Erd-beere, Wal-fisch, Wal-nuss und Giral-geld …


oder wie adjektivische Voranstellungen in einem zusammengesetzten Wort zu interpretieren sind

Auf irgendeine unverstandene Art versteht jeder – der Deutsch spricht -, was mit dem Ausdruck „Erdbeeren“ gemeint ist. Dem Marktfahrer kann ich sagen, dass ich gerne Erdbeeren hätte, und ich kriege Erdbeeren. Das Referenzobjekt des Ausdruckes, also was ich mit dem Wort meine, ist gemeinhin bekannt. Es ist eben das süsse, rote Ding, das Erdbeere heisst.

Man kann den Ausdruck „Erdbeere“ als beliebige, arbiträe Bezeichnung sehen, die wie der Rufname eines Kindes keinen andern Grund hat, als dass er einmal gewählt wurde. In der linguistischen Sprachwissenschaft hat sich diese Vorstellung von F. de Saussure – jenseits von Doppelwörtern – eingebürgert. G. Frege dagegen meinte, dass Doppelwörter ihre Bedeutung von den Bedeutungen der Teilwörtern übernehmen. Warum aber Beeren Beeren und Erde Erde heissen, hat auch er offen gelassen. B. Whorf hat dann aber anhand von vielen problematischen Fällen gezeigt, dass Ausdrücke und insbesondere Doppelwörter sehr oft quasietymologisch gedeutet werden, dass sie also nicht als zufällige Symbole, sondern als Aussagen über die Welt verstanden werden. Wenn ich „Erdbeere“ nicht als zufälligen Eigenname verstehe, könnte ich in diesem Sinne deutend meinen, dass damit eine bestimmte Sorte von Beeren bezeichnet wird, wozu ich natürlich wissen muss, was ich, egal wie arbiträr der Ausdruck ist, als Beeren bezeichne.

Wenn ich mit Erdbeere eine Sorte bezeichne, bezeichne ich damit gleichzeitig, dass es auch andere Sorten gibt. Ich kenne auch Himbeeren und Stachelbeeren. Beere wäre damit eine Bezeichnung für das, was allen Beeren zukommt, also ein abstrakter oder allgemeiner Begriff, den ich definieren kann, indem ich das bezeichne, was allen Beeren gemeinsam ist. In einem naiven, quasi naturwissenschaftlichen Sinn, beschreibe ich damit, was Beeren wirklich sind. In einem weniger naiven Sinn beschreibe ich, wie der Ausdruck von wem verwendet wird, weil ich weiss, dass Biologen andere Klassifikationsinteressen haben als der Marktfahrer.

In der Perspektive der Biologen wachsen eigentliche Beeren nicht nahe der Erde, sondern an Sträuchern und haben wässeriges Fruchtfleisch und Kernen. Erd-Beeren sind in diesem Sinn also gar keine Beeren. Biologisch gesehen sind Erdbeeren Sammel-Fruchstände der Pflanzengattung Rosaceen. Die eigentlichen Früchte dieser Pflanzen sind die Nüsschen, die auf dem roten, süssen Fruchtboden sitzen. Die Erdbeeren gehören zu den Nüssen. Die adjektivische Vorsilbe sagt also, dass es sich gerade nicht um Beeren handelt, während die Hauptsilbe sagt, dass wir sie wie Beeren essen.

Ich erkenne darin ein generelles Phänomen der deutschen Sprache. Vorsilben reflektieren sehr oft die Position oder die Perspektive des Sprechers. Ich sage beispielsweise her-aus oder hin-aus, je nachdem, von wo aus ich spreche. Vorangestellte Eigenschaften dienen der begrifflichen Spezifizierung sehr verschieden. Erd-Beere heisst sowohl „Beere nahe der Erde“, wie auch „Nicht-Beere“.

Jenseits der Definitionen geht es hier darum, dass unsere sprachlichen Vereinbarungen oft reflektieren, was wir über die Referenten wissen. Mit der Vorsilbe „Erd-“ verweisen wir darauf, dass Beeren – hier im Sinne einer Verallgemeinerung der biologischen Definition, die auch im Alltagsbewusstsein leicht zu finden ist – gerade nicht bei der Erde, sondern an Sträuchern wachsen. Wir wissen ja im gleichen Sinne, dass „Baum“-nüsse keine Nüsse und „Wal“-Fische keine Fische sind. Dass Walfische keine Fische sind, ist sehr verbreitetes Wissen, man sagt mir sogar, dass das Wort Walfisch falsch sei, während es in den Konversationslexika als „volksd(!)ümlich“ bezeichnet wird. Bei der Walnuss oder bei der Erdbeere dagegen brauche ich oft eine längere Erläuterung bis jemand die die Willkür im gewählten Ausdruck akzeptiert. Gemeinhin einigen wir uns darauf, dass es eben verschiedene Bezeichnungskonventionen sind, dass die bezeichnete Sache aber nicht strittig seien: Erdbeeren sind dann keine Beeren, sie heissen nur so. Wenn man das weiss, gibt es keinen Grund den Ausdruck zu verwerfen oder ihn zu ersetzen. Ich esse also weiterhin Erdbeeren und Baumnüsse.

