einer Fiction: Stellen Sie sich bitte einen Flugsimunlator vor. Stellen Sie sich bitte aber einen absoluten Flugsimulator vor, bei welchem Sie als Pilot nicht erkennen können, ob Sie im Flugzeug oder im Simulator sitzen. [1]. Beim Non-Fiction-Simulator, den Sie von Ihrer konventionellen Ausbildung kennen, geht es natürlich gerade darum, dass Sie wissen, dass Sie im Simulator sitzen. Dort dient der Simulator für Übungen, die Sie im Flugzeug besser nicht machen; entweder weil Sie am Anfang der Ausbildung eine bestimmte Maschine noch nicht gut genug fliegen können, oder weil Sie Situationen üben, die Sie auch als geübter Pilot nicht gerne im Non-Fiction-Bereich erleben würden [2].

Ich will einen zentralen Aspekte unseres Flugsimulators hervorheben, auf welchen ich später zurückkommen will. Vorderhand haben Flugzeuge noch Fenster, der Pilot kann also sehen, was ausserhalb des Flugzeuges passiert. Der Simulator, den wir uns vorstellen, muss also auch Fenster haben, durch welche man sehen kann, was draussen passiert, weil er ja so sein soll, dass man – von innen – keine Unterschiede zu einem Flugzeug feststellen kann.

Nun kommt der nächste Schritt: Schliessen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, dass Sie kurz betäubt wurden. Jetzt wachen Sie auf und sitzen in unserem Simulator – oder eben im Flugzeug, was für Sie logischerweise dasselbe ist. Nur von aussen kann man sehen, ob es sich um das eine oder um das andere handelt. Natürlich sitzt Ihr Co-Pilot neben Ihnen, er weiss aber bezüglich des Simulators auch nicht mehr als Sie. Sie kriegen über Funk die Anweisung eine bestimmte Destination anzufliegen. Den Flughafen, auf welchem Sie sich zur Zeit befinden, erkennen Sie leicht, weil Sie durch das Fenster nach aussen schauen können.

Sie „fliegen“ los, das heisst, Sie tun alles, was ein Pilot in der gegebenen Situation tut. Sie kontrollieren alle Bedingungen, starten die Maschine, kommunizieren mit dem Turm und Ihrem Co-Piloten, usw. Sie verhalten sich so, wie Sie sich logischerweise verhalten. Ihnen ist – jetzt noch – völlig gleichgültig, ob Sie im Flugzeug oder im Simulator sitzen.

Sie wollen 20000 Fuss hoch fliegen. Sie sehen auf dem Höhenmesser, dass Sie 20000 Fuss erreicht haben und stellen das Flugzeug flach. Ich bitte Sie, mir meine Laienterminologie nachzusehen. Ich kann leider (noch) nicht fliegen. Natürlich wissen wir, dass bei einem gut funktionierenden Flugzeug die wirkliche Flughöhe und die Anzeige auf dem Höhenmesser zusammenpassen, weil sie kausal verknüpft sind. Aber im Simulator ist das natürlich nicht der Fall. Und falls Sie jetzt im Flugzeug statt im Simulator sitzen, wissen Sie natürlich nicht, ob das Flugzeug jetzt gerade gut funktioniert. Also schauen Sie sicherheitshalber aus dem Fenster und sehen weit unter sich das Matterhorn vorbeiziehen. Aber: in unserem Simulator werden ja auch die Fenster simuliert.

Das operational geschlossene System

Jetzt lade ich Sie zu einer Reflexion der Situation ein. Mit Reflexion meine ich eine gedankliche Spiegelung dessen, was Sie tun. Natürlich gibt es sehr verschiedene Möglichkeiten, wie man das eigene Tun auffassen kann. Ich will Ihnen eine Möglichkeit vorstellen, die im Zentrum des Radikalen Konstruktivismus steht: das operationell geschlossene System.

Dazu will ich zuerst ein paar fiktive Worte zur Systemtheorie überhaupt sagen; es gibt beliebig viele Systemtheorien, deshalb bestimme ich etwas genauer, wovon hier die Rede ist. Rosenblueth und Wiener haben das Konzept „Feedback“ zur Beschreibung des Verhaltens von Organismen und Maschinen erfunden und schliesslich Kybernetik genannt. Die ersten Beispiele für Automaten waren – etwas, was Piloten heiss lieben – Flugzeugabwehrkanonen. Ein (nur leicht, aber dafür im doppelten Wortsinn) humaneres Beispiel ist ein Organismus, etwa eine Kröte, die mit den Augen einer fliegenden Fliege folgt. In beiden Fällen geht es darum, mit einem relativ trägen Instrument einem Objekt mit einem relativ komplizierten Bewegungsverlauf zu folgen.

