noch mehr zu Gutenberg (2. Teil)


zum 1 Teil Ein paar kritische Anmerkungen zur Gutenberg-Geschichte

Entscheidend am Stempel als Textwerkzeug ist, dass in ihm die Form des herzustellenden Zeichens aufgehoben ist, so dass Exemplare des Zeichens mit weniger Aufwand und weniger Geschick hergestellt werden können als wenn sie von Hand anfertigen geschrieben werden.

Es ist entwicklungslogisch unerheblich, wann Meissel, Feder und Stempel von wem zum ersten Mal verwendet wurden. Historiker mögen es interessant finden, dass in Asien viel früher als in Europa Schriftzeichen mit Stempeln hergestellt wurden. Wenn man – aus welchem Grund auch immer – solche Erfindung einem Erfinder zurechnen will, muss man sich mit solch peinlichen Fragen befassen. Wenn ich dagegen nur beschreiben will, was Gutenberg gemacht hat, spielt es keine Rolle, ob er es als erster gemacht hat oder welche Vorbilder er gekannt hat.

J. Gutenberg hat sicher nicht den „Buchdruck“ erfunden, aber er hat einige Verfahren verwendet, die das Herstellen von Textkopien effizient gemacht haben. Ein wichtiges Verfahren mit allerlei Voraussetzungen, das als „Buchdruckes-mit-beweglichen-Lettern“ bezeichnet wird, besteht darin, Zeichenstempel aus einem Setzkasten auf einem Winkelhaken anzuordnen.

patrize

Das vielleicht wichtigste Verfahren von J. Gutenberg betrifft die Herstellung von Stempeln durch Giesen, wozu eine Patrize und eine Matrize hergestellt werden. Dabei geht es nicht darum, mit einem Stempel mehrfach zu drucken, sondern den Stempel durch Giessen mehrfach herzustellen, was für den Setzkasten und für das damit verbundene Verfahren, in welchem die Letter-Stempel in einen Rahmen gebracht werden, notwendig ist. Dabei wird also nicht die Form des herzustellenden Buchstabens sondern jene des Letters in der Gussform aufgehoben, so dass die Exemplare des Letters mit weniger Aufwand und weniger Geschick hergestellt werden können als wenn sie – wie die jeweilige Patrize – von Hand anfertigt würden.

Das Herstellen des Textes beruht darauf, dass Farbe auf den Textträger (Beschreibstoff) aufgetragen wird. Dazu gibt es sehr verschiedene Verfahren, wobei hier nur solche mit Drucktypen interessieren. Bei der Schreibmaschine beispielsweise wird die Drucktype auf ein Farbband geschlagen. Im hier interessierenden Fall unterscheide ich eine Abreibtechnik und das eigentliche Drucken, wobei in beiden Fällen die Farbe vom eingefärbten Bleisatzes (oder Holzschnittes) mit Druck übertragen wird. Beim Abreiben wird das Papier auf den Bleisatz gelegt und mit dem Handballen oder beispielsweise mit einer Bürste durch Reiben angedrückt. Mit einer Druckerpresse dagegen werden der Drucksatz und das Papier auf Platten aufgespannt, die mit einem Mechanismus zusammengedrückt werden. In der einfachsten Form, die Gutenberg von einer Weintraubenpresse übernommen hat, wird eine Spindelpresse mit einem Hebelarm verwendet. Dabei Damit wird der ganze Drucksatz schnell und überall gleich stark belastet, so dass die Farbe gleichmässig übertragen wird.

Der sogenannte „Buchdruck“ besteht aus einer Reihe verschiedener und unabhängiger Verfahren, die alle den Zweck haben, mehrere Exemplare eines Textes herzustellen, wobei jedesmal wohlgeformte Tintenkörper auf einen Textträger aufgetragen werden – die unter anderem auch als Buchseiten verwendet werden können. Die gedruckten Seiten sind keine Kopien eines Originales, wenn man von einer Kopie verlangt, dass sie gleich aussehen soll wie das Original. Texte die in Skriptorien von Hand abgeschrieben werden, sind dagegen Kopien und auf einem Fotokopiergerät werden Kopien erstellt.