Problematisch ist nur, wenn nicht erkannt wird, dass die Ausdrücke willkürlich (arbritär) gewählt sind, wenn man also meint, Erdbeeren seien wirklich Beeren, weil sie so bezeichnet werden. Dabei gibt es zwei ganz verschiedene Problemlagen. Im einen Fall erkennt jemand einfach nicht, inwiefern die Bezeichnung nicht adäquat ist. Er kriegt dann auf dem Markt trotzdem, was er will. Er hat sozusagen ein Problem, von dem er nichts merkt. Dass es nicht immer so gut geht, hat B. Whorf ausführlich dokumentiert. Beim Analysieren von Brandversicherungsfällen ist er oft darauf gestossen, dass unvorsichtiges Verhalten, das Brandschäden verursachte, daraus resultierte, dass Bezeichnungen quasi zu wörtlich genommen wurden, so etwa wenn neben ”leeren” Benzinfässern geraucht wurde, weil ”leer” nicht mit ”voll explosiver Gase” verbunden wurde, oder der unter Umständen sehr gut brennende Kalk”stein”, weil er Stein heisst, nicht vor Hitze geschützt wurde, usw.

Im andern Fall geht es nicht darum, dass jemand die Ausdrücke zu wörtlich (miss)interpretiert, sondern dass die wörtliche Interpretation zeigt, wie, also mit welchem Verständnis die Ausdrücke gewählt wurden. Warum von Erdbeeren, Walfischen und Baumnüssen gesprochen wird, ist leicht zu erkennen, die Bezeichnungen entsprechen Kategorien der alltäglichen Anschauung. Erdberren werden wie Beeren konsumiert, Walfische schwimmen wie Fische und Baumnüsse haben eine Schale, die man knacken muss. Bei Doppelwörtern, die nicht so anschaulische Gegenstände beschreiben, ist die Wortbildung oft nicht so einfach nachvollziehbar und damit verbunden werden sie auch eher wörtlich interpretiert. Ausdrücke wie Gesellschaftsvertrag oder Giralgeld sind Kompositionen aus Teilwörtern, die auch einzeln nicht leicht zu definieren sind. Gleichwohl kann bei der Interpretation solcher Doppelwörter auch davon ausgegangen werden, dass der vordere Wortteil als eine Art Bestimmunswort fungiert.

Der Ausdruck „Giralgeld“ liesse sich leicht so verstehen, dass die Vorsilbe „giral“ anzeigt, dass es sich um eine bestimmte Art von Geld handle, so wie der Walfisch als eine bestimmte Art der Fische gesehen werden könnte, was viele Menschen bei Erdbeeren ja tun. Der Ausdruck giral bezeichnet jenseits von Geld als Giro eine Art Kreislauf. Banken bezeichnen Kontokorrente als Girokonten, weil sie verschiedene Kontokorrente in einem Kreis schliessen. Von Girogeld oder Giralgeld würde in diesem Sinne jemand sprechen, der meint, auf einem Bankkonto liege Geld, so wie jemand von Erdbeeren spricht, weil weil er meint, es handle sich um Beeren.

Wenn die Komposition eines Doppelwortes, wie G. Frege meinte, derselben Interpretation unterliegt, mit welcher das Wort dann gedeutet wird, hat jemand von Erdbeeren gesprochen, weil er Beeren wahrgenommen hat, und wer das Wort später hört, meint in derselben Logik, dass die bezeichnete Sache zu den Beeren gehören. In diesem Sinne zeigt die Komposition Giralgeld, dass jemand meinte, auf dem Girokonto liege Geld. Und wer beim Dopppelwort Giralgeld in derselben Logik denkt, meint Giralgeld sei Geld.

Man kann Giralgeld auch so verstehen, dass der Bestimungswortteil giral anzeigen soll, dass es gerade nicht um Geld geht. Auf dem Konto der Bank werden Schulden und Guthaben verbucht, ohne dass irgendwelches Geld fliesst, geschweige denn auf der Bank liegt. Giral heisst dann in Bezug auf Geld un-bar oder expliziter un-sicht-bar, weil der Kontoinhaber den Kontostand ausschliesslich durch Umbuchungen verändern kann. Die Kontostände von allen Bankkonten werden wie jene in der Finanzbuchhaltung in Währungseinheiten wie Franken oder Euro angegeben. In dieser Perspektive gehören Währungseinheiten zu einer Grösse, die mit dem Ausdruck Geld bezeichnet wird, so wie Meter und Meilen Einheiten der Grösse Länge bezeichnen. Giralgeld gibt es in dieser Perspektive so wenig wie es in der Terminologie eines Biologen Erdbeeren und Walfische gibt.

Sprachsoziologisch gesehen – und darum geht es hier, wobei zu beachten ist, dass Sprachsoziologie ein Doppelwort ist – geht es nicht darum, was Beeren oder Geld wirklich sind, sondern es geht darum, zu verstehen, wie die Wörter verwendet werden. Wer von Erdbeeren spricht und damit Beeren bezeichnet, bezeichnet mit Beere eben etwas ganz anderes, als der systematische Biologe es tut. Und wer mit Giralgeld Geld bezeichnet, wird wohl eine dazu passende Vorstellung von Geld und Banken haben. Sprachsoziologisch interessant ist, wie sich diese Vorstellungen begrifflich fassen lassen. Hier geht es nicht um Erdbeeren und Giralgeld, sondern um eine sprachsoziologische Methode, in welcher das Sprechen als selbstreferentielle Reflexion beobachtet wird. Wer von Giralgeld spricht, bezeichnet – wie bewusst auch immer – eine sehr spezifische Sichtweise.

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