Der Aspekt, der mir hier wichtig ist, ist die Verschmelzung des systemischen Verständnisses von Organismus und Maschine. Durch die Systemtheorie verstehe ich alles als Funtkionsweise von Feedback-Mechanismen. Richtig verstanden habe ich ein Phänomen, wenn ich eine Maschine konstruieren kann, mit welcher ich das Phänomen erzeugen kann. Ich verstehe also im Prinzip wie die Kröte der Fliege folgt, wenn ich ein Flugzeugabwehrkanone konstruieren kann. Ein anschaulicheres Beispiel für ein System – als die „Augenkanone“, die erklärt, wie man konstant richtig zielt – ist die thermostatengeregelte Heizung, mit welcher ich erklären kann, warum es in meiner Wohnung (mehr oder weniger) immer gleich warm ist. Mit einem vergleichbaren Mechanismus erkläre ich auch, wie meine Körpertemperatur relativ konstant bleibt. Systemtheoretisch heisst in diesem Sinn, dass ich Phänomene mit Feedback erkläre. Und Feedback nenne ich das Signal, das von einem Sensor zu einem Aktor fliesst. Bei der Heizung etwa das Signal, das vom Thermometer über den Thermostaten zum Oelbrenner fliesst und dort die Oelmenge reguliert.

Nun kann man Systeme funktional oder konstruktiv beschreiben. Wenn ich die thermostatengeregelte Heizung funktional beschreibe, beschreibe ich ein offenes System, das auf die Raumtemperatur reagiert, weil das eben die Funktion der Heizung ist. Die Raumtemperatur gehört natürlich nicht zur Heizung, sondern ist die „Umwelt“ der Heizung. Offene Systeme reagieren auf ihre Umwelt. Wenn ich die Heizung konstruktiv beschreibe, dann beschreibe ich wie der Oelbrenner auf den Zustand des Thermostaten reagiert. Der Thermostat ist ein Bastandteil der geregelten Heizung, er gehört zur Heizung, nicht zuderen Umwelt. In diesem Sinne sage ich, dass die Heizung auf ihren eigenen Zustand reagiert, weil sie auf den Zustand des Sensors reagiert. Das nenne ich ein operational geschlossenes System. Bitte beachten Sie, dass sich „offen“ und „geschlossen“ auf meine systematischen Auffassung von der Heizung, nicht auf die Heizung bezieht. Der Heizung ist egal, ob ich sie als offen oder als geschlossen beschreibe, sie funktioniert unabhängig von meiner systematischen Beschreibung – wenn sie funktioniert.

Die Blackbox

Falls Sie die Fiktion immer noch mitmachen, sitzen Sie immer noch – reflektierend – in unserem absoluten Simulator. Sie haben das Flugzeug gerade auf der gewünschten Flughöhe flach gestellt. Jetzt fragen Sie sich, worauf Sie reagiert haben: entweder darauf, dass das Flugzeug die gewünschte Flughöhe erreicht hat, oder darauf, dass der Höhenmesser eine bestimmte Zahl anzeigt hat.

Natürlich ist es wie bei der Heizung: dem Flugzeug ist es egal, ob Sie auf die Flughöhe oder auf die Instrumente reagieren – und dem Simulator natürlich auch. Wenn Sie bewusst in Ihrem konventionellen Non-Fiction-Simulator sitzen, fingieren Sie, Sie würden so hoch fliegen, wie das Instrument anzeigt – das ist ja gerade der Witz des Simulators. Dort reagieren Sie logischerweise auf das Instrument, weil Sie wissen, dass Sie gar nicht in der Luft sind.

Dieses Wissen wird durch unseren Simulator problematisiert. Sie wissen gerade nicht, ob Sie in der Luft sind. Sie sehen einfach, dass und wie das „Flugzeug“ auf Ihre Manipulationen reagiert. Sie sehen aber natürlich nicht das Flugzeug, sondern nur das Cockpit (und das, was sich vermeintlich vor den Fenstern abspielt). Sie sehen also beispielsweise, dass Sie das Höhenruder einziehen und dass der Höhenmesser eine konstante Höhe anzeigt. Im Flugzeug könnte man dieses Phänomen damit erklären, dass das Flugzeug aufgrund der Flügelstellung in einer gleichmässigen Höhe fliegt. Im Simulator bräuchte man natürlich eine andere Erklärung, etwa dass ein aufwendiger Computer die entsprechenden Signale verarbeitet.

