„Geld“ als Homonym


Als Homonym bezeichne ich einen Ausdruck, den ich für verschiedene Gegenstände (Referenzobjekte) verwende. Den Ausdruck Bank etwa verwende ich für eine Sitzgelegenheit (bench, banc) und für ein Geldinstitut (bank, banque).Ich unterscheide also zwei Gegenstände, für die ich (in meiner Sprache) das gleiche Wort verwende. Von einem Homonym spreche ich nur, wenn die bezeichneten Gegenstände in meinem Verständnis nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich einen Zusammenhang zwischen ihnen herstelle, spreche ich von einer Metapher.

Homonyme verursachen zwei Arten von Missverständnissen. Ganz einfach aufzulösende, wenn die gemeinte Sache verwechselt wird, und kaum aufzulösende, wenn Homonyme nicht als solche erkannt werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir das Homonym Bank je als Kommunikationsproblem begegnet ist. Ich glaube, alle, die mit mir sprechen, erkennen das Homonym und erkenne sehr rasch, von welcher Art Bank die Rede ist.

Ganz anders ist es bei Geld. Ganz viele, die mit mir sprechen, verwenden das Wort Geld nicht homonym, sondern nur für eine Sache, nämlich für das, was sie gerne hätten, weil sie wissen, was sie damit kaufen könnten und für das, was sie der Bank oder die Bank ihnen schuldet. So erzeugen sie paradoxe Formulierungen, die Inbegriff von kommunikativen Missverständnissen sind.

Ich verwende den Ausdruck Geld für zwei ganz verschiedene Sachen. Zum einen bezeichne ich damit die Gegenstände, die ich Porte-Monnaie habe, also Banknoten und Münzen, und zum andern bezeichne ich mit Geld eine Grösse, in welcher ich den Wert einer Sache in Währungseinheiten ausdrücke. Wenn ich mit Geld Banknoten meine, kann ich sagen, dass ich viel oder wenig Geld habe und damit die Anzahl Banknoten meinen, die ich habe. Wenn ich meine Banknoten – beispielsweise einem Bekannten, einem Kunden oder einer Bank – ausgeliehen habe, habe ich diese Banknoten nicht. Dann kann ich nur paradoxerweise sagen, dass ich dieses Geld habe.

Wenn ich mit Geld dagegen eine Grösse – wie etwa Länge oder Gewicht – bezeichne, kann ich nicht viel oder wenig davon haben, und eine Grösse kann ich auch nicht sparen, aufbewahren oder ausgeben. Ich kann beispielsweise Silber haben. Dann kann ich das Gewicht messen. Natürlich kann ich Silber aufbewahren oder weggeben, aber das Gewicht kann ich nicht weggeben. Das Silber hat einen bestimmten Wert, den ich auf dem Markt erfahren kann. Wenn ich sage, dass mein Silber 1 Kilogramm schwer ist, verwende ich Gewicht als Grösse. Wenn ich sage, dass mein Silber 1000.- Franken wert ist, verwende ich Geld als Grösse und Franken als Einheit. Ich kann den Wert aber ebensowenig wie das Gewicht aufbewahren oder weggeben, ich kann bestenfalls sagen, dass der Wert wie das Gewicht beim Silber bleibt, wenn ich das Silber weggebe.

Die begriffliche Konfusion entsteht durch die paradoxe Redeweise, dass ich oder sonst jemand Geld auf einer Bank habe. Kaum jemand (der nicht zu Mafiakonsorten gehört) meint damit, dass er Banknoten in einem Banktresor habe. Normalerweise ist ein Darlehensverhältnis gemeint, das – aus dubiosen Gründen – nicht so bezeichnet wird. Zum Darlehen gehört, von Zinsen und dergleichen abgesehen, dass wenn nicht dieselbe Sache derselbe Wert zurückgegeben wird. Der Wert aber wird in Geldform gemessen ganz unabhängig davon, worin das Darlehen besteht. Die Bank schuldet mir das Darlehen, nicht Geld. Wenn sie Silber hat und mir Silber genehm ist, kann sie mir Silber oder jede andere Ware mit demselben Wert zurückzahlen. Banknoten sind in Bezug auf die Rückzahlung der Schuld nur eine mögliche Form.

Wenn eine Bank mein Schuldner ist, weil ich einen Betrag im Sparbuch habe, habe ich kein Geld und kein Geld auf der Bank.

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