Kategorie versus Klasse oder Eigenschaftsdomäne


Der Ausdruck Kategorie wird sehr vielfältig verwendet. Umgangssprachlich wird der Ausdruck Kategorie oft für Klasse verwendet und in der Logik ist oft von einem Kategorienfehler die Rede. In der Wikipedia steht, Kategorien seien durch andere Begriffe begründbare Begriffsklassen oder Konzepte, die keine Oberbegriffe oder allgemeinere Begriffe zulassen. Klassische Beispiele seien Substanz und Form. Die Sache erscheint etwas kompliziert, wenn ich nicht wie Aristoteles und I. Kant ohne Theorie über Kategorien sprechen, also sie nicht a priori oder voraussetzen will, oder sie nicht empirisch anhand von Kommunikationen bestimmen will. Eine Komplikation ergibt sich aus der sprachlichen Verkürzung, in welcher die Differenz zwischen Klasse und Kategorie aufgehoben wird, indem Eigenschaftsdomänen als Kategorien aufgefasst werden. Ich klassifiziere nach Eigenschaften, aber welche Eigenschaften ich dabei verwende, ist eine Frage der Kategorien.

Als Kategorien bezeichne ich die in einer Theorie beobachte Einheit der Unterscheidung einer Beobachtung. Ich gebe zuerst eine kurze Erläuterung des Begriffes jenseits von Theorie und anschliessend eine Erläuterung dazu, welche Rolle die Kategorie in der Theorie hat.

Im einfachsten Fall beobachte ich Beobachtungen vom Typ des elementarsten Sprechaktes „Es ist xy“. Ich kann mit dieser Beobachtung, also wenn ich beispielsweise den Satz „Das Auto ist rot“ sage, einem Ding oder einem Sachverhalt eine Eigenschaft zuschreiben. Ich kann mit „es ist“ aber auch etwas anderes sagen, etwa dass es dunkel oder Nachmittag ist. Dann verwende ich andere Kategorien. Der Satz: „Das Auto ist rot“ enthält zwei Unterscheidungen und ein Zuordnung. Das Auto wird von anderen Dingen und rot von anderen Farben unterschieden. Wenn ich den Satz beobachte, erscheinen Ding und Eigenschaft, die im Satz nicht vorkommen, als Kategorien. Rot wird dem Auto als Eigenschaft zugeschrieben. Rot ist ein Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe.

Die Kategorie bezieht sich immer auf eine Beobachtung, die Eigenschaft auf etwas Beobachtetes. Eigenschaftsdomäne und Kategorie werden oft verwechselt oder gleichgesetzt. Die Eigenschaftsdomäne bezeichnet den Wertebereich der Eigenschaft. Die Kategorie bezeichnet, dass in der Beobachtung beispielsweise Eigenschaften unterschieden werden.

Die Kategorie als Gegenstand der Theorie

Als Theorie bezeichne ich eine explizite Reflexion (Widerspiegelung) der Kategorien, die ich beim Beobachten von Sachverhalten verwende. Verschiedene Theorien unterscheiden sich durch die je verwendeten Kategorien. Jenseits einer Theorie haben Kategorien für mich keinen Sinn, während sie für I. Kant eine Voraussetzung, also nicht einen konstitutiven Teil der Theorien darstellen. Ich unterscheide zwei Fälle: Im einen Fall beobachte ich Sachverhalte ohne Theorie und im andern Fall wende ich eine Theorie an. N. Wiener beschreibt in seinem Roman Die Versuchung, wie er die Systemtheorie anhand von Beschreibungen von Regelungsmechanismen entwickelt hat. Nachdem die Systemtheorie existierte, wurde sie auf verschiedene Gegenstände angewendet, die davor nicht unter der Kategorie Regelung beobachtet wurden.

Unabhängig davon, wie explizit die verwendeten Kategorie sind, entscheiden sie, wie beobachtet wird. Dabei spielt insbesondere eine Rolle, welchen Kategorien Priorität gegeben wird. Ein Standardbeispiel dafür ist die Kategorie Bedürfnis. Wenn zuerst ein Bedarfszustand beschrieben wird, etwa die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, erscheint die menschliche Tätigkeit als Reaktion darauf. Wenn dagegen das Herstellen als fundamentale Kategorie verwendet wird, geht es gerade nicht darum, irgendwelche Mängel zu kompensieren. Denn dann wären die Mängel fundamental und das Herstellen eben nur eine Kompensationshandlung. Herstellen ist dann das, was Menschen von sich aus ohne jede Not tun. Sie heben damit die natürlichen Bedarfszustände, die sie mit anderen Lebewesen teilen auf. Hunger erscheint dann nicht als Bedarfszustand sondern als Zeichen dafür, dass etwas in der Produktion nicht funktioniert.