In der Systemtheorie gibt es den Ausdruck „Blackbox“, er steht aber für etwas anderes als in der Flugzeugtechnik, eigentlich für das Gegenteil. Blackbox heisst in der Systemtheorie eine Box, in die man nicht hineinsehen kann, weil die Wände „black“ sind. Man kann sehen, wie die Blackbox reagiert und sich überlegen, wie sie konstruiert sein könnte, dass sie so und nicht anders reagiert. Natürlich spielt keine Rolle, ob der Beobachter relativ zur Blackboxwand innen oder aussen ist. Die Blackbox ist immer das, was er aufgrund von Beobachtungen an deren Oberfläche rekonstruieren muss. So kann ich mich etwa fragen, was im Kopf einer Kröte passiert, wenn sie mit den Augen eine Fliege verfolgt. Die Kröte ist dann eine Blackbox, weil ich nicht in die Kröte hineinschauen kann. Wenn ich aber die Konstruktion einer Flugzeugabwehrkanone kenne, kann ich damit erklären, wie die Steuerung der Augen der Kröte funktionieren könnte, weil ich einen Mechanismus kenne, der eine analoge Funktion hat.

Sie sitzen zur Zeit in einer Blackbox, die ich bisher als „absoluten Simulator“ bezeichnet habe. Die naheliegenste Erklärung für das Verhalten der Instrumente und der Fenster, die Sie sehen, ist, dass Sie in einem Flugzeug sitzen und gerade über das Matterhorn fliegen. Ich glaube, das wäre weitgehend die einzige Erklärung, wenn Sie nicht wüssten, dass es auch Simulatoren gibt. Das, was Sie sehen – also die Reaktionen der Instrumente auf Ihre Manipulationen, kann man – vom Simulator abgesehen – eigentlich nur als Pilot eines fliegenden Flugzeuges sehen.

Der Radikale Konstruktivismus

Nun will ich die Fiktion noch etwas weitertreiben: Bisher habe ich eine Maschine, nämlich unseren „Flugzeug(Simulator)“ als System betrachtet. Jetzt betrachte ich meinen Organismus als System. Als Anzeige-Instrument betrachte ich die Netzhaut in meinen Augen. So wie Sie im Flugzeug durch die Manipulation des Höhenruders die Anzeige auf dem Höhenmesser (oder im Fenster) beeinflussen können, kann ich die „Anzeige“ auf meiner Netzhaut beeinflussen, indem ich beispielsweise meinen Kopf drehe oder ein paar Schritte gehe. Wiliam Powers (1973) hat geschrieben, dass jedes Verhalten der Kontrolle der Wahrnehmung, also der Steuerung der Anzeige auf den Instrumenten diene. Wenn Sie also das Höhenruder betätigen, dann dazu, dass auf dem Höhenmesser oder im Fenster ein anderes Bild erscheint. Wenn ich den Kopf bewege, dann dazu, dass auf meiner Netzhaut ein anderer Zustand erscheint.

Meine Augen gehören natürlich zu mir, nicht zu meiner Um-Welt. Da ich meinen Organismus als operationell geschlossenes System auffasse, reagiere ich auf meine eigenen Zustände, also etwa auf die Zustände auf meiner Netzhaut, und nicht auf irgendeine „Umwelt“ [3].

Ich sitze also in einer Blackbox, die ich Organismus nenne. Und weil ich in einer Blackbox sitze, ist es für mich eine unentscheidbare Frage, ob ich in einem absoluten Simulator meines Organismuses oder in meinem Organismus stecke. Im Normalfall spielt das aber auch überhaupt keine Rolle, ich verhalte mich in beiden Fällen identisch, so wie ich auch in unserem Flugsimulator und im Flugzeug dasselbe tun würde. Und wenn ich mich identisch verhalte, habe ich auch dieselben Erlebnisse und Gefühle, weil mein Verhalten ja zu denselben Ergebnissen führt.