Die Mechanisierung der Textherstellungsverfahren ist exemplarisch für die Mechanisierung jeder Handarbeit. Die Gutenbergverfahren sind in dem Sinne primitiv, als die Mechanismen noch von Hand angetrieben und gesteuert werden, also noch keine Maschinen, geschweige denn Automaten darstellen. Die Werkzeuge sind aber bereits so weit entwickelt, dass die Arbeit wesentlich effizienter und vor allem arbeitsteilig organisiert werden kann.

Der Sage nach gab es seit dem 1. Jh. v. Chr. einen „Buchmarkt“ für griechische und lateinische Literatur. Die Herstellung der Texte erfolgte durch Sklaven und Freigelassene, es gab aber auch schon Verleger wie Atticus und Buchhändlern wie die Gebrüder Sosius. Das Gewerbe ist also in keiner Weise an den „Buchdruck“ oder an eine bestimmte Technik gebunden. Es scheint vielmehr so, dass Sklavenhalter nicht erkennen konnten, dass industrielle Mechanisierung, wie sie Gutenberg geleistet hat, viel mehr Mehrwert abwerfen als Slavenarbeit.

Jenseits von antiken Sagen und kapitalistischen Interessen ist jedes technische Verfahren ein Lösung für das Problem, das in der Beschreibung des Verfahrens erläutert wird. Verfahren, die durch Technik aufgehoben werden, bezeichne ich als Operationen. Auf der Ebene von Handlungen hat die Lösung von Gutenberg das Problem gelöst, dass die Sklaven in den Skriptorien die Texte, die sie schreiben mussten, langsam und schlecht herstellten und viel kosteten, auch wenn sie für mager Kost und karge Logie geschrieben haben. Auf der Ebene von Operationen beobachte ich konstruktiv beschreibbare Aspekte von Handlungen, also konstruktiv festgelegte Teile eines Verfahrens. Hier geht es darum, wie die Zeichenkörper hergestellt und platziert werden. Wenn jemand im Skriptorium einen Buchstaben schreibt, stellt er ihn dadurch her, dass er ihn mit der Feder auf dem Papier formt. Wenn der Buchstaben mit einem Stempel hergestellt wird, muss er nicht geformt werden. Der Stempel löst also das Problem, dass der Buchstabe geformt werden muss. Der Stempel oder bei Gutenberg der einzelne Letter muss wie die Feder mit Farbstoff angereichert auf das Papier gedrückt werden. Dieses Problem wird also nicht gelöst, es wird nur ein anderes Verfahren verwendet. Wie eine technisch viel weiter entwickelte Lösung, nämlich der Tintenstrahldrucker zeigt, ist das Verfahren mit der Feder, bei welchem flüssige Tinte geziehlt aufgetragen wird, auch auf ganz andere Weise aufhebbar.

handgiessapparat

Weil der Handgiessapparat oft als Kern von J. Gutenbergs Erfindung bezeichnet wird, soll hier auch dieses Verfahren unter dem Gesichtspunkt der Technik betrachtet werden. Das Giessen war zur Zeit von Gutenberg von der Herstellung von Glocken schon gut bekannt. Der Sage nach hat Gutenberg in seiner Handwerkerkarriere selbst Rahmen für Spiegel gegossen. In seinem Apparat hat er Drucktypen aus einer Bleilegierung hergestellt, wozu er eben Matrizen verwendet hat, die er mit Patrizen, also mit Stempeln geprägt hat, die von Hand aus Stahl hergestellt wurden. Die Patrize und die Drucktype sind in der wesentlichen Hinsicht gleich, sie werden nur mit verschiedenen Verfahren hergestellt. Die Patrize wird graviert, die Letter gegossen. Das Giessen verlangt viel mehr Infrastruktur, ist aber handwerklich einfacher und effizienter. Mit den Handgiessapparat wird also vor allem ein ökonomisches Problem gelöst, denn die Letter könnten natürlich genauso wie die Patrizen hergestellt werden. Dieses Beispiel zeigt auch, inwiefern Gutenberg zurecht eher als Geschäftsmann als als Techniker gelobt wird. Für einen Setzkasten braucht man viele Exemplare von jedem Typ.