In meiner Theorie verwende ich in Anlehnung an A. Leontjew die Kategorie Tätigkeit. A. Leontjew hat in seiner Theorie zunächst die Kategorien der Psychologie beobachtet und kritisiert. In seiner Kritik hat er dann die Kategorie Tätigigkeit erkannt. Er selbst bezeichnet für seine Theorie die Kategorien Tätigkeit, Bewusstsein und Persönlichkeit. Allerdings verwendet er einen anderen Tätigkeitsbegriff als ich.
• In der kybernetischen Theorie von N. Wiener gilt: „Alles ist geregelt – wir fragen nicht, was es ist, sondern wie es funktioniert“.
• In der autopoietischen Theorie von H. Maturana gilt: „Alles, was beobachtet wird, wird von einem Beobachter beobachtet.“
H. Maturana begrenzt die Möglichkeiten der Beobachtungen durch das von Menschen Sagbare. Er lässt offen, warum Menschen überhaupt etwas sagen.
• In der funktionalen Systemtheorie von N. Luhmann gilt: „Es gibt Systeme. Sie produzieren beobachtbare Kommunikationen.“

Natürlich gibt es viele andere Auffassungen, auch wenn sie sehr selten explizit gemacht werden. Weil Kategorie sehr vieldeutig verwendet wird, verzichten viele Autoren auf den Ausdruck und sprechen stattdessen beispielsweise nur von Unterscheidungen oder von Differenzen im Sinne von Différance. Oft wird der Ausdruck Kategorie im Sinne einer Eigenschaftsdomäne verwendet. S. Schmidt gibt dafür ein Beispiel: „Jung, schön und Mädchen machen Sinn, indem sie die in der Unterscheidung unbeobachtet mitlaufende Differenz zu alt, hässlich und Mann in Bezug auf die Kategorien Alter, Aussehen und Geschlecht ausnutzen“ (S.32). Er spricht dabei von der Einheit der Differenz: „Insofern können Kategorien als Einheit der Differenz von semantischen Differenzierungen und Unterscheidungen beschrieben werden“ (S.32) Das Beispiel von S. Schmidt ist so gewählt, dass sich die Einheit als Domäne leicht benennen lässt. Es zeigt aber nicht, weshalb oder wann anstelle von Eigenschaftsdomäne von Kategorie gesprochen wird.

S. Ceccato hat den Unterschied zwischen einer Kamera und dem Auge hervorgehoben, letzteres nimmt nicht einfach Bilder auf, sondern ist „aufmerksam“. H. Maturana sagt: „Wir sehen mit den Füssen“, wir richten unsere Aufmerksamkeit auf uns interessierende Dinge“. Die damit eingeführte, aber nicht näher erläuterte Kategorie heisst „Interesse als Steuerung der Aufmerksamkeit“. Mit dem Verhalten (wohin die Füsse gehen), wird die Wahrnehmung gesteuert (W. Powers). Die Konstruktivisten – angefangen bei S. Ceccato und J. Piaget, der den Ausdruck geliefert hat, beobachten mentale Operationen, die sie der Psyche zurechnen. Sie unterscheiden aber keine Theorie, das heisst, sie erkennen die mentalen Operationen nicht als Kategorie, sondern verwenden sie in der Beschreibung des gemeinten Sachverhaltes. Gleiches gilt für die Viabilität, die E. von Glasersfeld eingeführt hat. Als Kategorie beobachte ich auch hier ein „Interesse an einer viablen Auffassung“, die kein Kriterium hat. (Das führt zu den bekannten Kritikmustern Solipsismus und Beliebigkeit der Konstruktionen). Auch N. Luhmann verwendet den Ausdruck Kategorie umgangssprachlich, ohne ihn zu reflektieren. Ich erkenne darin, dass er zwischen seiner Beschreibung der sozialen Systeme und einer Theorie dazu nicht unterscheidet – obwohl er von einer System“theorie“ spricht, wenn er seine Lehre bezeichnet.

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