Als Radikalen Konstruktivismus bezeichne ich die Auffassung, dass die Frage, ob ich im Simulator sitze, nicht entscheidbar ist. Diese Idee durchzieht die Philosophie seit die alten Griechen die Skepsis erfunden haben. Entwickelt erscheint die Idee bei Kant, der von einer Kopernikanischen Wende gesprochen hat, obwohl seine Gedanken schon lange vor ihm bekannt waren. I.Kant hat vorgeschlagen, dass sich unsere Erkenntnis nicht nach objektiven Gegenständen richtet, sondern dass sich die Gegenstände nach unserer Erkenntnis richten. J. Piaget hat die Philosophie von Kant mit seinen Konzepten „Objektkonstanz“ und „la construction du réell“ in gewisser Hinsicht als Konstruktivismus operationalisiert. Und E. von Glasersfeld hat die Ideen von Piaget radikal formuliert. In einem Satz zusammengefasst geht es um die zwei Möglichkeiten: Entweder ich sehe die Welt, so wie ich sie sehe, weil die Welt wirklich und objektiv so ist, oder ich erkläre mir die Wahrnehmungen meines eigenen Zustandes, indem ich eine dazu passende Welt erfinde. Im ersten Fall ist die Welt objektiv, indem sie aus von mir unabhängigen Objekten besteht, im zweiten Fall ist meine Welt eine Fiktion, die zu meinen Wahrnehmungen passt.

Quasi-etymologisch steht „Fiktion“ in einem sehr spezifischen Sinn für Tat-Sache, worauf Bateson – Newton zitierend – hingewiesen hat. Eine Fiktion ist ein Erzeugnis oder eben die Sache einer geistigen Tat. Wenn ich mir in meiner Blackbox überlege, wie meine Um-Welt beschaffen sein muss, damit ich mit ihr meine Wahrnehmungen erklären kann, dann mache ich Hypothesen oder nach Newton eben Fiktionen. Ich nehme jetzt auf meinem Anzeige-Instrument „Netzhaut“ einige Personen wahr. Meine einfachste Erklärung dafür ist natürlich, das einige Personen „wirklich objektiv“ in meiner Um-Welt vorhanden sind. Kant nennt diese Erklärung „notwendig falsches Bewusstsein“. Ich nenne sie mit Newton Fiktion. Das Fiktive an der Fiktion ist, dass sie eine mögliche Erklärung ist, aber oft als die einzig mögliche Erklärung betrachtet wird [4].

Die wohl bekannteste Narration dieser Fiktion ist das Höhlengleichnis von Plato. Das Höhlengleichnis hat zwei Teile. Der erste Teil wird in einigen halbwegs äquivalenten Varianten wiedergegeben: Ein Mensch mit fixiertem Auge schaut auf die Rückseite der platonischen Höhle. Hinter ihm wird ein Schatten-Schauspiel produziert, so dass er die Schatten an der Wand sieht, aber nicht, dass sie eine Ursache haben, und schon gar nicht, welche Ursache sie haben. Die Schatten bilden den phänomenalen Bereich dieses Menschen, sie sind seine „Wirklichkeit“, für die er Erklärungen suchen kann. Im zweitenTeil wird der Mensch losgebunden. Er sieht das Schattenspiel. Jetzt ist er erleuchtet, weil er die Beleuchtung gesehen hat. Aber wie soll er das jenen Menschen erklären, die immer noch in ihrer Wirklichkeit angebunden sind? Müssten sie ihn nicht für verrückt halten?

Nicht entscheidbare Fragen

Ich sehe Plato als ganz gewieften Sklavenhalter, der in seinen „sokratischen Dialogen“ – übrigens wie der diebische G. Galilei in seine discorsi – immer einen Schritt voraus ist. Plato weiss, was seine Sklaven nicht wissen, nämlich dass sie nur Schatten sehen, und er weiss auch, dass seine Sklaven zu dumm sind, um seine Erleuchtung nachzuvollziehen.

Für die gewöhnlich Sterblichen ist die Frage, ob sie die Wirklichkeit oder nur Schatten an der Höhlenwand sehen, nicht entscheidbar. Und da fängt das besondere am Konstruktivismus an: Es gibt Fragen, die sind entscheidbar und es gibt Fragen, die sind nicht entscheidbar. Grundlage dieser Fiktion ist, dass Fragen wie: „Wieviel ist 2 + 2 ?“ in ihrem Kontext eine klare Antwort haben, während K. Gödel mathematisch bewiesen hat, dass es in der Mathematik nicht entscheidbare Fragen gibt. Fragen, die entscheidbar sind, sind immer schon entschieden. Man kann nichts entscheiden, sondern nur die bereits entschiedene Antwort entdecken. Fragen dagegen, die nicht entscheidbar sind, können wir entscheiden (H. von Foerster). Dabei übernehmen wir Verantwortung, das heisst, wir müssen später antworten können auf die Frage, weshalb wir uns so und nicht anders entschieden haben – falls uns jemand zu antworten zwingen kann [5].