Die Verfahren, die Gutenberg angewendet hat, haben ältere Verfahren ersetzt und wurden in der technischen Entwicklung ihrerseits durch neuere ersetzt. Die Produktion von Text unterliegt einer Evolution, in welcher sehr viele Entwicklungsstufen immer noch rezent sind. Ich schreibe immer noch mit einem Bleistift, weil das in vielen Situationen für mich das beste Verfahren ist. Diesen Text schreibe ich aber mit einem sehr handlichen Computer und lege eine Kopie davon auf einen Internetserver, von wo er „on demand“ auf beliebige andere Computer kopiert werden kann. Alle Verfahren, die Gutenberg verwendet hat, spielen dabei absolut keine Rolle mehr. Und wenn ich diesen Text in einem Buch veröffentliche, wird der Text wie bereits vor Gutenbergs Zeiten auf Papier aufgetragen, das als Seiten des Buches „gebunden“ wird. Natürlich wird Papier mittlerweile anders hergestellt und Bücher werden nur noch selten wirklich gebunden, weil auch diese Verfahren einer technischen Entwicklung unterliegen.

Fortsetzung folgt demnächst

Anmerkung:
Die Bilder stammen aus dem wunderbaren Youtube-Video von Stephan Füssel, in welchem die Gutenberggeschichte aber sehr traditionell erzählt wird

3 Antworten zu “noch mehr zu Gutenberg (2. Teil)

  1. Pingback: Ein paar kritische Anmerkungen zur Gutenberg-Geschichte | Dialog

  2. Fein, an dieser Darstellung, die präzise benennt, was Technik als Verfahren (know how) und was als Gegenstand (Materie) ist, ist wunderbar einfach erkennbar: Es gibt stets zweierlei „Technik“:
    – zum Einen das Verfahren / die Methode / Abfolgereihenfolge der „Operationen“, das Wissen
    – zum anderen das, was in „Operationen“ entsteht durch Vergegenständlichung von Wissen über FERTIGKEITEN, indem Materie vreändert wird, Technik als Gegenstand entsteht.
    Damit ist Technik grundsätzlich nichts anderes als Fähigkeit (Wissen, Können) und Fertigkeit (Handling) und ihr Operations-Ergebnis damit deren Vergegenständlichung in Materie, die wir ebenfalls als Technik bezeichnen.

    So ist es z.B. interessant, wie du die „Gutenbergsche Buchdruckerei“ nach solchen sauberen Kriterien als Keine Buchdruckerei sondern lediglich als durch Operation mittels techn. Verfahrenskenntnisse stattfindende Vergegenständlichung von immateriellen Zeichen zu deren materiellen Verfielfältigung führt – was wohl bis heute ein bedeutsamer Vorgang ist, wo und wie auch immer er stattfindet, einschliesslich als Grundprinzip all dessen, was gerne als Digitalisierung begriffen wird.

  3. danke. Und ja, ich will einfach klar sprechen, also begrifflich unterscheiden, genau hinschauen. So wird erkennbar, wo andere Menschen anders schauen.
    Dass es Immaterielles und Wissen oder Fähigkeiten „gibt“, will ich in keiner Weise bestreiten. Ich schreib nur nicht darüber. Die Verfahren sind zeigbar, die Fertigkeiten nur denkend erschliessbar.

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