Beobachten und die 2. Ordnung


Umgangssprachlich verwende ich das Wort beobachten für eine Tätigkeit, bei welcher ich meine Aufmerksamkeit eine Zeitlang auf einen bestimmten Gegenstand richte. Ich beobachte in diesem Sinne etwa das Verhalten eines Lebewesens. Solches Beobachten kann spontan etwa in Bezug auf ein überraschendes Ereignis erfolgen oder mehr oder weniger systematisch nach empirischen Regelmässigkeiten suchen.

In der umgangssprachlichen Verwendung von beobachten ist aufgehoben, ob die Beobachtung dokumentiert oder wenigstens zur Sprache gebracht wird. Hier interessiert aber nur der Fall, in dem das Beobachtete beschrieben wird. Wenn ich sehe, dass jemand mit einem Feldstecher längere Zeit an einen bestimmte Ort schaut, nehme ich an, dass er etwas beobachtet. Aber nur wenn er beschreibt, was er beobachtet, wird es auch für mich eine Beobachtung.magritte_pipe

Als Beobachtung bezeichne ich in diesem Sinne ein manifestes Resultat des Beobachtens, beispielsweise einen Bericht darüber, was wie beobachtet wurde. In jeder Beobachtung in diesem Sinn wird ein beobachteter Gegenstand bezeichnet und über ihn etwas gesagt, im einfachsten Fall: „x ist y“, beispielsweise „Das Auto ist rot“.

Wenn ich die Beobachtung – also nicht das Referenzobjekt der Beobachtung – beobachte, spreche ich von einer Beobachtung 2. Ordnung. Ich kann dann etwa sagen, dass in der Aussage von einem Auto die Rede ist oder dass die Aussage von xy gemacht wurde. Dabei sage ich nichts über das Auto und dessen Farbe. Da es sich wieder um eine Beobachtung handelt, muss auch sie explizit sein.

Eine spezielle Art der Beobachtung 2. Ordnung beobachtet Unterscheidungen, die in der beobachteten Beobachtung verwendet wurden. Ich beobachte beispielsweise, dass von einem Auto und rot die Rede ist, und frage mich, was dabei wovon unterschieden wird. Rot ist eine Eigenschaft des Autos, die ich als Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe erkenne. Das, was in der Beobachtung unterschieden wird, bezeichne ich als Wert einer Kategorie. In der Beobachtung, dass das Auto rot ist, wurde die Kategorie Farbe gewählt. Die Eigenschaft gehört zum Auto, die Kategorie zur Beobachtung.

Das systematische Beobachtung von Kategorien bezeichne ich als theoretisieren. Als Theorie bezeichne ich eine explizite Reflexion (Widerspiegelung) der Kategorien, die ich beim Beobachten von Sachverhalten verwende. Theorie ist mithin ein Resultat einer Beobachtung 2. Ordnung. Sie beschreibt die Anschauung (theorein), nicht das Angeschaute.

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