Die nicht-entscheidbare Frage, die im Radikalen Konstruktivismus aufgehoben ist, lautet: Was ist in der Blackbox, die meinen Organismus als meine Um-Welt umgibt? [6]

Wahrheit statt Fiktion

Wenn ich die Fiktion aufgebe, dass ich wissen kann, was in der Blackbox um mich herum wirklich ist, kann ich keine Wahrheit mehr behaupten. Die Wahrheit erscheint dann als Erfindung eines Lügners. Aber was verliere ich und was gewinne ich, wenn ich auf Wahrheit verzichte? Ich will diese Frage nicht ethisch sondern empirisch angehen, also schauen, wo in meiner Praxis Wahrheit überhaupt einen Stellenwert hat. [7].

Die Wahrheit oder die Wirklichkeit oder die Realität interessiert mich – im Prinzip – nicht. Wenn ich in unserem Flugsimulator sitze, ist es doch gleichgültig, ob das Matterhorn, das unten vorbeizieht wirklich dort unten ist, oder ob es eine Anzeige in meinem Fenster ist. Es ist gleich schön und weckt in mir die gleichen Erinnerungen. Wenn der Höhenmesser 20000 Fuss zeigt, will ich nicht wissen, wie hoch ich wirklich fliege, ich sehe ja, dass ich auf 20000 bin. Wann also wird das Prinzip verletzt, wann interessiere ich mich für Wahrheit?

Die empirische Frage, die ich vorschage, lautet: Ueberlegen Sie bitte, wann, respektive in welcher Situation Sie eines der Wörter mit der Bedeutung von „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ ausgesprochen oder gehört haben. Ueberlegen Sie also nicht, was die Wörter genau bedeuten, sondern wann sie von Ihnen oder von andern tatsächlich verwendet werden.

Meine Erfahrung ist folgende: Ernsthaft werden diese Wörter ausschliesslich in Situationen verwendet, in welchen jemand in arger Not ist, es sind agressive Beschwörungs- oder Hilferufe. Ein ganz typischer Ort ist etwa ein Mordprozess, wo ein Angeklagter und der Staatsanwalt von ganz gegensätzlichen Dingen behaupten, sie seien wirklich wahr. Diese Wörter werden in Situationen verwendet, in welchen es extrem wichtig erscheint, dass andere Menschen dieselben Für-wahr-nehmungen machen, dies aber nicht freiwillig tun. Es sind Wörter, die ich nur im Streit und im Krieg höre, also nur dann, wenn die Situation bereits katastrophal ist.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Sie fiktiv immer noch in einem absoluten Simulator sitzen. Nun haben Sie in diesem Simlulator zwei (oder beliebig mehr) Höhenmesser. Die zeigen logischerweise im Normalfall alle dieselbe Höhe an. Jetzt sehen Sie plötzlich, dass verschiedene Höhen angezeigt werden. Jetzt wären Sie natürlich sehr froh, wenn Sie wüssten, dass Sie in einem konventionellen Simulator sitzen. Dann müssten Sie abwägen, ob diese Störung Teil einer Uebung ist, die Sie gerade durchspielen, oder ob der Simulator eine Störung hat. In beiden Fällen würden Sie mehr oder weniger cool – und am Boden – bleiben. Weit ungemütlicher wäre es, wenn Sie wüssten, dass Sie im Flugzeug sitzen. Diese Situation bezeichne ich als Krise, und wenn sie sich entsprechend entwickelt, als Katastrophe. Das ist der Augenblick, wo „man“ wirklich wissen möchte, was wirklich der Fall ist. Sie schauen aus dem Fenster …

Jetzt kehre ich mein Reden um: Wenn ein Pilot aus dem Fenster schaut, ist er in einer Katastrophe. Natürlich meine ich nicht den Piloten, der sich am Matterhorn, das weit unten in der Sonne glänzt, erfreut, sondern den Piloten, der überprüfen will, welcher seiner Höhenmesser richtig funktioniert, respektive welcher Höhenmesser die Wahrheit sagt. Ich erinnere Sie nochmals: meine Geschichte ist eine Fiktion. Aber ich habe schon mehrere Zeitungsartikel gelesen, in welchen beschrieben wurde, wie Piloten von irgendwelchen Dingen, die sie durch die Fenster sahen, zu falschen Annahmen geführt wurden und abstürzten. Ich meine natürlich nicht, dass das Rausschauen, also das wissen wollen, wie es wirklich ist, die Ursache für die Abstürze war. Ich meine, dass man genau in den Situationen, in denen ein Absturz schon grosse Wahrscheinlichkeit hat, also in einer Krise, aus der Blackbox rausschauen will.

Solange alles gut läuft, habe ich keinen Grund zum Rausschauen, wenn es gut läuft, ist es gleichgültig, ob ich im Simulator ode im Flugzeug sitze. Dann vertraue ich darauf, dass das System funktioniert, ich vertraue meinen Wahrnehmungen. Erst wenn ich dieses Vertrauen verliere, will ich aus dem System hinausschauen. Dann ist die Situation bereits so kritisch, dass Rausschauen nichts mehr nützt – und ganz besonders stimmt das natürlich in unserem absoluten Simulator.

Der konstruktivistische Dialog

Wenn ich die Fiktion aufgebe, dass ich wissen kann, was in der Blackbox um mich herum wirklich ist, kann ich meine Um-Welt als meine Fiktion erkennen. Meine Um-Welt erscheint mir dann als eine Fiktion, die zu meinen Erfahrungen passt, also eine Fiktion, mit welcher ich mir meine Erfahrungen erklären kann. Natürlich kann ich dabei nicht eine x-beliebige Umwelt erfinden, sondern nur eine die zu meinen Erfahrungen passt.

Dann kann ich annehmen, dass andere Menschen das auch tun, aber ich kann nicht annehmen, dass andere Menschen dieselben Erfahrungen machen wie ich – eben deshalb sind sie ja andere Menschen – und ich kann nicht annehmen, dass sie, falls sie dieselben Erfahrungen hätten, diese auch mit derselben Um-Welt erklären würden wie ich, weil es für jedes Verhalten einer Blackbox viele Erklärungen gibt. Wie etwa stellen Sie sich vor, wie eine Kröte ihre Augenbewegungen steuert? Mit einem Pentium-Prozessor, wie wir ihn in unseren Kanonen verwenden?

Im konstruktivistischen Dialog – den ich hier führe – kann es demnach nicht darum gehen, irgendeine Wahrheit zu finden, oder die andern von irgendeiner Wahrheit zu überzeugen. Es geht darum, sich der eigenen Fiktionen bewusst zu werden – und allenfalls darum gewinnbringendere Fiktionen aufzubauen. Im Dialog erzähle ich eine Möglichkeit – nämlich diejenige, die ich gerade zur Verfügung habe. In einer dialogischen Haltung prüfe ich nicht, ob das, was andere erzählen, richtig oder wahr ist, sondern ob es auch zu mir passen würde, also ob ich diese Fiktion auch erzählen könnte. Im Radikalen Konstruktivismus heissen die Fiktionen, die wir als Erklärungen verwenden, Konstruktionen. Das kann man sehr wörtlich verstehen. In der Systemtheorie werden ja Feedbackmechanismen – und das sind ja eigentliche Konstruktionen – als Erklärungen verwendet. Ein zentrales Postulat des konstruktivistischen Dialoges lautet: Erhöhe die Anzahl der Erklärungen! Je mehr verschiedene und je entwickeltere Konstruktionen mir zur Verfügung stehen, umso verantwortunsbewusster kann ich wählen. Wenn ich nur eine Möglichkeit sehe, bin ich ihr ausgeliefert.

Damit widerspiegelt der Konstruktivismus eine spezifische Sicht auf unsere Kultur. Natur ist alles, was autopoietisch oder eben selbst entsteht; Kultur ist alles, was wir herstellen, also konstruieren. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit besteht in immer entwickelteren Konstruktionen wie etwa Flugzeuge, Flugsimulatoren und absolute Simulatoren. Wir sind nicht schlauer als die alten Griechen, aber wir bauen schlauere Flügel als Ikarus oder Dädalus es getan haben – auch wenn wir der erleuchtenden Sonne immer noch oft zu nahe fliegen wollen.

Die Vorstellung einer Wahrheit führt zu einem Monolog. Als Monolog bezeichne ich ein Gespräch, das als Ziel hat, dass die Beteiligten dasselbe denken. Im Gegensatz dazu sehe ich den Dialog als ein Gespräch mit dem Ziel, dass viele Denkweisen entwickelt werden


Anmerkungen

[1] Ich verdanke die ganze Fiktion der U-Boot-Metapher von H. Maturana. (zurück)

[2] Dornheim (1995) berichtet von einem wörtlichen „Fall“: Piloten eines Airbuses mussten über dem Moskauer Flughafen durchstarten. Aufgrund der im System herrschenden Bedingungen wurde der Autopilot so aktiviert, dass Manipulationen der Piloten wirkungslos waren. Das Flugzeug wurde voll beschleunigt und voll nach oben gezogen. An der kritischen Grenze verlor der Autopilot die Kontrolle und das Flugzeug (kein Akrobatikmodell, sondern ein Airbus) trudeltet ab. Die Eigendynamik des Airbuses bewirkt, dass das Flugzeug fallend in einen stabilen Zustand zurückkommt, so dass der Autopilot seine Funktion wieder aufnimmt und das Flugzeug erneut voll durchstartet und hochzieht. Die Piloten realisieren nicht, dass ihre Manipulationen wirkungslos sind, sie steuern nach bestem Wissen und meinen, dass sie manchmal das Flugzeug in Griff kriegen und dann wieder verlieren. Erst nach mehrenen „Abstürzen“, die glimplicherweise alle über dem Boden endeten, merken die Piloten, dass nicht sie, sondern der Autopilot steuert. Sie stellen den Autopilot ab und landen das Flugzeug ganz normal, wie wenn nicht gewesen wäre. (zurück)

[3] Die Nervenimpulse die von den Sinnesorganen ins Gehinrn gelangen, machen einen sehr geringen Anteil der dortigen Nervenimpulse aus. Das Gehirn ist viel mehr mit seinen eigenen Zuständen beschäftigt, als mit dem, was quasi von ausen kommt. (zurück)

[4] Die Behavioristen, die die Blackbox vorgeschlagen haben, vertraten die Ansicht, man müsse sich nicht darum kümmern, was in der Blackbox drin sei, weil man das ohnehin nicht verifizieren könne. Sie begnügten sich deshalb – bescheiden oder dumm – damit, das Verhalten (behave) der Blackboxes zu studieren. Die Systemtheorie interessiert sich für mögliche Inhalte der Blackbox. Wenn ein Mechanismus gefunden wird, der das Verhalten der Blackbox erklärt, kann man im Sinne des Engineerings eine entsprechende Blackbox bauen. Wer aber einen Roboter baut, muss sich nicht einbilden, ein Mensch würde auch so funktionieren. Die sogenannten Kognitivisten (Künstliche Intelligenz) versuchen mit ihren Modellen die menschliche Kognition zu beschreiben. Sie fallen damit weit hinter den Behaviorismus zurück.(zurück)

[5] Bei entscheidbaren Fragen können wir natürlich keine Verantwortung für die Antworten übernehmen, weil sie nicht von uns abhängig sind. Wissenschaftliche Aussagen sind in diesem Sinne immer verantwortungslos, weil sie von sich behaupten, nicht subjektiv zu sein. Wissenschaftliche Aussagen in einem strengeren Sinne unterstehen natürlich vor allem auch deshalb keiner Verantwortung, weil sie Propositionen im logischen Wenn-dann-Modus sind. Wenn ein bestimmtes Axiomensystem zugrunde liegt, dann stimmt 2 + 2 = 4. Wenn man eine bestimmtes Experiment genau wiederholt, dann kriegt man ein bestimmtes Resultat, usw. (zurück)

[6] Natürlich kann man die Frage über die Systemtheorie hinaus radikalisieren und den eigenen Organismus auch zur Umwelt zählen, wie das in Meditationen gemacht wird. Allerdings verschwinden dann auch Fiktion und Narration. (zurück)

[7] Ethik ist selbst ein Konzept wie Wahrheit und kann in dem vorgeschlagenen empirischen Spiel mitverwendet werden. Mehr zur Ethik (zurück)

Eine Antwort zu “Fiction: der Pilot im Simulator

  1. Pingback: Fiktion, fiktiv | Dialog

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